Ausgabe 
12.6.1886
 
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einmal: wir stehen am Vorabend eines großen Er- eignisses!"

So wollen wir denn abwarten, was die nächsten Tage bringen werden!"

Etwas fürchten und hoffen und sorgen muß der Mensch für den kommenden Morgen", erwiderte der Buchhalter.Hier sind wir vor unserm Tusculum angelangt; stimmen Sie dafür, daß wir den Damen unsere Entdeckungen mittheilen?"

Nein", sagte Rommel rasch,weshalb sollen wir sie unnöthigerweise beunruhigen? Sie werden Fragen an uns richten, die wir nicht beantworten könnten; beruhen doch unsere eigenen Anschauungen in dieser Angelegenheit nur auf Vermuthungen."

Ja, ja, was man nicht weiß, das eben brauchte man, und was man weiß, kann man nicht brauchen. Wir werden also schweigen, Verehrtester!"

Der Referendar hatte mit seinem Hausschlüssel die Thür geöffnet. Die beiden Herren traten in das Haus und fanden im Speisezimmer nur noch das Dienstmädchen; die Damen halten sich bereits in ihre Gemächer zurückgezogen.

(Fortsetzung folgt.)

Lieöeszauöereien.

Wer in unserm nüchternen Zeitalter die Bücher der Vorfahren durchblättert, und daraus ersieht, wie schrecklich die Folgen des Aberglaubens nicht nur für einzelne Personen, sondern oftmals sogar für ganze Familien, ja ganze Gemeinden wurden, der freut sich, wenn er neben den entsetzlichen Berichten über Hexen­werke und Zauberei auch ab und zu auf etwas Humoristisches stößt. Wenn diese Erzählungen auch gewöhnlich von den meisten der alten Erzähler schon damals als lustige Schwänke oder Betrügereien ge­kennzeichnet werden, so giebt es doch auch wiederum Schriftsteller, welche von der Richligkeit ihrer seit- jamen Mähren fest überzeugt sind. Namentlich die ent­setzlichen Hexenprozesse geben unzählige Beispiele für die letzte Behauptung. Wir wollen uns heute aber nicht mit diesen blutigen Kapiteln der früheren Ge­schichte befassen, sondern von den harmlosen Hexen­künsten, als da sind Liebeszauber und dergleichen, einige wundersame Dinge erzählen. Das Amüsanteste dabei ist jedenfalls die Wahrnehmung, daß selbst in unserem aufgeklärten Jahrhundert sich noch Anklänge an diese Liebeszaubereien erhalten haben, welche nicht nur auf dem Lande, sondern auch in den großen Städten geglaubt und ausgebeutet werden. Wir brauchen wohl nur an das Wahrsagen aus dem Kaffeesatz, aus der Hand und den Karten hinzudeuten. Selbst sympathische Mittel werden noch häufig genug von jungen Mädchen angewendet, und manche glauben fest an die Wirkung derselben. Manchmal sind diese Miltelchen um Gegenliebe zu erzwingen nicht gerade sehr appetitlich, denn eines der unfehlbarsten, das

mir vor etwa zehn Jahren von unserem rheinischen Dienstmädchen vcrrathen wurde, besteht darin, daß das Mädchen ein Stückchen Zucker eine kleine Weile in der Achselhöhle unter dem Arm verbirgt, so daß der Zucker (Sie verzeihen die wenig delikate Schilderung) etwas von dem Schweiß des Mädchens annimmt. Wird dieser Zucker in das Getränk eines ahnungslosen jungen Mannes geworfen und er genießt ihn auf diese Weise, so verfällt er der Schönen mit Leib und Seele, und läßt nie mehr von ihr. Ich habe mir später den Ge­nuß des Zuckers deswegen abgewöhnt.

Im fiebzehntenJahrhundert bedienten sich dieFrauen und Mädchen anderer Mittel zu diesem Zwecke. Am häufigsten wurde dieAlantwurzel" dazu benutzt. Diese Wurzel mußte unter feierlichen Ceremonien zu einer be­stimmten Jahres-, Tages- oder auch Nachtzeit begraben werden, wenn sie wirken sollte. Unter H?rsagung eines bestimmten Spruches wurde die Wurzel alsdann in einen heißen Ofen geworfen,darin die Wurzel alsdann selzam herumbspringt, ohne Zweifel vom Teufel hin und her getrieben". Natürlich nennt die liebesieche Frau oder Jungfrau dabei auch den Namen des gewünschten Mannes, der dann sofort, auch wenn er Meilen entfernt ist, zu der Schönen hineilen muß, ob er will oder nicht. Eine ähnliche Wirkung erzielt man auch mit der Satyrion" oderStendel-Wurz", welche zu diesem Zweck an einem bestimmten Tage mit geheimnißvollen Worten beschworen wird. Diese Wurzel wird jedoch nicht verbrannt, sondern von der Dame in der Tasche nachgetragen, wodurch dann die männliche Jugend so stark magnetisirt wird, daß einer solchen Frau alle nachlaufen. Sehr unangenehm wirkt aber diese Wurzel, wenn sie nicht alle erforderlichen Eigenschaften besitzt, denn alsdann laufen der Frau, anstatt der Männer diePferdenach.1665, erzählt Erasmus Francisci, ge­schah cs, daß zu Laibach gleich vor dem Vwedom-T'iore zwei Kutschenpferde einer Magd mit solcher Gewalt zu­liefen, daß der Kutscher sie unmöglich zurückhaltcn konnte, und sie dieselbe zusammentraten; wurde daraus stark gemtheilt", sie habe eine dergleichen beschworene Wurzel bei sich gehabt." Also ist Vorsicht dringend ge­boten, wenn vielleicht eine unserer Leserinnen aus Scherz dieses alte Mittel auf feine Wirkung probiren wollte.

Es gab früher auch Leute, welche solche Mittel gegen Geld und gute Worte der Bestellerin oder dem Besteller (denn Männer scheinen sich auch damit geholfen zu haben) zubereiteten. Zu diesen Mitteln mußte der Ver­liebte dem Zauberer einige Haare, oder sonst etwas z. B. einen Nagelabschnitt, ein Partikelchen Haut vom Köiper der oder des Geliebten liefern. Fand dabei ein Betrug statt, so daß z. B. der Zauberer anstatt der Haare eines Menschen solche von einem Thiere erhielt, so hatte das Mittel dieselbe Wirkung wie die unrichtige Stendel- Wurz, denn anstatt des Menschen stellt sich das Thier ein. Hier einerschrecklich wahrhaft" Beispiel: Ein Mann, welcher heftig in eine junge Frau verliebt war, ohne ihre Gunst gewinnen zu können, bestach, als die junge Frau gerade eines Kindleins genesen war, deren Dienerin durch drei Dukaten, damit sie ihm ein paar Tropfen Milch ihrer Herrin verschaffe. Neckisch, wie