Richters? Und was Anderes konnte ihn zu dieser - Drohung veranlassen, als die Ahnung, daß —"
„Ich muß Dich nochmals ersuchen, mich mit diesen kindischen Vermuthungen zu verschonen!" fiel er ihr in's Wort. „Was nutzt es mir, diese Ver- muthung zu bekämpfen, wenn Du entschlossen bist, meinen Worten keinen Glauben zu schenken?"
„Könntest Du nur Etwas zu Deiner Bertheidigung ansühren, was glaubwürdig wäre, so —"
„Ich verzichte darauf. — Mir fehlt die Lust und auch die Zeit, das unnütze Wortgefecht weiter zu führen."
„Ich werde Dein Haus noch in dieser Stunde verlaffen. — Versuche nicht, mich zmückzuhalten — eine Kluft ist zwischen uns entstanden, über die keine Brücke je wieder hinüberführen kann."
Er zuckte wieder mit den Achseln und wandte das Antlitz ab. — Dieser Entschluß schien ihn nicht zu überraschen.
„Bedenke das wohl", sagte er. „Die Folgen dieses Schrittes —"
„Trage ich allein. Lieber ein Leben voll Sorge und Entsagung, als ein Wohlleben an Deiner Seite!"
„Bah — dieser Heroismus hat ernste Schattenseiten — ich fürchte, Du wirst sie bitter empfinden. — Aber sei es, ich will Dir Nicht» in den Weg legen- Vielleicht ist es bester, daß wir uns trennen. So lange Du nicht diesen Verdacht aus Deiner Seele verbannst, kann der Friede nicht in unser Haus zurückkehren. — Wohin willst Du gehen?"
„Ich werde bei einer Freundin so lauge eine Zuflucht suchen, bis ich mir eine bescheidene Existenz geschaffen habe."
„Wozu das?" brauste er aus. „Die Existenzfrage bleibt mir überlassen. Ich werde Dir bei meinem Banquier eine Summe anweisen —"
„Darauf verzichte ich!"
„Was hindert Dich, mir diese Sorge zu überlasten? Bist Du zu stolz, aus meinen Händen anzunehmen was zu fordern das Gesetz Dich berechtigt ?"
Vera hielt den Blick fest auf ihn gerichtet. Aus jedem Zuge ihres bleichen Gesichts sprachen Abscheu und Verachtung.
„Die Gründe, die mir verbieten, eine Unterstützung von Dir anzunehmen, kannst Du errathm", erwiderte sie in einem Tone, der ihre unerschütterliche Entschlossenheit erkennen ließ. „Der Bruch zwischen uns muß ein vollständiger sein; nicht das kleinste Glied einer Kette darf mich noch an Dich fesseln. Mit leeren Händen bin ich in Dein Haus gekommen —■ so verlasse ich es auch wieder. Nur das, was im Laufe der Jahre mein Eigenthurn geworden ist, nehme ich mit."
Ackermann hatte ihr den Rücken zugewandt; wüthend stampfte er mit dem Fuß auf den Boden.
„Phrasen — Nichts als Phrasen!" sagte er höhnisch. „Die Noch wird Dich zwingen, den stolzen Nacken zu beugen und die Hand anzunehmen, die ich Dir biete!"
. „Niemals!"
„Wir werden sehen. Noth und Entbehrung hast Du noch nicht kennen gelernt."
„Ich fürchte sie nicht. Sorge Du nur, daß nicht Schmach und Schande —"
„Kein Wort weiter!" rief er zornig.
„So lebe wohl. — Diese Minute scheidet uns für immer 1"
Er schwieg. — Als er nach einigen Minuten sich umwandte, war er allein.
Er legte die Hände auf den Rücken und durchmaß das "Zimmer mit großen Schritten.
Nicht Vera traf fein Haß, sondern den Hauptmann von Görlitz, und die Frage, wie er diesen glühenden Haß befriedigen könne, beschäftigte jetzt allein feine Gedanken.
Sie hatte ihn verlassen. Er kannte sie zu genau, um nicht zu wissen, daß weder Bitten noch Drohungen sie bewegen würden, ihren Entschluß zu ändern; jeder Versuch in diesem Sinne mußte zu einer neuen Niederlage führen, und er war zu stolz, diesen Weg zu betreten.
Wenn er die Angelegenheit mit dem Hauptmann geordnet und seinem Haß gegen ihn Befriedigung verschafft hatte, wollte er in die Residenz zurückkehren und dort mit vollen Zügen dar Leben genießen. Ihn banden jetzt keine Rücksichten mehr; er konnte fortan leben, wie es ihm gefiel.
Der Diener trat ein und überreichte ihm einen Bries.
Unwillig über die Störung erbrach Ackermann das Siegel; aber kaum hatte er einen flüchtigen Blick auf die Zeilen geworfen, al« ein jäher Schrei seinen Lippen entfuhr.
Der Banquier Morgeuroth plötzlich abgereist l — Das allein genügte, ihn da» Schlimmste befürchten zu lassen.
„Wartet man auf Antwort?" fragte er den Diener, der an der Thür stehen geblieben war.
„Nein, — aber heute Morgen war der Buchhalter des Bauquiers Morgeuroth schon zweimal hier —"
„Weshalb ist mir das nicht sofort gemeldet worden?" —
„Der gnädige Herr waren noch nicht aufgestanden."
„Augenblicklich anspannen! Binnen zehn Minuten muß der Wagen bereit stehen."
Der Diener verschwand. — Ackermann zog hastig seinen Paletot an und schob einige Papiere, die er aus dem Schreibtisch holte, in seine Rocktasche.
Morgeuroth abgereist! — Vergessen war ja jetzt alles Andere vor dem Gespenst der Armuth, das so drohend vor ihn hintrat.
So groß auch in den letzten Tagen sein Mißtrauen gegen den Banquier gewesen war — au diese Möglichkeit hatte er nicht gedacht.
Ob es ihm gelang, noch einen Theil seines Vermögens zu retten? — Er bejahte diese Frage — es war die einzige und letzte Hoffnung, an die er sich klammerte.


