Ausgabe 
10.6.1886
 
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Hichener Jamilienblätter.

JeUetristischer Büdlatt ium Gießener Anzeiger

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Ur. 68 Donnerstag dm 10. Juni. 1886.

Saat und GrnLe.

Roman von Ewald August König.

(Fortsetzung.) j

Pah, diese Liebenswürdigkeit war wohl nur ; eine Maske, mit der er die angebetete Dame täuschen ! wollte! Und was seine Beständigkeit betrifft, die! Sie vorhin hervorheben wollten, so ist'S damit auch | nicht weit her."

Was wollen Sie damit sagen?" fragte der; Oberst rasch.

Ich spreche nicht gerne darüber."

Davon schweigt des Sängers Höflichkeit!" sagte der Buchhalter ironisch.Sie müssen nämlich wissen, Herr Oberst, daß mein lieber Freund und Kupfer­stecher nicht nur ein großer Pandektenwurm, sondern auch ein berühmter Theater-Necensent ist, und als galanter Freund der Mus en darf er ihre Jüngerinnen"

O, weht daher der Wind?" fiel der Oberst ihm rasch in die Rede.

Signora Julia Barlotti ist eine sehr ehren- ! werthe Dame", erwiderte der Referendar mit einem > vorwurfsvollen Blick auf den Freund; , auf ihren l guten Ruf kann kein Makel fallen."

Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt l der Glaube! Können Sie leugnen, daß Signora j Barlotii die Geschenke des Landraths annimmt?"

Gewiß nicht; welchen Schluß wollen Sie aber daraus ziehen? Weshalb soll die schöne Sängerin nicht die Huldigungen und Geschenke eines Mannes annehmkn, der sich für sie ruiniren will? Wenn ; Ackermann nicht ganz und gar verblendet wäre, i müßte er längst erkannt haben, daß seine Wünscke ; und Hoffnungen sich niemals verwirklichen werden. ! Ich kenne Signora Barlotti besser; ich weiß, wie - sie über diesen und alle übrigen Herren denkt. Unter ihnen ist nicht ein Einziger, der für seine Geschenke mehr als einen kühlen Dank geerntet hätte."

Bah, ist denn Lieben ein Verbrechen?"

Keineswegs; nur soll der Eine nicht den Andern mäkeln! Signora liebt allerdings aber wer dieser Glückliche ist, habe ich noch nicht erfahren können."

Glauben Sie mit dieser Behauptung allen bösen Gerüchten entgegentreten zu können? Gehe nach Jericho und laß Dir den Bart wachsen!"

Böse Gerüchte?" erwiderte Rommel ärgerlich, während er ungeduldig an seiner Brille rückte. \

Wenn Dich die Lästerzunge sticht, so laß' Dir dies zum Tröste sagen"

Und so weiter, wir kennen ja diesen über­wundenen Standpunkt Bürger's. Der gute Mann mag wohl oft in die Lage gekommen sein, sich selbst dies zum Tröste sagen zu müssen. Damit kommen Sie nicht durch, Verehrtester; es ist stadtbekannt, daß der Landrath Ackermann unsere Primadonna mit Diamanten und Perlen überschüttet"

So gönnen Sie ihm dieses Privatvergnügen; ich sage Ihnen, Signora Barlotti liebt einen Mann, mit dem sie vor zwei oder drei Jahren zusammen- getroffen ist, und dieser Liebe wird sie niemals un­treu werden!"

Dann sollte sie mich nicht von Anderen Ge­schenke annehmen!"

Was wollen Sie? Wenn Ihnen Jemand einen Brillantring schenken wollte, würden Sie das Ge­schenk ablehnen? Beenden wir diesen Streit, wir zanken da wider einmal um des Kaisers Bart."

Anders, begreif ich wohl, als sonst in Menschen­köpfen, malt sich in diesem Kopf die Welt", nickte der Buckhalter.Gehen Sie heute Abend in's Theater?"

Jawohl."

Was wird gegeben?" fragte der Oberst.

Lohengrin. Schließen Sie sich uns an, Herr Oberst. Sie werden den Landrath und seine Frau ebenfalls dort finden."

Wenn ich einen dunklen Logenplatz haben könnte, so wäre ich sofort entschlossen; ich darf meine Augen nicht blendenden Lichtstrahlen aussetzen."

Dafür lassen Sie mich sorgen", sagte der Referendar.Ich werde Ihnen einen Platz ver­schaffen, wie Sie ihn wünschen. Ich selbst habe meinen Platz im Parquet, aber mein Freund wird Sie gerne begleiten und Ihnen die Loge des Land­raths zeigen."

Ich bin Ihnen sehr dankbar und stehe gerne wieder zu Diensten. Der Landrath hat wohl auch Kinder?"

Nicht doch, die Ehe ist kinderlos geblieben; das Band, welches die Gatten fester aneinander ketten soll, hat dieser Ehe gefehlt."

Der Kellner brachte in dsisem Augenblick die zweite Flasche. Der Oberst warf einen Blick auf seine Uhr.

Wir haben noch ein» halbe Stunde Zeit", sagte der Neserendar,die Vorstellung beginnt erst um halb Sieben."

So trink' ihn aus, den Trank der Labe, und