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„Da geht er hm und singt nicht mehr", brummte er. „Weiß der Kukuk, diesen Mann umgiebt ein Geheimniß, das er uns nicht enthüllen will!"
Er blickte hinüber ins Parquet. Der Referendar war nicht mehr dort; er mußte sich, wie er das in der Regel zu thun pflegte, hinter die Coulissen begeben haben.
Der Landrath hielt jetzt auch sein Glas auf die Zuschauer im Parquet gerichtet. Maiwind sah ihn plötzlich zusammenfahren. — In demselben Moment schaute der Hauptmann von Görlitz von unten herauf. Ackermann mußte gerade jetzt ihm voll ins Gesicht blicken.
Der Buchhalter konnte das Ende der Oper kaum erwarten; sobald der Vorhang zum letzten Mal gefallen war, eilte er hinaus.
Draußen erwartete der Referendar ihn. Maiwind schob hastig seinen Arm in den des Freundes und zog ihn mit sich fort.
„Es ist etwas faul im Staate Dänemark", sagte er. „Haben Sie das nicht auch schon herausge- funden? Dieser amerikanische Oberst, der wie Nikodemus bei der Nacht gekommen ist, dieser Hauptmann von Görlitz, und als Dritter im Bunde — der Landrath Ackermann — wahrhaftig, wer über gewiße Dinge nicht den Verstand verliert, der hat keinen zu verlieren."
„Was ist der langen Rede kurzer Sinn?" fragte Rommel.
„Geduld, Geduld! Ich habe an diesem einem Abend mehr erlebt, als Mancher in einem ganzen Menschenalter. Fiel es Ihnen nicht auf, daß dieser Oberst uns über den Landralh ausforschte?"
„Er nannte uns ja seine Gründe!"
„Ach was, Gründe sind so gemein wie Brombeeren, und den Vetter drüben werden die Verhält- nisse des Landraths nicht sonderlich kümmern. Das war ja ein Forschen und Fragen, und fast schien es, als habe er absichtlich auf uns gelauert, um uns am Narrenseil herumzuführen. Und was er von feinen kranken Augen sagte, war auch nur eine Mähr; einmal nahm er die blaue Brille ab, und ich sah in ein paar zornflammcnde Augen hinein, die so klar und gesund waren wie meine eigenen. Künftige Ereignisse werfen ihren Schatten voraus, und wir stehen am Vorabend eines großen Ereignisses."
„Zur Sache!" sagte der Referendar ungeduldig. „Der Worte sind genug gewechselt!"
„Jawohl, zur Sache!" nickte Maiwind. „Also im Theater holt der Amerikaner einen Operngucker aus der Tasche, nimmt die Brille ab und betrachtet die Landräthin wohl eine Viertelstunde lang so unverwandt, daß es Jedem auffallen mußte. Der Landrath machte endlich seine Frau darauf aufmerksam; sie nimmt das Glas und blickte hinüber, und im nächsten Augenblick sieht sie aus, als ob sie in Ohnmacht fallen wollte. Greif nur hinein ins volle Menschenleben, und wo Jhr's packt, da ist es interessant! Der Oberst hat das auch gesehen, aber
er bleibt ruhig und setzt die Brille wieder au Nach dem ersten Akt erhebt sich die Landräthin — Johanna geht, und nimmer kehrt sie wieder!"
„Das kann in der Th'at zu seltsamen Ver- muthungen Anlaß geben! Ging der Landrath auch?"
„Nein, er blieb bis zum Schluß."
„Und der Oberst?"
„Entfernte sich nach dem zweiten Akt unter dem Vorwande, er sei ermüdet. Er fragte mich vorher, ob ich Ihren Nachbar kenne, und als ich ihm den Namen unseres Hausgenossen nannte, da schien es mir, als ob er ihn längst gekannt habe. Wer ist nun dieser Mann, der sich Oberst Johnson nennt, in Deutschland geboren sein will und hier allen Leuten nachforscht? Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich Alles wissen! Hat er vor langen Jahren ein Verbrechen begangen und deshalb seine Heimath verlassen müssen? O, wer weiß, was in der Zeiten Hintergründe schlummert!"
„Unsinn!" erwiderte der Referendar achselzuckend. „Man darf nicht das Schlimmste vermuthen! Der Oberst interessirt sich für einige Personen, deren Verwandte er drüben kennen gelernt hat; wen kann das befremden! Auf mich hat er den Eindruck eines ernsten, ehrenwerthen Mannes gemacht."
„Auch Brutus war ein ehrenwerther Mann! Das sind sie Alle, Alle, ehrenwerth! Ich bin noch nicht zu Ende. Nachdem der Oberst fortgegangen war, entdeckte auch der Landrath den Hauptmann von Görlitz im Parquet, und er fuhr bei seinem Anblick zusammen, als ob er auf eine Schlange getreten hätte."
„Konnten Sie das so genau sehen?"
„Natürlich, und was ich mit meinen eigenen Augen sehe, das lasse ich mir nicht abstreiten. Der Hauptmann ist also ein Feind Ackermann's —"
„Gemach, gemach, schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort. Jenes Zusammenfahren kann auch einem andern Gefühl als dem des Hasses entsprungen sein."
„Sagen Sie, was Sie wollen, wir stehen hier vor Geheimnissen!"
„Denen ich noch ein neues hinzufügen kann."
„Von wannen kommt Dir diese Wissenschaft?'«
„Das Geschäft bringt's mal so mit sich", scherzte der Referendar. „Signora Barlotti war seltsam erregt, als ich nach dem zweiten Akt ihr meine pflichtschuldige Aufwartung machte; sie hörte mich gar nicht an. Ihre erste Frage war, ob ich meinen Nachbar im Parquet, den Herrn mit dem blonden Schnurrbart, kenne. Und wie ich den Namen von Görlitz nannte, leuchtete es in ihren Augen auf, als ob sie das große Loos gewonnen hätte; ich mußte ihr versprechen, den Hauptmann bei ihr einzuführen, und der Hauptmann machte nachher, als ob ich ihm bei diesem Triumph Glück wünschte, seltsamerweise ein sehr verdrießliches Gesicht."
„Das ist in der That eine seltsame Geschichte", sagte Maiwmd kopfschüttelnd. „Ich wiederhole noch


