19
leicht ganz gut, wenn sie darauf aufmerksam gemacht würde."
Der Banquier hatte seinen Schirm vom Tisch genommen und stieß zornig damit auf den Boden.
„Meine Frau läßt Dir sagen —"
„Ich kann's errathen, es ist unnöthig, daß Du es mir berichtest. So anKenehm mir unter anderen Umständen die Villa als Geschenk gewesen wäre, so peinlich ist es mir jetzt, sie bewohnen zu sollen. Ich habe schon manche unliebsame Bemerkung darüber hören müssen. Und wenn man Geschäftsmann ist, muß man immerhin auf das Urtheil der öffentlichen Meinung einigen Werth legen."
„Natürlich, der Nimbus des Ehrenmannes —"
„Bitte, darauf reflektire ich nicht — womit kann ich dienen?"
Die letzten Worte galten dem Herrn im Pelzrock, der eben eingetreten war.
„Kaufen Sie englische Banknoten?" fragte der Fremde, indem er die Brille dichter vor die Augen schob und einen prüfenden Blick auf Reichert warf.
„Gewiß", nickte Menzel; „das ist mein Geschäft." „Ich habe einen ziemlich bedeutenden Betrag." „Wieviel?"
„Zweitausend Pfund Sterling."
„Hm, in einer Stunde kann ich Ihnen den Gegenwerth in deutschem Gelde auszahlen, wenn Sie sich so lange gedulden wollen."
„O, ich habe Zeit, ich werde einige Tage hier bleiben', erwiderte der Fremde lächelnd. „Man verliert hier so viel an den englischen Banknoten, wenn man sie im Hotel in Zahlung giebt, deshalb möchte ich sie verkaufen. Ich habe vor, mich längere Zeit in Deutschland aufzuhalten und in dem Lande, in dem man sich befindet, muß man mit der Landesmünze rechnen."
Die letzten Worte waren an Reichert gerichtet, der zustimmend nickte.
„Ich könnte ja morgen wiederkommen", fuhr der Fremde fort, aber vorher müßten wir doch feststellen, welchen Cours Sie mir zahlen wollen."
„Sechs Thaler zweiundzwanzig", antwortete Menzel.
„Nicht mehr?" fragte der Fremde erstaunt.
„So ist heute der Cours für englische Banknoten."
„Können Sie nicht sechs dreiundzwanzig geben?" „Unmöglich!"
„Das thut mir leid, billiger möchte ich gerade nicht verkaufen."
„Mehr giebt Ihnen heute und voraussichtlich auch in den nächsten Wochen Niemand", sagte Menzel achselzuckend.
„Und doch ist in London das deutsche Geld werihloser."
„Mag sein; aber Sie werden begreifen, daß ich mich beim Ankauf wie beim Verkauf nach unserem officiellen Courszettel richten muß. Hier ist er, lesen Sie selbst."
„Ja, ja", nickte der Fremde mit einem prüfenden
Blick auf den Zettel; „das begreife ich wohl, aber ich würde doch zu viel verlieren. Ich muß mir das vorher noch überlegen, vielleicht finde ich im Hotel einen Reisenden, der nach England will, der zahlt mir mit Freuden mehr."
„Schwerlich!" sagte Menzel lebhaft, der auf das Geschäft nicht gern verzichten zu wollen schien; „Niemand wird Ihnen mehr zahlen als den Cours. Aber Sie können cs ja versuchen und sich dann die Sache noch einmal überlegen; ich werde das Geschäft gern mit Ihnen machen, wenn Sie morgen wiederkommen wollen."
Fortsetzung folgt.
Mach yofiem Ziel.
Novelle von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.)
„Gestehe es Dir nur getrost ein, Victor, Du bist verliebt bis über die Ohren, deshalb aber brauchst Du noch nicht zu verzweifeln", beruhigte den jungen Landwirth sein Begleiter. „Du mußt Gelegenheit finden, Dich der Auserwählten nahen, Dich ihr offenbaren zu können, und vielleicht ist es mir möglich, dies zu vermitteln."
Victor faßte den Arm des Freundes und preßte ihn krampfhaft, so daß dieser sich lächelnd bemühte, die umspannende Hand abzustreifen.
„Könntest, wolltest Du das, Alfred? O, wie glücklich würdest Du mich machen!" rief er aus und seine Augen leuchteten in heller Freude auf.
„Du hörtest, daß der Baron die Tugend der Gastfreundschaft im weitesten Umfange übt, daß er gern Gäste bei sich sieht und für seine Freunde stets offene Tafel hält," sagte der Staatsbeamte nach kurzem Besinnen. Ich bin ihm einen Höflichkeitsbesuch schuldig und werde morgen, meiner ursprünglichen Absicht entgegen, das Versäumte nachholen. Bei dieser Gelegenheit werde ich ihn um die Er« laubniß bitten, Dich in seinem Hause einführen zu dürfen, ein Wunsch, den er zweifellos in zuvorkommendster Weise gewährt, denn der alte Herr ist etwas eitel und wird es sich zur Ehre schätzen, wenn der Herr von Rauschendorff, der Sohn des bekannten Großgrundbesitzers, ihm vorgestellt zu werden wünscht. Das Uebrige ist dann Deine Sache."
„Alfred, Freund — laß Dich umarmen —"
„Ich verzichte zu Gunsten Deiner künftigen Braut auf diesen Beweis Deiner Zuneigung", unterbrach ihn der Legationssekretär lachend, indem er einen Schritt zurücktrat, um dem Freunde, der allen Ernstes Miene machte, seinen Vorsatz aus offener Straße auszuführen, dies zu vereiteln.
„Und Du willst schon morgen den Baron besuchen?" fragte Victor hastig.
„Die Angelegenheit darf nicht verschoben werden",


