480
Sag mir'«, was es ist. Du weißt, daß ich der Mitwiffer aller Deiner kleinen Geheimnisse bin. Nicht wahr, mein Schatz, Du verbirgst mir nichts?"
Dabei steckte sie ihren Arm in den feinigen und zog ihn nach dem Sopha.
„O Volt, was sollte ich Dir zu verbergen gezwungen sein? Kaufmann Eckhausen hat die Klavier« stunden für seinen Sohn absagen lassen."
„Eckhausen?" fragte erstaunt Frau Kirchner.
„Ja, Eckhausen", wiederholte Kirchner.
„Und der Grund?"
„Der Junge sei zu sehr mit Schularbeiten überhäuft."
„Das ist Dir nicht recht, mein guter Mann, aber ich freue mich eigentlich darüber, denn auf diese Weise kannst Du Dich wieder ein wenig mehr schonen. Du hast noch mehr als zu viel Stunden."
„Es ist noch nicht alles. Der Gesangverein Arion hat einen neuen Dirigenten gewählt — ich bin durchgefallen."
„Siehst Du, auch dies ist mir recht! Der Arion will nach dem „Goldenen Ring" übersiedeln. Die Wirthin ist Deine erste Liebe gewesen. Wie vielfach hätten da Mißhelligkeiten entstehen können."
„Zwischen uni?" fragte Kirchner.
„Aber, Mann, ich bitte Dich — zwischen uns? Du bist doch nicht klug! Ich weiß, was ich an Dir habe, ich weiß, daß Du mein treuer, braver Gatte bist . . . ."
„Und Du, meine herzige Alice — nicht wahr, das bist Du?"
„Wie kannst Du nur so fragen!"
Der Blick Kirchners hatte bei seinen letzten Worten einen eigenthümlichen Ausdruck angenommen und seine Stimme war weich, auffallend weich geworden.
Die Glocke des Vorraums unterbrach die kleine sich hier abspielende Scene.
„Nun kann ich mich mit Dir trösten", ries Fran Kirchner, als sie wieder eingetreten war, auch mir ist eine gemachte Bestellung auf einen bestellten Sommerhut abgesagt worden. Er scheint heute ein Unglückstag für uns zu sein. Tröste Dich, — komm mein Bruno, laß uns ein wenig spazieren gehen. Im Freien, in Gottes schöner Natur, da zerstreuen sich alle Sorgen! Komm!"
Kirchner willigte ein.
„Das Lindenthal", ein von den Bewohnern der Stadt gern aufgesuchter, schattiger Vergnügungrort, wurde von dem jungen Ehepaar ausgesucht. Die Jahreszeit war noch rauh, und deswegen hatten sich die meisten Gäste in den Stuben vertheilt. Als die Beiden eintraten, blickten alle Anwesenden nach ihnen und die noch vor Augenblicken ziemlich laut geführte Unterhaltung wich einem vorsichtigen Flüstertöne.
An einem der Tische saß eine befreundete Lehrersfamilie. Als sich Kirchner dem Tische näherte, machte der Mann zwar Platz, aber die Frau desselben schien absichtlich die Kinder neben den ver-
muthlichen Platz der Kirchner zu setzen. Eine Unterhaltung zwischen den beiden Familien wollte nicht so recht in den Fluß kommen. Man brach deshalb zeitig wieder auf.
Dir Ereigniffe der letzten Stunden waren von Beiden tief empfunden worden; nur getraute sich keins von Beiden darüber unverhohlen zu sprechen.
„Da Du heute Abend nicht in den Arion zu gehen brauchst, so werde ich Dir einen guten Peccothee bereiten und mit Dir plaudern. Jst's Dir recht, Männchen?" sagte Frau Kirchner zu ihrem Gatten, als sie in die Nähe der Wohnung angekommen waren.
Kirchner bejahte.
„Dann gehe nach Hanse, ich will nur noch Thee beim Kaufmann holen."
Kirchner begab sich gedankenvoll nach Hause. Hier angekommen entledigte er sich der überflüssigen Kleidungsstücke und trat dann an das nach der Straße führende Fenster. Die fämmtlichen heute erlebten Momente zogen noch einmal an ihm vorüber. Es konnte nicht anders sein! Die heutigen Vorkommniffe hatten eine gemeinschaftliche Ursache. Aber welche? Kirchner grübelte und grübelte. Ge- bankenreihe schloß sich an Gedankenreihe und eben wollte eine neue Kombination in feinem Hirn auftreten, als feine Frau laut weinend zur Thür hereingestürzt kam.
„O du großer Gott! Wie bin ich unglücklich! Ich unglückliches Geschöpf!"
Mit diesen Worten warf sich die schöne, junge Lehrersfrau auf das Sopha. Laut schluchzend barg sie das Antlitz in ihren Händen.
Kirchner, dem der ganze Auftritt unverständlich war, eilte zu seiner Gattin und suchte sie zunächst zu beruhigen. Für die nächsten Augenblicke gelang ihm dies nicht. Erst al» der Thränenstrom der jungen Frau eine Zeit lang gedauert hatte, erzählte sie ihrem Gatten in kurzen, hastigen Sätzen das Vorkommniß.
Sie war in den Kaufmannsladen getreten, um den gewünschten Thee zu holen, hatte diesen auch empfangen und war eben im Begriff gewesen, aus der Thür zu treten, als ihr die Wirthin des goldenen Ringes entgegen getreten war. Absichtlich war diese in die Thür getreten und hatte dort ihre Position behauptet. Auf die Bitte der Lehrersfrau, sie doch aus dem Laden treten zu lassen, ihr Mann warte auf den Thee, hatte diese nur die Arme in die Seite gestemmt und eine Fluth von Schmähreden über die Wehrlose ergossen. Eine solche „Berliner Putzmamsell", hatte sie gesagt, habe ehrlichen Bürgersleuten keine Vorschriften zu machen, wie lange sie in der Thür zu stehen hätten, von ihr habe noch Niemand im Zuchthause wegen Brandstiftung geseffen, sie habe keinen Einbrecher und Dieb zum Bruder und ähnliche Dinge mehr.
(Fortsetzung folgt).
Redaktion: A. Scheyda, — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


