Ausgabe 
13.2.1886
 
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mit einem jähen Aufschrei ohnmächtig zusammen und dem hinzuspringenden Soltmann, der sie genau be­obachtet hatte, in die Arme.

Der Kommerzienrath mar sehr aufgebracht darüber, daß man seine Tochter nicht verhindert hatte, hierher zu kommen und schalt auf das Diener­gefolge, deren weiblichem Theil er nun befahl, die Ohnmächtige nach ihren Zimmern zu tragen. In übler Laune wiederholte er den Beamten, daß er den Ermordeten auf seinem Feste nicht gesehen habe und entschuldigte sich mit dringenden Geschäften.

Um Vergebung, Herr Kommerzienrath", sagte der Kommissar,damit können wir uns aber nicht zufrieden geben. Sie müssen uns schon noch ge­statten, Ihr Hauspersonal zu vernehmen."

Und auch Ihre Fräulein Tochter", fügte Solt­mann mit einem Blick auf den Kommissar hinzu.

Etwold stand wie versteinert. Er glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen.

Meine Tochter verhören?" stammelte er. Das ist doch wohl"

Unsere Pflicht", erwiderte kurz der Kommissar.

So thun Sie, was Sie müssen!" rief zornglühend der alte Herr.Beschimpfen Sie meinen durch Jahrhunderte vererbten ehrlichen Namen, brandmarken Sie mein Haus als eine Mörderhöhle immerhin! Ich werde aber nicht ermangeln, an höherer Stelle Genugthuung über die mir angethane Schmach zu fordern."

Der Kommissar zuckte mit einem kalten Blick auf Etwold die Achseln, und dieser ging mit raschen Schritten seinem Hause zu.

2. Kapitel.

Was der rothe Mathies gesehen.

In arger Verstimmung und großer Unruhe weilte der Kommerzienrath in seinem Privatkomptoir-

Im Vorbeigehen hatte er bei seiner Tochter vorgesprochen. Sie war aus ihrer Ohnmacht noch nicht erwacht. Er hatte nach dem Hausarzt gesandt.

Jetzt blätterte er nervös in den Zeitungen. Er wollte sich zur Ruhe zwingen, indem er den Kurs­zettel studirte. Aber die Buchstaben und Zahlen tanzten vor seinen Augen. Unwillig warf er das Blatt weg. Er klingelte. Der Büreaudiener Jonas kam.

Herr Duprat noch nicht da?" fragte Ltwold. Jonas verneinte.So gehen Sie einmal auf sein Zimmer. Er möge sogleich zu mir kommen; ich habe Wichtiges mit ihm zu besprechen."

Der Diener ging, kehrte aber bald zurück und meldete, daß Herr Duprat auf seinem Zimmer nicht sei, sein Bette sei unberührt und Frank, der Pförtner wollte gesehen haben, wie er zur Nachtzeit mit einer leichten Reisetasche das Haus verließ. Er ging durch die Seitenpforte hinaus.

Ein jäher Schreck überkam Herrn Etwold; aber den lauernden Blick des Diener auf sich gerichtet sehend, zwang er sich, ruhig zu erscheinen.

Es war dies ein Mann mit bescheidenem Wesen und einem steten sauersüßen Lächeln im Gesicht, sonst aber mit einem verschmitzten Blick in den kleinen beweglichen Augen. Seine übrige Erscheinung war seiner bescheidenen Stellung entsprechend eine dürftige.Es ist gut, Jonas", sagte er,Sie können gehen."

Der Diener entfernte sich, kehrte aber sogleich mit einer inzwischen abgegebenen Depesche zurück. Dieselbe kam von Duprat und lautete:Unglückliche Nachrichten von unserem Hause in M. Auf dem Wege dorthin; kehre sobald als möglich zurück. Wollte das letztnächtige Vergnügen damit nicht be­einträchtigen."

Das klang beruhigend, und doch schien jetzt Etwolds Unruhe ihren höchsten Grad erreichen zu wollen. Er starrte wie vernichtet auf das Blatt.

Von M.," murmelte er,und hier die Polizei. Sie dürfen nur in die Keller hinabsteigen, um zu ^finden"

Er brach kurz ab, als nach leisem Pochen die unverschlossene Außenthür sich öffnete und die Ge­stalt des rothen Mathies, des nach seinen rothen Haaren so benannten Privatkutschers Etwold, sich hereinschob.

Was wollt Ihr hier noch?" herrschte der Kommerzienrath ihn an.Ich wähnte Euch schon aus dem Hause. Habt Ihr Euren vollen Lohn an der Kasse nicht ausbezahlt erhalten?"

Habe denselben noch gar nicht erhoben", sprach der sommersprossige lange Mensch, dessen unsym­pathisches Aeußere noch durch ein Paar grünlich schillernder Augen erhöht wurde, mit verlegenem Lächeln;und wenn es dem Herrn gefiele, möchte ich es auch jetzt lieber unterlassen."

Jetzt? Warum?" fragte kalt ablehnend Etwold. Ihr wart ja ehedem ganz einverstanden mit Eurer Entlassung für den heutigen Tag."

Ja das war vor dem Morde", sprach, noch immer verlegen, der rothe Mathies.

Etwold blickte erstaunt empor.Vor dem Morde?" wiederholte er.Was hat denn das mit Eurer Entlassung zu thun?"

O, sehr viel", entgegnete schon kühner der Rothe,sehr, sehr viel."

Was mich doch aber nichts angeht", polterte der Kommerzienrath,so wenig wie die ganze dumme Geschichte da draußen. Ich habe den Menschen ja nie mit Augen gesehen."

Nein Sie nicht allerdings", sprach zögernd der Kutscher.

Sie vielleicht?" fragte Etwold scharf.

Der rothe Mathies nickte. Der Kommerzienrath fchwieg betroffen. Er war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten.

Sie, Sie kennen den Menschen?" stam­melte er.

O, und ich weiß, wer ihn noch viel besser kennt", tönte es mit leisem Lachen zurück.