Ausgabe 
11.12.1886
 
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Seltsam genug ahnte Niemand sonst die Existenz dieser Spielhölle; Sir Archibald hatte jedem Mitglied der Gesellschaft einen feierlichen Eid der Verschwiegenheit, welcher allerdings nur im Ehren­wort bestand, abgenommen, und durfte sich somit ziemlich sicher fühlen.

Unter den Bekannten, welche Natalie hier ange­troffen, befand sich die Familie eines reichen Ham­burger Kaufmannes, aus Gattin, Sohn und Tochter bestehend. Edmund und Clara Hartung hatten sich an Natalie angeschlossen und der junge Mann aus seiner Bewunderung für Vera durchaus kein Hehl gemacht, bis die Mutter ihm ins Ohr flüsterte, daß die elfenhafte Schönheit ein obfcures Findelkind und die Pflegetochter sehr ordinärer, wenn auch wohlhabender Leute sei, mit denen seine Familie sich um keinen Preis verbinden könne. Sie die Mutter, wundere sich, daß Fräulein Gotthard diese Person unter ihre Flügel genommen und es gewagt habe, sie hier in die besten Kreise einzuführen, was ihr bischen Schönheit nicht rechtfertigen könne. Was solle man aber von einer Emancipirten, wie die Gotthard, ander» erwarten. Scandalös sei es vom jungen Reimann, welcher noch in der vorigen Saison der armen Clara so sehr gehuldigt habe, wie er, der Bruder recht wissen müsse, daß sie selber allstündlich seine Erklärung erwartet und dem zum Ueberfluß Clara'» ganzes Herz gehöre, daß dieser leichtfertige Mensch jetzt ebenfalls dem namenlosen Findling, der in einer gemeinen Schenke groß geworden, nachlaufe und anständige Familien dadurch tödtlich beleidigte.

So sprach Frau Hartung zu ihrem Sohne und dieser entsetzte sich dergestalt, daß er die schöne Loreley floh und mit seines Vaters Goldfüchsen in der Tasche dem gutmüthigen Sir Archibald in die Arme lief, welcher den besten Trost für ihn besaß im Würfelspiel und Becherklang.

Mylord, wie seine jungen Freunde ihn nannten, wußte ganz behutsam und klug die Rede auf die Schönheit, der Saison zu bringen und dem jungen Edmund eine Beichte zu entlocken, weshalb er jenem Stern der Gesellschaft nicht mehr huldige. Beim schäumenden Champagner wurde die Geschichte des obscuren Findelkindes zum Besten gegeben und von dem entrüsteten Mylord, welcher dergleichen nicht ge­ahnt, ein Verdammungsurtheil ausgesprochen, das von der Gesellschaft sofort acceptirt wurde.

Wir werden sie zwingen, in ihre Schenke zu- rückzukehren", rief ein Russe.Dort wollen wir sie als Wirthin begrüßen!" ein Anderer und lautes Gelächter begrüßte den frivolen Vorschlag.

Haiti" gebot Mylord,keine Uebereilung, meine Herren! die Dame steht hier unter englischer Flagge, wie Sie wissen. Gehen Sie behutsamer, wie Gentlemen zu Werke. Jene Hamburgerin, welche sich erkühnt hat, die Person hier einzuführen, muß gezwungen werden, mit ihr die Insel zu ver­lassen, versteht sich auf loyalem Wege. Man streut die Geschichte aus, bis die Wellen sie der badenden Gesellschaft in'» Ohr flüstern. Goddam, glaubte die

Klippe frei von solchen zweifelhaften Persönlichkeiten, und nun, ha, ha, muß sich die Gesell, schäft so dupiren lassen. Aber immer gentlemanlike bleiben, wir blasen sie weg, so."

Mylord blies mit vollen Backen den blauen Dampf seiner echtenRegatta" in die Luft und stellte dann seinen Plan fest, wonach die frechsten Jüng- linge Albions denselben schon morgen in Scene setzen sollten. Man mochte es sich nicht gestehen, daß die Geschichte ein Bubenstreich und elendes Rachegelüste war, da Fräulein Gotthard und Vera die zudring­lichen Helden durch ihr vornehmes Wesen und eine gewisse stolze Zurückhaltung in die Schranken des Rsspects gewiesen und verschiedene Wettende in großen Verlust gebracht hatten.

Sind Sie auch bei der stolzen Loreley abge­blitzt, Mylord?" fragte Edmund Hartung mit schwerer Zunge,haben uns Alle gewundert, daß Sie, der alten Scharteke, der Borner» die Kur schneiden, wird wohl seine Ursache haben, wie?"

Er blinzelte den Engländer listig an.

Dieser trank bedächtig ein Glas Wasser und zuckte die Achseln.

Äarum wundert Sie das, Sir? Goddam, ich mag keine Findelkinder, und verehre das Alter yes! Ursache? Hm, Spleen haben Briten allezeit!"

Die jungen Engländer lachten unbändig über diesen Witz ihres Landsmannes, welch' letzterer aller­dings von den Damen und älteren Herren Albion's ignorirt wurde, doch der Jugend zu viel Amüsement zu bereiten verstand, um nicht umschwärmt und eine gesuchte Persönlichkeit zu sein. (Forts, folgt).

Ich gebrauche keine Fremdwörter!

Aus d«m Leben für's Leben.

Die Glocke des Main-Weser-Bahnhof» hatte be­reits zum zweiten Male zur Abfahrt geläutet; der Schnellzug, eine stattliche Wagenreihe, war ziemlich gefüllt, wohl meistens mit Reisenden, welche der ein­dringlicher auftretende Herbst an die Heimkehr mahnte. Dicht vor der Abfahrt stieg richtiger flog ein junges Ehepaar zu mir in den Wagen hinein; ein greller Pfiff leb' wohl, Frankfurt!

Er:Glücklich noch mitgekommen! Es wäre aber auch zu ennuyant gewesen, wieder sitzen zu bleiben. Weißt Du noch, als wir das enorme malheur in Schwetzingen hatten--?"

Sie:Ja, und dann das famose rencontre mit dem commis voyageur, der seine Muster alle fort­fahren sah, während er selbst mit uns in dieser abdominabeln Situation zurückblieb!"

:Du, die X. sang doch gestern wieder einmal brillant, nicht? Ein superber Ort, dieses Frank- furt! Doch ä propos, hast Du auch nicht ver­gessen, Tante Aurelie ein kleiner souvenir mitzu-