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vergiß den großen Schmerz!" erwiderte Maiwind, indem er das volle Glas erhob.Der Mensch lebt nicht von Brod allein, und des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder. Wann wollen Sie nach Wiesenthal, Verehrtester?"

Ich weiß es noch nicht. Von den Nachrichten, die ich von dort erwarte, hängt es ab, ob ich über­haupt Hinreisen werde."

Bah, was wollen Sie auch dort? Sie werden Wenig oder Nichts erforschen. Lasten Sie den Lump laufen; jeder dieser Lumpenhunde wird vom andern abgethan; seinem Schicksal entrinnt auch dieser nicht."

»Ich kenne auch ein Wiesenthal, ein reizendes Dorf in der Nähe von Wiesbaden", sagte der Oberst, die Brille dichter vor die Äugend rückend.Wenn Sie dorthin wollen, reisen wir vielleicht zusammen."

Mir persönlich würde das schon angenehm sein", erwiderte der Referendar,aber ich fürchte, Sie selbst haben Nichts von meiner Begleitung, da ich diese Reise nur mache, um einem Verbrechen nach« zuforschen."

Das in Wiesenthal verübt worden ist?"

Oder verübt worden sein soll! Da» Nähere muß noch festgestellt werden."

Unsinn, Du siegst, und ich muß untergeh'n!" brummte Maiwind.Verbrechen, die niemals be­gangen worden sind, sollen nach Jahren erforscht werden; ein Stromer muß deshalb, weil er einen falschen Paß besitzt, Raub und Mord begangen haben--mir wird von Alledem so dumm, als

ging mir ein Mühlrad im Kopfe herum."

Lasten Sie das Mühlrad nur herumgehen", spottete der Referendar;Sie haben dann doch wenigstens Etwas, was Ihnen zu denken gibt."

Sind Sie in Wiesenthal bekannt?' fragte der Oberst.

Nein. Sind Sie es vielleicht?"

Ich war früher einmal dort, aber das ist schon lange her."

Sind Sie ein Deutscher?"

Von Geburt, ja!"

Und nun werden Sie wieder in der alten Hei- math bleiben?"

Nein."

Damit brach der Oberst dar Gespräch ab, um sich in sein Zimmer zurückzuziehen und Toilette zu machen; eine Viertelstunde später befanden sie sich auf dem Wege zum Theater.

Dem Referendar gelang es, noch zwei Plätze in einer Loge zu erhalten; er selbst ging in's Parquet, um dort seinen Sitz einzunehmen.

Wir sitzen der Loge des Landraths gegenüber", sagte Maiwind leise.Eben tritt Madame ein, der Herr Gemahl folgt ihr."

Der Oberst hatte die Brille abgenommen. Er hielt dm Operngucker dicht vor die Augen, und längst hatte die Ouvertüre begonnen, als er noch immer unverwandt hindurchschaute.

Der Landrath war ein großer, hagerer Herr mit

harten, finsteren Zügen. Das kurze, krause Haa lichtete sich schon auf dem Scheitel, und der dicht schwarze Schnurrbart, dessen Enden über das Kinn herunterhingcn, ließ die Blässe der Wangen nur noch schärfer hervortreten.

Die zarte, schlanke Frau mußte in der That eine Schönheit genannt werden; manches Opernglas richtete sich auf das feingeschnittenc, von tiefschwarzem Haar umrahmte Antlitz.

Sie schien das zu wissen und als etwa» Ge­wohntes und Unvermeidliches hinzunehmen; selten schlug sie die Augen auf; aber so oft sie es that und dabei den auf sie gerichteten Blicken begegnete, umzuckte immer wieder ein schmerzlicher, unwilliger Zug ihre Mundwinkel.

Für den Menschenkenner bedurfte es keine» scharfen Blicks, um das Seelenleiden zu erkennen, das sich in ihren Zügen spiegelte und das sie ohne Murren mit stiller Resignation ertrug; aber trotz dieser geduldigen Ergebung blitzte es manchmal zornig in den dunklen Augen auf, und der Ausdruck des schönen Gesichts bewies in solchen Momenten, daß es nur eines Funkens bedurfte, um die schlummernden Leidenschaften in ihrem Innern wieder zu wecken.

Dem Landrath, der alle Zuschauerräume musterte, soweit sie in dem Bereich seines Blickes lagen, mußte der Fremde mit dem langen Haar und Bart wohl ausgefallen sein; er machte seine Fran auf ihn auf­merksam.

Vera nahm zögernd das Glas und richtete es auf den Oberst; schon nach einigen Secunden ließ sie es hastig wieder sinken, und der Blick, mit dem sie hinüberschaute, war so starr, als ob plötzlich ein Gespenst vor ihr aufgestiegen sei.

Der Landrath flüsterte ihr einige Worte zu; sie schüttelte das Haupt und wandte das Antlitz wieder der Bühne zu.

Diesen Augenblick benutzte der Oberst, um seine Brille wieder aufzusetzen.

Julia Barlotti", flüsterte der Buchhalter, als Elsa Brabant jetzt auf die Scene trat.Eine ent­zückende Erscheinung; ich werde nimmer ihres Gleichen sehen!"

Der Oberst nickte schweigend; er hörte einige Minuten lang zu, dann streifte sein Blick wieder die Loge, in der Vera saß.

Auch sie blickte noch einmal hinüber, und als der Akt zu Ende war, erhob sie sich, um die Loge zu verlassen.

Der Landrath kehrte später allein zurück; er be­trachtete durch sein Opernglas den Oberst noch ein­mal, dann aber würdige er ihn keines Blickes mehr.

Wer erklärt mir, Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur?" fragte der Buchhalter erstaunt.Schon nach dem ersten Akt verläßt die Landräthin das Haus?"

Sie wird wohl in einer Gesellschaft erwartet werden", erwiderte der Oberst ruhig.

Dann wäre sie überhaupt nicht in's Theater gekommen."