Ausgabe 
12.8.1886
 
Einzelbild herunterladen

875

zum Vorschein, das er vorsichtig auf den lanbbedeckten Boden niederließ; sobald dies geschehen war, kam er von dem Baume herunter.

Abermals blickte er sich nach allen Seiten um; dann öffnete er das Packet, und der Förster erkannte in dem ersten Gegenstand eine Büchse, die in mehrere Theile zerlegt werden konnte.

Der rothe Fritz verbarg diese Theile in seinen Taschen und unter dem Rock, den er bis zum Kinn zuknöpste; dann öffnete er ein zweites, kleineres Packetcherr das, wie Hellmuth zu bemerken glaubte, Schmucksachen zu enthalten schien.

Auch diese Sachen schob der Vagabund in die Taschen und ein triumphirendes Lächeln umspielte dabei seine Lippen.

Der Förster blieb regungslos hinter dem Baum stehen, bi« der rothe Fritz, der sich gleich darauf entfernte, seinen Blicken entschwunden war; dann erst trat er, tief aufathmend, auf den Fußpfad zurück.

Jetzt konnte er den Vagabund zwingen, ihm sein Geheimniß zu enthüllen; lag es doch nun in seiner Macht, ihn zu verderben. Was hatte dieser Bursche außer der Büchse aus dem Versteck hervorgeholt? Ohne Zweifel Gegenstände, die er nicht ehrlich er­worben hatte. Auch die Waffe konnte gestohlen sein; schien es doch eine werthvolle Büchse zu sein.

Hellmuth brauchte jetzt nur dem Referendar Be­richt zu erstatten, so wurde der rothe Fritz auf Grund dieser Entdeckung sofort verhaftet.

Aber das lag augenblicklich nicht im Jnterffe der Försters. Sein Haß war stärker al« sein Ehr­gefühl; er wollte diese Entdeckung für seine eigenen Zwecke ausbeuten; er zweifelte jetzt keinen Augen- blick daran, daß der Vagabund sich durch seine Drohungen einschüchtern laffen werde.

Darüber nachdenkend, nahm der Förster in ge- hobener Stimmung die unterbrochene Wanderung wieder auf; es galt jetzt nur, mit dem rothen Fritz an einem geeigneten Ort zusammen zu treffen, dann konnte die Waffe gegen die Familie Marie's ge­schmiedet werden. (Fortsetzung folgt).

Französische Communen im Mittelalter

(Nachdruck verboten.)

In der Mitte des elften Jahrhunderts geben ge­schichtliche, aber leider höchst unvollständige Documente, die ersten Nachrichten von städtischen Verfaffungen in Frankreich. Das Verlangen der Bürger der Städte verschiedener Länder nach solchen Stadtver- fassungen trat gleichzeitig hervor und ist es nicht leicht festzustellen, woher jene die Gemeinwesen so gänzlich umgestaltende Bewegung ihren Ausgang ge­nommen. Nur soviel ist erwiesen, daß dieselbe mit Ausnahme des damals durch die Mauren beherrschten Spaniens, alle Länder romanischer Zunge umfaßte. Augustin Thierry, einer der berühmtesten modernen

französischen Geschichtsschreiber, hat die zweite Hälfte seinerFünfundzwanzig Briefe zur Geschichte Frank­reichs", der Schilderung des Ursprunges der Communen, jener Stadtverfaffungen, gewidmet. Er beleuchtet die Verfaffungskämpfe der Städte Mans, Cambrai, Noysn, Beauvais, Saint.Quentin, Laon, Amiens, Soiffons, Sens, Reims, Vezelay u. a. m. eingehend. Bei der Aehnlichkeit der Bewegungen genügt die gedrängte Wiedergabe der Ereignisse, welche in den beiden ersten Städten, die Einführung einer städtischen Verfassung begleiteten, welche in dem Nachstehenden, unter Anlehnung an den vierzehnten der Thierry'schen Briefe versucht wird.

Das Verlangen nach einer freieren Stadtver- faffung gab sich in Frankreich in allen jenen Ge­meinwesen, welche zur Römerzeit Municipalstädte ge­wesen, frühzeitig mehr oder weniger kund. Obwohl zu Anfang des 11. Jahrhunderts alle ursprünglichen Abstammungsunterschiede längst erloschen waren, schien es doch, al« ob die Landesgeborenen, welche sich fünfhundert Jahre den Staatseinrichtungen fremder Eroberer gebeugt hatten, sich jetzt, nachdem dieselben vertrieben, auch von der Bevormundung durch Adel und Geistliche befreien wollten. Die Bewegung richtete sich zumeist gegen jene beiden Stände, welche von den Bürgern stets schwere Opfer und Abgaben verlangten. Oft standen sich Adel und Clerus in einer Stadt feindlich gegenüber, so daß dieselbe unter einer gemischten Oberherrschaft besonders litt, und richteten sich deshalb die Wünsche der Bürger, welche eines Standes waren, auch meist auf Ab- schüttelung jener verhaßten Bevormundung. Freilich lag auch ein Verlangen nach Freiheit den Verfassungs­kämpfen jener Zeit zu Grunde, und ließ die Städte Gefahren und Bedrängnissen aller Art Trotz bieten, jene Freiheit war aber vornehmlich eine materielle, und keine ideale. Man wollte in den Handels- und Verkehrsbeziehungen uneingeschränkt und Herr seiner selbst sein, und seine Güter seinen Kindern hinter­lassen. Man verlangte nach Sicherheit de» Eigen- thums und des Erwerbs und suchte damals mit Opfern und Anstrengungen jenen persönlichen Rechts­schutz zu erwerben, welchen heute die staatliche und politische Verfassung fast aller europäischen Länder jedem Einwohner gewährleistet, ohne daß es dazu noch besonderer Verordnungen und Bestimmungen bedarf. Die modernen Revolutionen wurzeln meistens in den Meinungsverschiedenheiten zwischen den Völkern und den Regierungen, die Bewegungen oder Ver­fassungskämpfe des 12. Jahrhunderts hatten ganz anderen Ursprung. Es gab damals in Frankreich nur wenige Städte, welche unmittelbar dem König gehörten; die meisten Orte und Burgflecken waren Eigenthum der großen Barone und Kirchen, während die Städte mit Bischofssitzen ganz oder theilweise unter der Herrschaft ihrer Bischöfe standen. Oft stritt damals ein weltlicher Edelmann, wenn er Herr einer alten Burg und eines Viertels einer Stadt war, mit dem Prälaten um die Lehenshoheit und die Herrschaft über die übrigen Theile der Stadt.