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wenn Ihr Euch daraus nichts macht, so würde sie wohl gerade für Euch paffen."
„Rothe Haare?" meinte aber James kopfschüttelnd, er hatte gegen Personen mit rothem „Scalp" eine ausgesprochene Antipathie, wie so viele andere Leute, „weiß nicht, na, will mir die Geschichte erst überlegen, wenn ich das Mädel erst gesehen habe ... die Geschichte wird mir überhaupt jetzt zuwider!"
„Das will ich Euch gern glauben", lachte Thornton, „habt bis jetzt mit Eurer Brautschau gerade nicht besonders Glück gehabt, indessen, Ihr seid nun 'mal d'rin und müßt es ausbaden; s'wird sich schon noch was Rechtes finden! Doch aber go on,' damit wir nicht die letzten bei Ben Reader sind."
Die Pferde griffen wieder aus und gegen Mittag langten die beiden Reiter auf Reader's Farm an, wo jedoch die ganze Jagdgesellschaft schon ziemlich vollständig versammelt war. Der alte Thornton, den Alle kannten, wurde nebst seinem Begleiter mit einem jubelnden Hurrah empfangen. James machte mit den Jägern, meist ebenfalls Farmerssöhne vom Green Creek, rasch Bekanntschaft und als Ben Reader" hörte, wen Thornton mitgebracht, ging er auf den jungen Hinterwäldler zu und schüttelte ihm kräftig die Hand, wobei er die lästerlichsten Schwüre ausstieß, wie sehr es ihn freue, endlich mal einen von den Jungens seines guten Thompson kennen zu lernen. Auch Grace bekam der junge Mann alsbald zu sehen — sie war allerdings eine ganz „ansehnliche Person", wie Thompson sen. gemeint hatte, aber freilich er mußte Thornton Recht geben, Grace Reader besaß nicht nur „'n bischen", sondern ordentlich brennendrothe Haare, außerdem stand ihr die Nase ein ganz klein wenig schief im Gesicht und dieselbe gehörte nicht zu den kleinsten ihrer Gattung, auch ein merkwürdig breiter Mund zog sich unter der Nase hin. James war daher rasch mit sich im- Klaren, daß er Grace Reader nicht zu nahe kommen werde und wenn der alte Reader auch noch so sehr in der Molle säße, jetzt wollte er sich überhaupt einmal austummeln draußen auf der weiten Prairie — Thompson sen. würde noch immer zeitig genug eine Schwiegertochter bekommen.
Noch am Nachmittag ritt die ganze Jagdgesellschaft ab, da man die Jagd auf die schon seit einigen Tagen erwarteten Büffel gleich am nächsten Morgen beginnen wollte und die grasreichen Ebenen, welche diese Thiere durchziehen, erst vier bis fünf deutsche Meilen von Readers Farm entfernt begannen. Abends lagerten die Reiter am Rande der Prairie, den sie nach einem scharfen Ritt erreicht und sprengten am andern Morgen lustig über die wellenförmige, mit kurzem, aber sehr saftigem Grase bedeckte Fläche dahin. Bald tauchten am Horizonte einzelne dunkle Punkte auf, die sich rasch vermehrten und beim Näherkommen der Jagdgesellschaft als die ersehnten Büffel erwiesen. Mit hellem Jagdrufe
ging es auf die recht ansehnliche Heerde los, aber die Büffel waren auf ihrer Hut und sobald sie die langaufgelöste Litlie der Reitergestalten nur von weitem auf sich zukommen sahen, senkten sie die dicken, mähnenumflatterten Köpfe auf den Boden und fort stoben die Thiere mit einer Schnelligkeit, die man den anscheinend so unbeholfenen Gestalten gar nicht zugetraui hätte. Obgleich die Pferde, vom Jagdeifer ihrer Herren angesteckt, alles Mögliche thaten, um den Büffeln näher zu kommen, so wollte sich die Entfernung zwischen der Gesellschaft und den Büffeln doch nicht bis auf Schußweite verringern, ja, als die Reiter gegen Mittag sich und ihren Thieren eine nothwendige Rast gönnen mußten, war die Heerde beim Wiederaufbruch der Gesellschaft ganz verschwunden und wenn man auch am Nachmittage den Büffelspuren noch mehrere Stunden folgte, so wurden doch selbst die Nachzügler der Heerde nicht mehr erreicht.
Mißmuthig campirten die unglücklichen Jäger Abends am Saume eines Gehölzes, unweit einer kleinen Quelle, während die Pferde — jedes mit leicht gefeffelten Vorderfüßen, um ein etwaiges Davonlaufen zu verhüten — sich in dem fetten Grase nebenan gütlich thaten. Eben waren die beiden ersten Wachen bestimmt, als sich im Schein des Vollmondes, der am östlichen Himmel stand, eine lange dunkele Linie auf einer entfernteren leichten Voden-. erhöhung seitlich von dem Lager zeigte — es waren Büffel. Rasch war man entschlossen, dieselben zu beschleichen und behutsam krochen die Jäger, die Büchsen schußfertig in den Händen, auf die Büffel, deren Conturen sich jetzt scharf im Mondenschein abzeichneten, zu. Bald hatten sich die Männer so weit genähert, daß flch jeder sein Stück auslesen konnte und schon wollte der alte Thornton, welcher gewissermaßen die Leitung des Ganzen in der Hand hatte den Befehl zum Feuern geben, als aller Blicke durch einen wundersamen Vorgang auf eine Stelle gelenkt wurden.
Ein alter Büffel, der zunächst den Jägern graste, fing plötzlich an, in tollster Weise umherzuspingen und brüllte dabei, als ob er Leibschneiden hätte, wie Ben Reader zu seinem Nachbar zur Rechten, dem jungen Thompson, bemerkte. Zuletzt kam der Büffel, fortwährend die seltsamsten Capriolen ausführend, gerade auf die Kette der Jäger zu, brüllte womöglich noch furchtbarer wie vorhin, warf wüthend mit seinen Hörnern die Erde in die Luft, begann dann zu taumeln und fiel endlich, schrecklich röchelnd zu Boden nieder und verendete. Vier weitere Büffel führten nacheinander dasselbe seltsame Schauspiel auf, so daß zuletzt fünf lobte Büffel vor den Jägern lagen, ohne daß diese einen einzigen Schuß gethan hätten. (Schluß folgt.)
Redaetiorn A, Scheyda, — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr.^Pietsch) in Gießen.


