Belletristisches KeibLM pisa Gießener AnPiger.
19. Samstag den 13. Februar. 1886.
Die Kakfchmünzer.
Lriminal-Roman von Gustav Lössel.
(Fortsetzung).
Schon in seiner äußeren Erscheinung gab sich der Charakter dieses durch seine ausgebreiteten industriellen Unternehmungen hervorragenden Mannes kund. Eigenliebe und bis zum Hochmuth gesteigertes Selbstbewußtsein verliehen seinen kalten, harten Zügen einen Schein von Unnahbarkeit. Er war nicht über mittelgroß, etwas mager, grauköpfig, mit spärlichem Haarwuchs. Die schmalen zusammengepreßten Lippen mit den herabgezogenen Mundwinkeln und die Fältchen um die etwas eingesunkenen Augen machten sein Gesicht nicht freundlicher. Seine Bewegungen waren kurz und gebietend, seine Stimme hatte einen harten metallischen Klang, der sich im Affekt bis zum Kreischen steigerte. Er war von nervöser Reizbarkeit, ungeduldig leicht aufbrausend und maßlos im Zorn, mit einem Wort ein recht unleidlicher Charakter.
Die nur geflüsterte Meldung des Dieners erfüllte ihn mit unwilligem Staunen und zuletzt mit Bestürzung.
Er erhob sich rasch und ging mit einem nur gemurmelten Wort der Entschuldigung an seine Tochter hinaus, den unwillkommenen Gästen ein recht unfreundliches Gesicht zeigend.
„Sie haben sich veranlaßt gefunden, ungefragt in mein Haus einzudringen," sagte er; „und ich erwarte, daß Sie mir die Erklärung hierfür nicht schuldig bleiben werden."
Der Kommissar trug mit aller Schonung den seltsamen Fall vor, welcher wohl geeignet war, Herrn Etwold so heftig zu erschüttern wie er es that.
Ein Gast seines Hauses ermordet, so zu sagen an der Schwelle desselben — von einem Weibe, und dieses hierher zurückgekehrt nach vollbrachter That! — — Es wollte ihm das gar nicht zu Kopf.
„Wie sieht denn der Herr aus?" fragte er endlich. „Wenn er zu meinen Gästen gehörte, müßte ich ihn doch gesehen haben, da um zwölf Uhr demaskirt wurde."
„Der Herr war überhaupt nicht maskirt", wandte Soltmann ein.
„Das ist nicht möglich", erwiderte Etwold. „Er hätte dann keinen Einlaß gefunden. Es war Ver
abredung zwischen uns, daß Alle maskirt erscheinen sollten. Aber wie sieht der Ermordete aus?"
Die Beschreibung wurde gegeben. Der Hausherr schüttelte den Kopf. „Nein", sagte er fest „eine solche Person ist auf meinem Feste nicht gewesen."
„Auch nicht unter Ihrem Hauspersonal?" fragte Soltmann.
„Nein. Ich kenne jeden Einzelnen desfelben und habe Diener genug, um bei festlichen Gelegenheiten keine neuen Leute zu benöthigen. Uebrigens kann Ihnen mein Prokurist, Herr Duprat, mit dem zusammen ich sie aufgesetzt, die Liste der Geladenen vorlegen. Sie befinden sich auf falscher Fährte, meine Herren, und ich kann nicht genug bedauern, daß mein Haus der Ausgangspunkt derselben geworden."
„Herr Kommerzienrath, die Fußspuren!" erinnerte der Kommissar. „Vielleicht nehmen Sie dieselben einmal selbst in Augenschein und auch die Leiche, die unweit von hier liegt."
Etwold überlegte einen Augenblick, dann nickte er stumm und ging jenen voran hinaus.
Diese Scene war nicht ohne Zeugen geblieben.
Klara Etwold hatte von dem Diener erfahren, um was es sich Handls; sie war ihrem Vater bis unter die Thür des Verhandlungszimmers gefolgt, wo sie von einer Portiere verdeckt, den Auftritt belauschte.
Diese Neugierde der jungen Dame war aus dem ungewöhnlichen Anlaß wohl entschuldbar, aber höchst auffallend war die Veränderung, welche mit ihr vorging, als Soltmann die Person des Ermordeten beschrieb. Und als jene jetzt hinausgingen, stand sie da, blaß und wankend, wie das verkörperte Gespenst der entdeckten Schuld.
Von einer unbesiegbaren verhäugnißvollen Macht getrieben, folgte sie leise den Voraufgegangenen; auch einige vom Hauspersonal drängten später neugierig nach, so daß die Beamten ihrer nicht achteten. Dies geschah erst am Thatort, wo Soltmanns Auge bei einem raschen Umblick wie gebannt aus ihr haften blieb. Klara merkte das nicht. Sie blickte stier, mit einem irren Ausdruck auf die Gestalt des Ermordeten.
Etwold betrachtete kopfschüttelnd und mit unverkennbarem Grauen das im Tode erstarrte Antlitz des Ermordeten, sie aber glitt gespenstisch näher. Plötzlich that sie einen hastigen Schritt vor, ihre Lippen öffneten sich, als wenn sie einen Namen nennen wollte; im selben Augenblick aber sank sie


