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Mischung von Vandalen, Numidiern, und Arabern sind dann wieder die Kabylen hervorgegangen. Man sieht demnach, daß im Grunde genommen all' die eingeborenen Stämme Nordafrikas nur eine Völkerfamilie bilden und daß schließlich Kabylen, Berber, Mauren nur einen großen Stamm ausmachen, von dem dis einzelnen Völkerschaften lediglich die Bruch- stücke sind. Man hat sich daher unter der Bezeichnung „Berber" mehr einen Collectivnamcn für die fo vielfach vermochten eingeborenen Stämme der Berberei vorzustellen, als eine besondere Völkerschaft selbst, doch pflegt man speciell als Berberstämme die Amazirghen und Schöllechen in Marokko, die Kabylen rind Schaouia in Algerien und die räuberischen Tuariks "der nördlichen Sahara zu bezeichnen.
Die Kabylen nun bewohnen größtentheils die alg rische Provinz Constanline, das alte Numidien, und werden auf etwa 900,000 Köpfe geschätzt; sie haben seit der Eroberung Algiers durch die Franzosen mit den letzteren lange und blutige Kämpfe geführt und erst 1857 wurden sie gänzlich unterworfen. Die Kabylen sind durchweg Mohamedaner, treiben Ackerbau und Viehzucht und besitzen sogar eine gewisse Industrie; kriegerische Rohheit und ein wilder Freiheitsstolz machen ihre Hauptcharakterzüge aus. Die Kabylen zerfallen in eine Anzahl von Stämmen (Trische) deren jeder sich wieder in vier Bezirke (Charuba) theilt; jeder Bezirk hat seinen besonderen Scheich; die wahre und permanente Macht bei den Kabylen ruht in der Sawia, der aus den Marabuts oder Priestern gebildeten kirchlichen Gemeinde.
Die Beduinen bewohnen namentlich den Süden von Algerien und Tripolis, wenn man eben auf diese nomadisirenden Wüstenbewohner überhaupt den Ausdruck „bewohnen" anwenden kann; doch schweifen sie auch weit bis Marokko hinüber. Ihre Zahl läßt sich in Anbetracht ihrer herumschweifenden Lebensweise nur annähernd schätzen und kann man dieselbe auf 450— 600,000 Köpfe beziffern. Auch die nordafrikanischen Beduinen charakterisiren sich, wie ihre Brüder in Arabien, der eigentlichen Heimath der Beduinen, und Syrien, durch die hervorragenden Tugenden und Fehler des ganzen Volksstammes: Auf der einen Seite Biederkeit, Treue, Gastfreundschaft, unbezähmbarer Muth und große Freiheitsliebe, auf der andern Rachsucht, Raublust, persönliche Eitelkeit und furchtbare Leidenschaftlichkeit. Die herrschende Religion unter den Beduinen ist zwar der Islam, doch finden sich bei ihnen gar nicht so selten noch Spuren des alten Feuerdienstes. Die Regierungssorm ist durchaus eine patriarchialische und ruht bei jedem Beduinenstamme in den Händen eines Scheichs, eines der Aeltesten des Stammes, von dem sie sich weiter vererbt.
Die Mauren bilden den Hauplbestandtheil der Städtebnvohner von Marokko bis Tunis und sind ein Mischvolk aus arabischem, römischem und vandalischem Blute. Sie haben von den Tugenden ihrer Vorfahren, unter denen einst Spanien so blühend und
reich wurde, so gut wie gar nichts geerbt, denn trt Künsten und Wissenschaften sind die nordafrikanischen, das heißt also die heutigen Mauren, sehr weit zurück, während doch in den maurischen Städten Spaniens besonders die Baukunst, die Musik und die Dichtkunst in so hoher Blüthe standen. Auch haben die Mauren fast nur schlechte Charaktereigenschaften aufzuweisen, denn sie sind treulos, unbeständig, hinterlistig, grausam und lügnerisch; ihre vorherrschenden Leidenschaften bilden sinnliche Liebe, Rachsucht und Habsucht und als einzige Tugend steht dem eigentlich nur die Gastfreundschaft gegenüber, welchen Zug sie aber mit allen eingeborenen Stämmen des nordwestlichen Afrika gemein haben. Die Mauren sind eingefleischte Mohammedaner und ihr religiöser Fanatismus übersteigt alle Begriffe. — Endlich sind noch die Tuariks oder Tuareg zu erwähnen, welche meist die mittlere Sahara nomadisirend und raubend durchstreifen; doch treiben sie auch Viehzucht und spielen als Vermittler des Karavanenverkehrs zwischen dem Nordrand Afrikas und den jenseits der Sahara gelegenen Gebieten eine wichtige Rolle. Ihr Charakter wird von den meisten Reisenden als treulos und hinterlistig geschildert und ihren Angriffen sind eine ganze Anzahl enropäischer Forschung-reisender zum Opfer gefallen. Die Tuariks gehören gleich den Mauren zu den fanatischsten Bekennern des Mohammedanismus; ihre Zahl wird auf ca. 300,000 angegeben.
Alle diese Stämme nun gleichen sich mehr oder weniger in Sitte, Sprache, Gewohnheiten und Gebräuchen und außerdem verbindet sie auch eine Religion, der Islam und dieser hat, wie wir schon gesehen haben, gerade in den eingeborenen Stämmen der Berberei seine glaubenseifrigsten Bekenner gefunden und natürlich ist es in erster Reihe das Christenthum und mit ihm die europäische Civilisation, gegen welche sich der Fanatismus richtet. Dem Giaur, dem Ungläubigen, also dem Christen, hält der Gläubige, der Mohammedaner, kein Wort, seine Religion gebietet ihm dies geradezu und dieser Falschheit des Charakters begegneten die Europäer im Verkehr mit allen arabischen Stämmen der afrikanischen Nordküste. Die Kabylen zeigen sich noch am ehrlichsten, während am allergefährlichsten die maurischen Bewohner der Städte erscheinen. Die Priester oder Marabuts, die Kaids und Thalebs bestärken nur fanatischen Haß dieser Völkerschaften gegen die Christen und die Franzosen haben Gelegenheit gefunden, sich hiervon bei den wiederholten Aufständen der Araber in Algerien und Tunis gründlich zu überzeugen. Sollte einmal die französische H rrschaft in Nordafrika sich durch einen allgemeinen Aufstand der eingeborenen Völkerstämme bedroht sehen — und ein derartige« Ereigniß gehört gerade nicht zu den Unmöglichkeiten — so würde jedenfalls der islamitische Fanatismus das Leitmotiv hierbei bilden.
NedMon: A. Gcheyda. — Druck und Beklag der Brtzhl'lchen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen,


