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entgegnete Jener. „Ich erfuhr zufällig, daß Eschenheim mit seiner Familie in nächster Zeit ein Landhaus beziehen wird, um einen Theil des Sommers dort zu verleben; wir dürfen also nicht zögern. Ist die Sache erst eingefädelt, dann wird es nicht schwer sein, sie fortzuspinnen; wie man sagt, überwindet die Liebe ja mit Leichtigkeit Raum und Zeit."
„Wie soll ich Dir danken, Alfred?" rief der junge Gutsherr mit einem innigen Freundesblick auf feinen Begleiter.
„Durch eine Einladung zur Hochzeit!" scherzte dieser, „nur muß dieselbe noch in diesem Jahre stattfinden, sonst möchte ich an der Theilnahme verhindert sein, da ich Aussicht habe, mit Beginn des Winters einer unserer auswärtigen Botschaften attachirt zu werden."
Vom Dome verkündete die Glocke in tiefen, vollen Tönen die sechste Abendstunde, und die metallenen Schwestern ringsum riefen von den Thürmen die gleiche Kunde über das Häusermeer der Hauptstadt dahin.
„Sechs Uhr — es ist Zeit, Toilette zu machen", sagte Alfred, einen Blick auf seine Uhr werfend. „Nach dem Theater noch auf ein Stündchen in unserem Cafe."
Er reichte dem Freunde die Hand und eilte raschen Schrittes davon, während Victor seinen Weg langsam fortsetzte.
In tiefes Nachdenken versunken, bemerkte er nicht, was um ihn vorging; in der Allee drängten sich die Spaziergänger, und auf der Fahrstraße begegneten sich Fuhrwerke aller Art, Equipagen, Tramways, Frachtgeschirre und Hundewagen ' in buntem Gemisch. Oben in den Wipfeln der mit frischgrünem Laube geschmückten Bäume aber sangen Finken und Meisen ihr fröhliches Abendliedchen, unbekümmert um das Wogen und Treiben des großstädtischen Lebens unter ihnen.
Plötzlich drangen laute Angstrufe an das Ohr des jungen Landwirths und weckten ihn aus seinen Träumereien. Die Spaziergänger vor ihm sprangen entsetzt zur Seite, Kindermädchen flüchteten mit den ihnen anvertrauten Schützlingen hinter die Bäume, und die Wagen bogen weit aus, um dem drohenden Unheil; zu entgehen.
Die Straße entlang kam ein elegantes Gespann in rasendem Laufe dahergejagt; der Kutscher fehlte, offenbar war er vom Bock herabgeschleudert worden, und die wüthenden, zügellosen Thiere waren nun sich selbst überlassen und rannten, kein Hinderniß achtend, auf der belebten Straße dahin.
Zwei Damen saßen im Wagen in augenscheinlicher Lebensgefahr; jeden Augenblick konnte die Kutsche zerschellen und dann war ein schweres Unglück unausbleiblich. Die eine der beiden Frauen war bleich und mit geschloffenen Augen in die Kiffen zurückgesunken, eine wohlthätige Ohnmacht schien ihre Sinne gefeffelt zu haben; die andere
aber saß aufrecht und preßte mit beiden Händen das Taschentuch vor das Gesicht, um die nahende Katastrophe wenigstens nicht sehen zu müssen.
Mit banger Besorgniß schauten die Passanten auf die bedrohten Insassen des Wagens; Rufe des Mitleids und Aufforderungen zur Hilfe wurden laut, aber Niemand besaß den Math, die wild dahinstürmenden Rosse aufzuhalten.
Unerwartet bogen die scheuen Thiere nach dem Promenadenwege ein, auf welchem sich eine Menge Menschen angesammelt hatten, um der Entwickelung des tragischen Schauspiels zu folgen. In höchster Angst stoben sie auseinander, als die Gefahr nahte und flohen in die benachbarten Häuser.
Im nächsten Augenblicke mußte der Wagen an einen der Alleebäume geschleudert und zertrümmert werden, den bedauernswerthen Frauen aber stand in diesem Falle ein trauriges Loos bevor.
Jetzt mußte der unheilvolle, Tod bringende Anprall erfolgen — — — bebend schauten die Männer dem kommenden Unglück entgegen, die Frauen aber wandten sich ab, um das Schreckliche nicht zu sehen.
Da — im Momente der höchsten Gefahr, warf sich Victor den schäumenden Thieren entgegen, und mit kräftiger Faust riß er sie zur Seite, nach der Fahrstraße hinüber, der Wagen lenkte von den Bäumen ab — die darin sitzenden Frauen waren gerettet. Die Art, wie Victor die wüthenden Rosse zu bändigen versuchte, verrieth die kundige Hand des Landwirthes, der mit Pferden umzugehen versteht, aber der persönliche Muth, welchen der junge Mann bewies, fand die laute Anerkennung de» Publikums.
Eine Sekunde lang stutzten die Thiere, dann aber bäumten sie sich hoch auf und versuchten auf'» Neue davon zu rasen.
Victor hatte die Zügel gefaßt und mit aller Kraft angezogen, die Pferde aber waren stärker als er; er ward niedergeworfen und eine Strecke weit geschleift. Vergeblich versuchte der junge Mann sich von den Zügeln, die ihn umschlungen hatten, zu befreien, es gelang ihm nicht; wiederholt schlug sein Haupt auf den harten Boden auf, ein dumpfes Brausen durchbebte sein Gehirn, dann wurde es tiefe, schwarze Nacht vor seinen Augen.
Ein leiser Angstschrei, der aus dem Wagen zu kommen schien, war der letzte Laut, den er vernahm: ihm war, als breite der Tod seine dunklen Fittiche über ihn aus — mit dem Bewußtsein schien ihm auch das Leben zu schwinden.
Angeeifert durch das heroische Beispiel des jungen Landwirths sprangen einige Herren aus dem Publikum herzu, um die Pferde vollends zu besänftigen, was auch bald gelang.
Den muthigen Retter aus der Lebensgefahr aber trug man jetzt selbst blutend und leblos fort in die nahe Wohnung eine» Arztes.
(Fortsetzung folgt).
Redaetion: 31. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gieße».


