Ausgabe 
11.12.1886
 
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K^-ctio«: A. Schehda. - Druck unb Berl.g d« Brühl'schm Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in «ießm.

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Sie:Ich auch nicht. Was müssen Sie von uns denken, daß ich über confiserie so entsetzt war und nun selbst völlig beschämt bin!"

Ich!Das Allerbeste denke ich, meine Gnädigste, von Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl. Denn wer so offen und unumwunden seine kleinen Schwächen einräumt, bei dem ist Hoffnung auf Beflerung und Abstellung des schlimmen Nebels reichlich vorhanden."

Er:Was haben Sie denn von diesem neuen Verein, dem Sprachverein? Der will ja wohl alle Fremdwörter verbannen?"

Sie:Geht das nun aber nicht viel zu weit? Mein Vater schrieb uns neulich davon, in G., unserer Heimarh, ist unlängst auch ein Zweigverein gegründet worden; ich möchte gerne Näheres roiffen"

Nunmehr hielt ich es für meine Pflicht, mein Dunkel zu lüften und griff nach meinen Besuchs­karten. Der Ehr mann tauschte die seinige mit mir aus und rief dann, halb zu seiner Frau, gewandt, nun wisse er doch auch, warum ich so scharf auf die von beidenpeccirten"pardon" (.Verzeihung", warf sie ein)verbrochenen" Fremdwörter geachtet hälte.

Unser Grundsatz:Kein Fremdwort für das, war gut deutsch ausgedrückt we den kann!" fand un­geschmälerte Billigung; auch Ziele und Zwecke des Vercinsgedankens wurden beifällig ausgenommen. Al» ich nun aber gar mich dazu bekennen mußte, bei der Gründung des Zweigvereins in Z. die ein­leitenden und grundlegenen Schritte gethan zu haben, da ward mir aus beider Mund alsbald das froh und gerne gegebene Versprechen:

Verlassen Sie sich darauf, wir treten dem neuen Vereine sofort bei!"

Die junge Frau fügte aber noch hinzu: Tante Aurelie muß auch dabei sein! Oder heißt diese von nun anMuhme"?

bringen? Du weißt, wie sentimental sie werden fann, wenn man ihre kleinen faiblessen nichtffchont."

Sie:Ei gewiß, wo denkst Du hin?' Cböre taute soll ganz zufrieden sein. Sieh nur hier, diese schöne Bonbonniere."

_ Er:Laß sehen. (Buchstabirt laut die in gothischen Buchstaben gegebene Aufschrift): Confiserie N. M."

Sie:Weißt Du, warum steht darauf nun nicht Deutsch: Konditorei? Das klänge doch viel besser!"

Hier flog ein leises Lächeln über meine, der bis­her stumm gebliebenen Beobachter« Züge. Die junge Frau bemerkte dies, erröthete und flüsterte ihrem Gatten etwas in» Ohr. Derselbe warf einen forschenden Blick auf mich und sagte, halb im Tone der Entschuldigung;

Er:Wir sind auf der Hochzeitsreise und im Begriffe heimzukehren."

Ich verbeugte mich und bat dringend, meinet­wegen ja nicht ein Gespräch zu wechseln, des soeben begonnen hätte, für mich spannend und fesselnd zu werden.

r nW wahr? Daß so etwas in Deutsch,

land noch möglich ist! Dieses abscheuliche Confiserie - als ob wir es aus Paris oder sonst woher aus Frankrerch mitbrächten--"

Ich:Kränkt Sie, meine Gnädigste, denn wirklich dieses Fremdwort zu sehr? Das ist für mich stets SLiSa ' bie Verurtheilung solchen fremden Flitters mitanhören zu dürfen."

3?' meine Frau ist darin gut erzogen. Aber rch hasse diese Fremdwörter auch, wo sie nicht v,iele kann man freilich nicht ent. behren, und mir als Techniker passirt es---

Sie:Glauben Sie nur, mein Mann und ich gebrauchen gar keine Fremdwörter mehr!"

Diesmal lächelte ich schon etwas deutlicher; der Mann ohne Fremdwörter" fragte etwas spitz:

Er.:Sie glauben das wohl nicht?"

~ 3ch: ,Offen gestanden, zunächst noch nicht. Haden Sre beide doch soeben noch vor meinen leib, gearbeittt!"^ Fremdwörtern ziemlich reichhaltig

Er und sie:Nein, das kann nicht sein!"

..tt. : geben uns alle Mühe und nun ver.

urtherlen sie uns doch?"

Ich:Meine hochverehrten Herrschaften, nichts für ungut, aber Sie haben soeben über ein Dutzend ganz leicht vermeidbarer Fremdwörter gebraucht. Oder sind" nun folgten die mir in der Erinne­rung gebliebenen Wörterdies etwa unentbehr- uche Ausdrücke und hieram Platze" gewesen?"

Beide verstummten und sahen verlegen zu ver­schiedenen Seiten aus dem Fenster auf die vorüber­fliegende Landschaft hinaus. Dann trafen sich ihre Blicke und beide brachen wie auf Verabredung in em fröhliches, mich ebenfalls zur Heiterkeit zwingendes Lachen au«.

, Er:Sie haben Recht! So schlimm habe ich mrr's übrigens doch nicht gedacht."

Die Antwort darauf sofort zu geben, hinderte mich das Einfahren in die Bahnhalle zu X-; hier verließ mich das junge Paar. Ich blickte den beiden nach, mich des neuen Sieges unserer Sache freuend. Da kam, während mein Zug sich schon wieder in Bewegung setzte, der junge Ehemann gelaufen und rief mir, ein Papier entgegenhaltend, nack:

Sehen Sie nur wie abscheulich! Meine Frau hat'» natürlich zuerst entdeckt.--Leben Sie recht

wohl!

Auf dem Papier erkannte ich aber, außerä, la carte undtable dhöte noch die Bezeichnung de» Bahnhofswirthes als Hostraiteur! Unwillkürlich kamen mir die schönen Worte Badenstedts in den Sinn, die er mir zum Andenken an den ebenfalls jüngst neu gegründeten Sprach-Zweigverein Wiesbaden mitgegeben':

Jedes Menschen Fuß im Lebenslauf" Wirbelt den Staub von Jahrtausenden auf:" Der Eine schüttelt ihn ab mit Verachtung," Dem Andern wird er zum Stoff der Betrachtung."

(Rhein. Kurier.")