müssen und er konnte daraus erkennen, wie sehr die Behauptungen Sonnenbergs begründet waren, daß er nach seiner Verhaftung keine Freunde finden und Niemand an seiner Schuld zweifeln würde.
Er knirschte mit den Zähnen vor Wuth, und mitunter entfuhr eine Verwünschung seinen Lippen, und in wachsender Aufregung über diese ihm widerfahrenen Beleidigungen erreichte er endlich das kleine Haus in der belebten Straße, in der Julius Menzel sein Geldwechsel-Geschäft betrieb.
Menzel war allein; er stand hinter dem langen Zahltisch, der den engen Raum in zwei Hälften theilte.
„SDu bist ja merkwürdig echauffirt", sagte er, als er in das stark geröthete Antlitz seines Schwiegervaters blickte, der, nach Athem ringend, Hut und Schirm auf den Zahltisch legte und sein Taschentuch hervorholte, um sein kahles, schweißbedecktes Haupt abzureiben.
„Hab' auch Ursache dazu", brummte Reichert. „Was hab ich denn den Kaffem gethan, daß sie mich nicht mehr grüßen?"
„Ach so, Deine Creditoren?" bemerkte Menzel sarkastisch. „Du bist wohl einigen von ihnen begegnet ?"
„Wenn ich ihnen noch einmal begegne, sehe ich fie nicht an", fuhr Reichert entrüstet auf.
„Ich glaube, das ist das Beste, was Du thun kannst."
„Na, na, Du wirst dieses gemeine Benehmen doch nicht billigen wollen? Ist es denn meine Schuld, daß sie ihr Geld verlieren?"
„Hm, Viele von ihnen behaupten es", antwortete Menzel, indem er einen Courszettel von seinem Pult nahm und ihn mit einem andern Zettel verglich. „Der Stadtrath hat leider die Dummheit begangen, einigen Creditoren Deine Bücher vorzulegen und ihnen dazu Erläuterungen zu geben, die er besser unterlassen hätte. Sie wissen nun, daß Du auch ohne den Diebstahl bankerott gewesen wärst, daß Du Dich an faulen Speculationen be- theiligt —"
„Bitte, nicht weiter! Wenn das Alles Wahrheit wäre, so könnte ich Dir doch nicht das Recht einräumen, mir in dieser verletzenden Weise Vorwürfe zu machen."
„Ja, dann darfst Du mich auch nicht fragen, woher es komme, daß die Leute Dich nicht mehr grüßen", sagte Menzel achselzuckend. „Wenn Du nicht die Wahrheit hören willst, dann frage auch nicht."
„Ich muß eine andere Frage an Dich richten", erwiderte der Banquier unwirsch. „Leonie sagte mir heute Mittag, Du seiest fest entschloffen, die Villa meinen Creditoren zu übertragen. Ist das wahr?"
„Jawohl", nickte Menzel.
„Die Villa ist nicht Dein Eigenthum!"
„Sehr richtig, aber Leonie hat sofort ihre Zu
stimmung gegeben, als ich ihr meine Beweggrund auseinandersetzte."
„Diese Gründe sind einfach lächerlich!" sagte Reichert in gereiztem Tone. „Meine Kinder sind nicht verpflichtet, die Geschenke, die ich ihnen gemacht, wieder herauszugeben. Dann könnten meine übrigen Töchter auch die Aussteuer, die sie empfangen haben —"
„Davon kann keine Rede sein. Diese Villa kann nicht zur Aussteuer Leonie's gerechnet werden, und überdies warst Du schon fallit, als Du sie kauftest. Wenn die Richtigkeit dieser Behauptung festgestellt sein wird, dann fordern die Gläubiger die Villa auf gerichtlichem Wege zurück, und auf diesen jedenfalls skandalösen Proceß will ich nicht warten."
„Unsinn!" knurrte Reichert; „Niemand wird an diesen Proceß denken, und wenn man ihn dennoch gegen Dich anstrengt, so kannst Du ihn nicht verlieren. Das ist es auch nicht, was Du befürchtest, D« möchtest Dich nur als ein Ehrenmann aufspielen, bedenkst aber dabei nicht, daß Du mir selbst dadurch einen Tritt giebst. Wenn Deine Ehe, wie ich hoffe und wünsche, mit Kindern gesegnet sein wird, so werden diese Dir später einen herben Vorwurf daraus machen, daß Du ihren Großvater beschimpft hast."
„Im Gegentheil, sie werden mir sagen, daß ich Recht gethan habe, und was das Aufspielen als Ehrenmann betrifft, so brauche ich mich wohl Dir gegenüber nicht zu vertheidigen. Ich möchte nicht gern bitter werden, und deshalb ist es wohl besser, wir verlieren über diese Angelegenheit kein Wort weiter."
„Und ich sage Dir noch ein Mal: es ist Unsinn!" fuhr Reichert auf. „Was wird dann beim Verkaufe der Villa herauskommen? Einige Procente für die Gläubiger, und diesen kleinen Zuwachs werden sie wohl auch verschmerzen können."
„Und wenn für sie nichts dabei herauskäme, so würde ich dennoch so handeln, wie die Gesetze der Ehre es mir gebieten", sagte Menzel in entschlossenem Tone. „Ich habe bereits eine Wohnung in der Stadt gemiethet, sie kann in den nächsten Tagen bezogen werden, ich will aber mit dem Umzuge warten, bis ihr abgereist seid."
„Also so weit wären wir schon?" erwiderte Reichert mit wachsender Gereiztheit. „Du bist ja in der Ausführung Deiner Entschlüffe sehr rasch. An die Folgen hast Du wohl nicht gedacht?"
„An welche Folgen, wenn ich fragen darf?"
„Glaubst Du, daß meine Frau Dir das jemals verzeihen wird?"
„Nein, das glaube ich nicht", antwortete Menzel gelassen, während er einen prüfenden Blick auf das vergitterte Schaufenster warf, vor dem der 'Herr im Pelzrock schon seit einer geraumen Weile stand. „Ihren Zorn muß ich freilich über mich ergehen lassen, aber wenn's mir zu bunt wird, dann nehme ich kein Blatt vor den Mund; es wäre auch viel-


