schraubt, aber darum keineswegs ertödtend sind die geselligen Beziehungen unter uns." ,
„Wie herrlich muß es im Tannenwalde sein, wenn jeder Zweig mit dem weißen, flockigen Flaum des Winters belegt ist!" fuhr Liesbeth eifrig fort und legte unwillkürlich ihre kleine, weiche Hand auf die Rechte des jungen Mannes. „Gewiß glaubt man sich da in einen großen Weihnachtsgarten versetzt, die Tannenzapfen sind die vergoldeten und versilberten Nüsse und die Eiskrpstalle die blinkenden Perlenketten, die sich von Zweig zu Zweig schlingen. Als ich noch Sin kleines Kind war ta) erinnere mich deffen nur noch dunkel! — da brannte bei uns auch ein Christbaum und er war nur das liebste Geschenk auf dem Gabentische; jetzt werden am Weihnachtsabend die großen Kronleuchter angezünder, und eine Menge Wachskerzen auf den Tisch gestellt, aber der alte, liebe Tannenbaum fehlt, denn Mama behauptet, es sei nicht vornehm!"
Ein glückliches Lächeln umspielte die Lippen des herrlichen Mädchens, als sie ihrer Kindheit gedachte; mit stillem Entzücken lauschte Victor dem harmlosen Geplauder, und sein Auge ruhte mit dem Ausdrucke innigster Bewunderung auf ihrem Antlitze.
„O, wie beneidenswerth ist Der, welchem es be- schieden ist, an der Seite eines so herzigen, anspruchslosen Wesen durch's Leben zu gehen", flüsterte der junge Mann zu sich selbst; „er hat den Himmel auf Erden!" .
Liesbeth fchaute ihm fragend ms Gesicht, |te hatte die letzten Worte vernommen.
„Ja, Fräulein von Eschenheim", sagte Rauschne- dorff, „lassen Sie mich es wiederholen,. glücklich, dreimal glücklich i|t der, welcher eine Gattin findet, die ihm als liebende Gefährtin, als sorgende Hausfrau zur Seite steht, die ihm die Stunden der Arbeit versüßt, Freude und Leid opferwillig, mit ihm trägt, die nicht im prunkenden Leben der Groß- ' stadt ihre Befriedigung findet, sondern den rennten, edelsten Genuß im eigenen Hause im Umgänge mit dem gleichgesinnten Gatten sucht. Und, Liesbeth, nickt länger will ich es verschweigen, daß ich ein solches Wesen in Ihnen erblicke, nicht länger vermag ich das Geständniß zu unterdrücken, daß ich Sie liebe, daß ich vom ersten Augenblicke an, wo ich Sie im Opernhause sah, unwiderstehlich zu Ihnen hingezogen ward, und nicht eher zu ruhen und zu rasten beschloß, als bis ich Ihnen gesagt, was ich für Sie fühle, bis ich aus Ihrem Munde gehört, ob auch Sie mir ein wenig Zuneigung entgegen zu bringen vermöchten."
Er hatte Liesbeths Hand erfaßt und hielt sie in der feurigen fest, während er mit dem Ausdruck von Furcht und Hoffnung in den Zügen sein Ur- theil erwartete.
Eine Pnrpurröthe überzog das Antlitz des jungen Mädchens, als Jener ihr von Liebe sprach, zugleich aber lagerte fick auch ein tiefer Ernst auf das fonst
so kindlich heitere Wesen, und sie schien Mühe zu )aben, die aufsteigenden Thränen zu bekämpfen.
„Sprechen Sie nicht so mit mir, Herr von Rauschendorff, ich kann, ich darf Sie nicht au» hören", stieß sie hastig hervor, indem ne sich bemühte, ihre Hand zu befreien.
In höchster Bestürzung ließ Victor sie frei; eine unsagbare Angst kam über ihn, es war ihm, als werde in diesem Augenblicke über Leben und Tod entschieden.
„Und warum darf ich nicht so mit Ihnen sprechen, warum dürfen Sie mich nicht anhören?" fragte er, und seine Stimme zitterte vor innerer Aufregung.
Das Mädchen schlug beide Hände vor das Gesicht und zwischen den seinen zarten Fingern drangen die hellen, bitteren Tropfen hindurch, die ihren Augen entströmteii. Es war, als senke sich erst jetzt in diesem Augenblicke, die ganze Saft .eines schweren Geschickes auf sie herab, als werde sie sich erft jetzt der ganzen, traurigen Lage bewußt, in die ein unerbittliches Verhängniß sie gebracht.
„O, warum sprachen Sie sich nicht früher aus, ehe'es zu spät mar?" rief sie jammernd aus, „warum konnten Sie nicht Jenem zuvorkommend"
Victor starrte entsetzt auf sie.
„So ist ihr Herz nicht mehr frei? Sie haben bereits Ihre Wahl getroffen?" hauchte er tonlos hervor.
Liesbeth schüttelte heftig das Haupt, daß das hellblaue Band, welches die blonden Locken hielt, sich löste, und zur Erde flatterte.
„Das Herz hat nichts damit zu thun, Herr von Rauschendorff, und doch muß es sich in Fesseln schlagen!" sagte sie, und ihre Thränen begannen reichlicher zu fließen und ihrem geängstigten Gemüthe Erleichterung zu gewähren. „Ich bin versprochen, Herr von Brehmer hat um meine Hand angehalten und meine Eltern haben sie ihm zugesagt. Morgen wird die Verlobung gefeiert werden."
Victor erbleichte; er hatte nicht erwartet, daß Alles für ihn verloren sei, daß bereits die Eltern ihre Zustimmung ertheilt haben könnten.
„Und Ihr Herz weiß nichts von dieser Verbindung, Liesbeth?" fragte er mit leisem Vorwurf im Tone. „Kann es noch Eltern geben, die über das Wohl und Wehe ihres einzigen Kindes verfügen, wie über ein willenloses Hausthier, die ein solches Kleinod zu verschleudern vermögen, unbekümmert darum, ob der Werth desselben gewürdigt wird oder nicht?"
„Ein grausames Geschick, dem meine armen Eltern sich zu fügen gezwungen waren, sch eint hier obzuwalten", erzählte das junge Mädchen mit leise zitternder Stimme.
(Fortsetzung folgt).
Siebaction: A. Scheyba. — Druck unb Verlag der Brühl scheu Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


