271
„Weshalb nicht? Die Gesellschaft beginnt erst um acht Uhr? sie könnte bis dahin die Zeit nicht besser todtschlagen. Kennen Sie den Herrn, der unten im Parquet neben ihrem Freunde sitzt? Bitte, nehmen Sie mein Glas, Sie sehen ihn dann besser und schärfer."
Maiwind hatte kaum einen flüchtigen Blick auf den ihm bezeichneten Herrn geworfen, als er das Glas wieder zurückgab.
„Jawohl, ich kenne ihn", erwiderte er. „Seit heute Mittag ist er unser neuer Hausgenosse. Haupt« mann von Görlitz — kein Talent, doch ein Charakter!"
(Fortsetzung folgt.)
Are eingeborenen Stämme des nordwestlichen Afrika.
Der ungeheuere Landstrich, welcher im Norden durch das Mittelländische Meer, im Westen durch den Atlantischen Oeean, im Süden durch die Wüste Sahara und im Osten durch Egypten begrenzt wird und den wir als das nordwestliche Afrika bezeichnen, scheint seiner ganzen Beschaffenheit wie seinen Bewohnern nach mehr zu dem europäischen Theile des Mittelmeergebietes, als zum afrikanischen Continente zu gehören. Der ganze äußere Charakter dieses Ländergebietes, dessen Vegetation und Klima, ähneln denen der südeuropäischen Küstenländer und auch seine Bewohner gleichen in ihrer helleren Haut und edleren kaukasischen Gesichtszügen weit mehr den Südeuropäern als den Völkerschaften des centralen Afrikas, von denen sie auch räumlich durch den breiten Wüstengürtel der Sahara geschieden werden. Aber diese Aehnlichkeit der Eingeborenen des nord- westlichen Afrikas mit den Europäern besteht eben auch nur in diesen äußerlichen Merkzeichen, in Bezug auf Gesinnung und Gesittung findet sich bei jenen nichts, was dem europäischen Geiste verwandt wäre und wenn dasjenige europäische Culturvolk, welches an der Nordwestküste Afrikas seit längerer Zeit festen Fuß gefaßt hat, die Franzosen, unglücklicher Weise seine Position in Algerien und Tunis wieder aufgeben müßte, so würden vielleicht schon in kurzer Zeit alle Spuren der Civilisation, welche die französische Herrschaft diesem Theile Afrikas aufgedrückt hat, wieder vernichtet werden.
Da» soeben in seinen Grenzen angegebene Gebiet begreift die Staaten Marokko, Tripolis, Tunis und Algerien oder Algier in sich und reicht in politischer Beziehung auch noch in die Sahara hinein. Wie bekannt, ist der westlichste dieser Staaten Marokko, ein unabhängiges Kaiserreich, während Tripolis einen Schutzstaat der Pforte bildet und Algier und Tunis französische Colonien sind, wenngleich in Bezug auf letzteres Land officiell nur von
einem „Protectorate" Frankreichs die Rede ist. Unter den Einwohnern dieser Ländermaffen, welche man auch mit dem Gesammtnamen der Berberei bezeichnet, unterscheidet man außer den Europäern, welche durch die französische-Besetzung von Algier im Jahre 1830 nach Nordafrika verpflanzt worden sind, noch Berber, Mauern, Kabylen, Beduinen, Juden, Neger und Türken. Letztere kommen nicht in Betracht, da sie sich erst seit ein paar Jahrhunderten in Nordafrika festgesetzt haben, ebensowenig die Juden, welche hierher infolge ihrer Vertreibung aus Spanien und Portugal im letzten Decennium des 15. Jahrhunderts kamen und auch die in Nordafrika vorkommenden Neger sind nur als Sklaven aus dem Sudan und aus Westafrika dahin gebracht worden. Aber auch die übrigen Volksstämme bilden nicht die ursprünglichen Bewohner der Berberei, sondern sind nur Abkömmlinge der früher im nordwestlichen Afrika wohnhaften Völker und erscheint es zum besseren Verständniß nothwendig, einen kurzen geschichtlichen Rückblick zu thun.
Als die Phönicier etwa tausend Jahre vor Christi Geburt an der Nordküste Afrikas erschienen und hier ihre Colonien gründeten, unter denen Karthago bald die blühendste und mächtigste ward, fanden sie bereits die Mauren, Numidier, Libyer und Gätuler vor, welche den Ankömmlingen keinerlei Hindernisse in den Weg legten, ja, sich mit ihnen vermischten. Unter diesen Mischvölkern ragten an Macht die giumibier hervor, welche sich aber in mehrere Stämme spalteten; als nun im dritten panischen Kriege die Karthager in ihrem eigenen Lande von den Römern hart bedrängt wurden, riefen sie den Theil der Numidier, welche unter dem Häuptling Syphar stand, zu Hülfe, während die Römer durch einen andern numidischen Stamm unter dem grausamen und herrschgierigen Massinissa unterstützt wurden. Rom siegte und gründete auf dem ganzen von ihm unterworfenen nordafrikanischen Gebiete Colonieen, die sich vielleicht zu dauernder Blüthe erhoben hätten, wenn die rohen Reiterhorden der Numidier die Colonieen nicht fortwährend mit Plünderungszügen heimgesucht hätten. Außerdem stürzten sich auch die Vandalen 429 nach Christi auf diese Länder und obgleich sie später von dem oströmischen Feldherrn Belisar bis zur Vernichtung geschlagen wurden, vermehrte dieser Einfall der Vandalen und deren mehr al» hundertjährige Herrschaft doch die unsicheren Zustände in den römischen Provinzen Nordafrikas.
Im Jahre 617 erschienen hier die ersten Raubzüge der Araber aus Egypten, welche sich so lange wiederholten, bis Hassan, der Feldherr des Khalifen Abdel-Malek, 692 der römischen Herrschaft in Nordafrika vollständig ein Ende machte. Die Araber setzten sich in den eroberten Gebieten fest und bestanden mit den Eingeborenen, den Numidiern, wie mit den Mischlingen der Numidier und Vandalen, siegreiche Kämpfe, ohne sie jedoch ganz verdrängen zu können, bis schließlich die Araber sich mit den genannten Völkerschaften vermischten und aus dieser


