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Alles konnte Morgenroth ja nicht mitgenommen haben — es mußten Ausstände vorhanden sein, die wenigstens einen Theil seiner Forderungen deckten.
Das Haus, da» Mobiliar, die Werthpapiere — da» Alle» zusammengenommen repräsentirte jedenfalls eine bedeutende Summe. Vielleicht war der Flüchtige bereit» ergriffen — dann floß auch das Geld, welches er mitgenommen hatte, in die Maffe zurück.
Der Wagen stand endlich bereit. Ackermann warf einen Blick auf seine Uhr, — die Bureavx waren um diese Zeit geschloffen. Er nannte dem Kutscher die Adresse eines Rechtsanwalts — jeder Augenblick mußte jetzt benutzt werden.
Der Advokat ließ ihn bitten, sich in seinem Cadinet einige Minuten zu gedulden; er saß noch bei Tisch und eine volle halbe Stunde verstrich, ehe er erschien.
Ackermann trug ihm in fieberhafter Erregung die Sache vor und überreichte die Papiere, die der Rechtsanwalt sorgfältig prüfte.
„Da« begreife ich nicht", sagte er kopfschüttelnd, indem er die Vollmacht gelesen hatte, von der Ackermann eine Abschrift besaß. „Damit haben Sie sich ganz in die Hände des Banquiers gegeben; er konnte Sie, wenn er es schlau anfing, um Ihr ganzes Vermögen betrügen —"
„Ich weiß das Alles", unterbrach Ackermann ihn ungeduldig. „Leider war es schon zu spät, als mir die ganze Tragweite dieser Vollmacht klar wurde. — Hätte ich ahnen können, daß Morgenroth sich durch die Flucht seinen Verpflichtungen entziehen werde, dann würde ich einen Prozeß gegen ihn anhängig gemacht haben."
„Und wa» hätzten Sie dadurch erreicht? < erwiderte der Advokat achselzuckend. „Sie konnten ihn nicht verhaften laffen — es stand ihm also trotz de« Prozeffes frei, abzureisen, wann es ihm beliebte." (Fortsetzung folgt.)
Die Brandstifterin.
Lriminol-Novelle von Andrt Hugo.
(Fortsetzung).
Ideal und Wirklichkeit-
Sehr geehrter Herri
„Umstände verschiedener Art zwingen uns, Ihnen für den Fleiß und die Ausdauer, mit denen Sie unseren Verein seit Jahren diriyirten, in Zukunft zu danken. Da nach unseren Statuten die Wahl des Dirigenten durch Stimmenmehrheit erfolgen muß, Sie aber bei der letzten Generalversammlung diese nicht erhielten, so haben Sie von diesem Posten zurückzutreten und Ihrem gewählten Rach« folger dar in Ihren Händen befindliche Vereins- eigenthum zu übergeben."
In vorzüglicher Hochachtung
Der Vorstand des Gesangvereins
„Arion"
Lehrer Kirchner drehte das sonderbar abgefaßte Schriftstück mehrmals in seinen Händen um, bevor er es zusammenballte und ärgerlich zu Boden warf. Aufgeregt durchmaß er mit großen Schritten das Zimmer.
Was sollte das heißen? Hatte er nicht stet« seine Pflicht und noch mehr als diese gethan? Bei jeder Neuwahl war er nicht nur mit absoluter Stimmenmehrheit sondern sogar mit Stimmeneinhelligkeit gewählt worden und jetzt plötzlich war man mit ihm unzufrieden? — jetzt lehnte man in höflicher aber doch entschiedener Form seine weiteren Dienste ab. Er sah nach der Uhr. Ein schmerzliches convulsivisches Zucken um die Mundwinkel deutete auf den sich in seinem Innern entspinnenden Kampf. Hätte er nicht Klavierstunde für den bevorstehenden Stundenschlag angesctzt gehabt, er wäre sofort zu dem Vorstande gestürmt und hätte sich über die Beweggründe des von dem Vereine gethanen Schrittes vergewiffert, so mußte er aber warten, bis die angesetzte Unterrichtsstunde geendet. Die Uhr hob aus und verkündete die zweite Nachmittagsstunde. Eigenthümlich! Der sonst so pünktliche Schüler war noch nicht erschienen. Der Zeiger an der Uhr rückte weiter und weiter und eben hatte der große Zeiger den Ablauf der nächsten Viertelstunde markirt, als sich ein schüchterne« Klopfen an der Thür vernehmen ließ.
„Herein!" rief Kirchner.
Ein Dienstmädchen de» Kaufmanns Eckhausen erschien und zählte eine kleine Summe Geld auf den Tisch.
„Herr Eckhausen läßt sich Ihnen bestens empfehlen und ersucht Sie gegen Rückgabe der in Ihren Händen befindlichen Marken über diese Summe zu quittiren. Unser Robert soll vorläufig keine Klavierstunden weiter erhalten, weil er zu sehr mit Schularbeiten überhäuft ist."
Stillschweigend quittirte Kirchner und verabschiedete das Mädchen.
„Sonderbar!" begann er, während er mit gesenktem Haupte durch die Stube schritt. „Erst vor Kurzem theilte mir Eckhausen mit, daß er sich über die Fortschritte im Klavierspiel seines Sohne» so außerordentlich freue und daß er eventuell gesonnen sei, demselben eine höhere technische Ausbildung auf einem Conservatorium angedechen zu laffen und jetzt? — plötzlich ist der Junge mit Schularbeiten zu sehr überhäuft — das verstehe wer will, ich nicht."
„Bruno!"
Frau Kirchner mußte ihren Ruf wiederholen, bevor ihr Gemahl die Anwesenheit seiner jungen Frau, die zur Seitenthür eingetreten war, bemerkte.
„Ach Du bist e«?" sagte er verwirrt, sich die herabgefalleneu schwarzen Haare aus dem Gesichte streichend. „Entschuldige, ich hing meinen Gedanken nach und da habe ich Dein Kommen ganz und gar überhört.
Die junge Frau sah ihren Mann fragend an. „Bruno, was hast Du? . . . Du bist aufgeregt; es ist etwas nicht nach Deinem Kopfe gegangen.


