Hießener Jamiüenblätter
Aellttristischer Beiblatt Mm Gießener Knreiger.
Nr. 107.
Samstag den 11. September.
Saal und Grnte.
Roman von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
„Dürste ich es, so wäre es längst geschehen!'
„Ich verstehe das nicht; man kann in solchen Dingen auch zu peinlich, zu gewissenhaft sein —"
„In solchen Dingen niemals!"
„Geloben wir Ihnen Verschwiegenheit, welche Bedenken können Sie dann hegen? Schon aus Rücksicht auf den Bruder meiner Braut werden wir unseres Versprechens eingedenk bleiben und keine Silbe verrathen."
Sie standen vor dem Gasthofe. Der Oberst schüttelte ablehnend das Haupt.
„Dringen Sie nicht weiter in mich, es ist nutzlos*, sagte er. „Dürfte ich reden, so würde ich es sicher gestern Abend gethan haben; es ist mir schwer genug geworden, den Bitten der unglücklichen Frau zu widerstehen. Und nun genug davon! Sie reisen gleich nach Tisch?"
„Jawohl."
„Dann machen wir die Reise gemeinsam. Ich verlasse Sie jetzt, um meine Sachen einzupacken."
Er winkte grüßend mit der Hand und stieg im Hause langsam die Treppe hinauf. Der Referendar zuckte ärgerlich mit den Achseln und ging ins Schenkzimmer, um seine Rechnung zu ordnen.
17. Capitel.
In den Händen eines Gründers.
Mehrere Wochen waren seit der Verhaftung des rothen Fritz verstrichen, und da weder der Vagabund ein Geständniß ablegen, noch Herr von Görlitz oder der Oberst das dunkle Räthsel lösen wollten, so hatte die Sachlage noch keine Aenderung erfahren.
An der Börse tauchten seit einigen Tagen sehr beunruhigende Gerüchte auf. Mehrere große Aktiengesellschaften, die erst vor zwei oder drei Jahren unter den glänzendsten Aussichten gegründet waren, sollten bereits vor dem Concurs stehen, und heimlich, natürlich unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, nannte man schon die Häuser, die in den Sturz verwickelt werden mußten-
Vorsichtige Leute wollten das vorausgesehcn haben, aber im Allgemeinen traf es die Betheiligten doch ganz unerwartet, und Jeder suchte nun noch vor Thoresschluß das Seinige oder wenigstens einen Theil desselben zu retten. Unter den Firmen, denen
der Schiffbruch drohen sollte, wurde auch die des Banquiers Morgenroth genannt; aber bet Chef dieses Hauses schien von den Gerüchten, die sich mit ihm beschäftigten, nicht die mindeste Kenntniß zu haben. Er besuchte nach wie vor die Börse, das Theater und die geschloffene Gesellschaft, deren Mitglied er war, und wurde in seiner Gegenwart von finanziellen Unternehmungen gesprochen, so mußte man glauben, daß er auch jetzt noch über Millionen gebiete.
Und doch umwölkten heute dunkle Schatten seine Stirn, während er die Briefe und Börsenberichte las, die mit der Post angekommen waren.
„Ra, was kann's nutzen, ob ich mir graue Haare deshalb wachsen laffe!" sagte er endlich, sich aus seinem Seffel erhebend. „Geändert wird dadurch Nichts, und: apres nous le deluge, den Letzten beißen die Hunde!"
Er legte die Hände aus den Rücken und wanderte langsam auf und nieder. Zeigte seine Stirn auch noch immer dunkle Schatten, so verrieth doch der Ausdruck seines Gesichts, daß er auf Alles vorbereitet war.
Hastig wurde die Thür geöffnet; der Banquier konnte seine Bestürzung nicht verhehlen, als er in dem Eintretenden den Landrath Ackermann erkannte.
„Sie hier?" fragte er, indem er, rasch gefaßt, ihm die Hand reichte. „Ich vermuthete Sie in der Residenz und habe Ihnen gestern Abend noch geschrieben."
Der Landrath war sichtbar erregt; er stellte seinen Hut auf den Tisch und warf die Handschuhe hinein; dann ließ er sich in den Seffel nieder, den Morgenroth ihm hinrollte.
„Haben Sie mir gestern Abend eine Geldsendung gemacht?" sagte er, an den Spitzen seines langen Schnurrbartes drehend.
„Verzeihen Sie! Ich erinnere mich nicht, daß Sie eine Geldsumme gewünscht haben. Wenn nach dieser Seite hin ein Versehen stattgesunden haben sollte, so bitte ich, daffelbe zu entschuldigen
„Sie haben mein Gut verkauft?"
„Gewiß! Ich zeigte es Ihnen ja an; die Aktiengesellschaft hat es übernommen —"
„Und auch schon Zahlung geleistet?"
„Diese Angelegenheit ist geordnet", nickte Morgenroth, dessen forschender Blick erwartungsvoll auf dem blassen Antlitz des Landraths ruhte.
„Aber Sie haben mir das Geld nicht geschickt!" „Ich war dazu ja nicht beauftragt. Sie werden
! sich unserer Absprache noch erinnern. Ich soll daß


