Unb gu h-ffen. Dieses Band soll mir bie einzige Erinnerung sein an diese Stunde, in welcher iaj mein ganzes Glück begrub!"
Er hob das blaue Haarband vom Boden auf, faltete es sorgfältig zusammen und barg es in seine Brieftasche, dann schritt er, von Liesbeth begleitet, schweigend dem Gartensalon zu, wo das Frühstück inzwischen servirt worden war.
Sein Entschluß stand fest; noch heute Abend wollte er den Koffer packen und morgen mit dem Frühesten nach seiner Heimath zurückkehren. Der Gedanke, daß Morgen ein Anderer den Verlobungskuß auf die jungfräulichen Lippen Liesbeths drücken werde, niachte sein Blut sieden; um nichts in der Welt hätte er es gewinnen können, dem Feste beizuwohnen.
Als die Familie in den späteren Nachmütags- stunden den gewohnten Platz auf der kühlen, schattigen Veranda eingenommen hatte, gab Victor seine Absicht zu erkennen.
Der alte Herr, dem der Aufenthalt auf seiner Villa ohne Besuch unerträglich langweilig, war, proteftirte energisch gegen die Abreise seines Gastes, auch die Baronin bat dringend, den so unerwartet gefaßten Vorsatz aufzugeben, aber der junge Land- wirth blieb bei seinem Entschluß stehen mit dem Vorgeben, der Verwalter seiner Besitzungen habe dringend um baldige Rückkehr gebeten.
Nur Liesbeth schwieg, aber ihre feuchten blauen Augen ruhten mit so flehendem Ausdruck auf ihm, daß Victor fast schwankend geworden wäre. Wenn er aber an den morgigen Tag dachte, wenn er sich vergegenwärtigte, wie dieser wenig angenehme Mensch mit den blassen Wangen und den eingesunkenen Augen, die zuweilen so boshaft, fast tückffch blickten, sein Ideal, das sein ganzes Denken und Sinnen der letzten Wochen gewesen war, an sich reißen würde, da rief es in ihm: weg — weg von hier! Nur in der Ferne vermag die Wunde zu heilen, die hier niemals vernarben wird.
Da schellte die Glocke, die au dem äußeren Gartenthor angebracht war. Der Baron zog die schwere, goldene Uhr und warf einen Blick auf dieselbe.
„Es wird Herr von Brehmer feinst der heute zu kommen versprach", meinte er, die Mütze lüftend, und mit der Hand über den kahlen Scheitel fahrend, der wie eine Billardkugel glänzte, als wolle er dem Besucher zu Ehren seine Haartour ordnen.
Der Baron hatte sich nicht getäuscht; rasche Schritte wurden auf dem Kieswegs hörbar, und gleich darauf trat, die Reitgerte in der Hand, der Erwartete auf die Veranda.
Mit chevalereskem Gruße zog er leicht den Hut, verbeugte sich vor den Damen und nahm sofort neben Liesbeth Platz. Reitgerte und Handschuhe nachlässig auf den Tisch werfend. Er benahm sich bereits so ungenirt, als sei er ein Mitglied der Familie.
Victor ward cs warm neben Brehmer; es litt ihn nicht in dessen Gesellschaft. Leichtes Unwohlsein vorschützend, erhob er sich und trat in den Garten.
Das Herz wollte ihm zerspringen, als er abermals dem Blick des jungen Mädchens begegnete, der zu sagen schien: O, könnte ich Dir doch folgen. Es war ihm, als milsse er hell aufjauchzen, denn er fühlte,' daß er Liesbeth keineswegs gleichgiltig sei, und im nächsten Augenblicke hätte er doch auch wieder weinen mögen, um die verlorene Hoffnung, um das Glück seines Lebens, das für ihn unwiederbringlich dahin war. Lange war er in den herrlichen Laubgängen auf und ab gewandelt; in Nachsinnen vertieft,' hatte er aber keinen Blick für die Reize der Natur, die sich rings um ihn entfalteten. Seine Gedanken weilten in dem geliebten Mädchen, das zum unschuldigen und unglücklichen Opfer eines düsteren FamilieUgeheimnisses wurde.
Da nahten flüchtige Schritte; nufblickend gewahrte er zwischen dem Laubwerk das Helle Kleid Liesbeths, bie wenigs Augenblicke später vor ihm stand.
„Sie haben uns verlassen, Herr von Rauschen- dorff", sagte sie mit leisem Vorwurf im Tone. „Sie entziehen uns auch noch die wenigen Stunden, die Sie noch hier bleiben wollen? Papa hat mich beauftragt, Sie zu bitten, nach der Veranda zurückzukehren, er — wünscht Ihr Urtheil über eine neue Weinprobe zu hören, die man ihm zugesandt hat."
Die lebten Worte sprach sie so leise, daß Victor sie nur zum Theil verstand. Es schien, als wolle sie den' eigenen Wunsch, den jungen Gutsbesitzer wieder am Tische zu sehen nicht ausfprechen.
, Ihr Bräutigam ist bei Ihnen, mein Fräulein, da bin ich überflüssig!" erwiderte mit trübem Lächeln Victor.
„Sie sind grausam, Herr von Rauschendorff, Sie treiben noch mit meinem traurigen Loose Ihren Spott!" lispelte das Mädchen, ihn mit ihren thränen- feuchtcn Madonnenaugen wehmuthsvoll anblickend. „Und doch darf ich Ihnen, der für mich sein Leben wagte, nicht zürnen, wenn ich auch ewig Ihre Schuldnerin bleiben muß."
„O, sprechen Sie nicht so, Liesbeth! — Lassen Sie mich Sie noch einmal so nennen — sprechen Sie nicht von Dank, wo nur von Menschenpflicht die Rede sein kann", rief Victor mit Wärme. „Und sollte ich mich in den Krater des Vesuvs stürzen muffen, mit Freuden würde ich es thun, wenn ich Ihnen damit nützen könnte."
Von der Veranda in deren Nähe sie jetzt gelangt waren, wurden die Stimmen der dort Sitzenden hörbar und'mahnten sie, von gleichgiltigen Dingen zu sprechen.
„Ei, ei, Herr von Raüschendorff", empfing ihn der Baron, „Sie lausen ja heute umher wie ein Träumender'. Lassen Sie uns wenigstens, wenn Sie durchaus morgen reisen müssen, heute noch einen fröhlichen Abschied feiern." (.Fortsetzung folgt).
Slkdmtis»; A. Scheid«. Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


