Ausgabe 
9.12.1886
 
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Hichener Jamilienblättn

DMMßisches PMM MW Meßmer AsMZK-

18ck

Donnerstag den 9. December.

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Ws zur teHLen Klippe.

Original-Roman von E. Heinrichs.

(Fortsetzung).

Ach ja, die tobte Frau, sie war ja wohl vergiftet"

Schweigen Sie still, liebe Henningen, ich kann nun einmal nichts mehr davon hören. Es schießt mir gleich bis in die große Zehe hinunter. Das arme Kind, es würde ihr ja immer vor Augen stehen und sie zuletzt noch trübsinnig machen. Ich hab' das unglückliche Medaillon, was Ihr Heinrich damals gefunden hat, gar nicht wiedersehen wollen wissen Sie, der alte Notar zeigte es mir später einmal, er glaubte, daß es Vera's Mutter vorstellen sollte, das kleine Bild nämlich, was in dem Medaillon war lieber Himmel, Aehnlichkeiten kann man überall herausfinden. Na, IhrMusje Neugier" konnte auch nichts Besseres thun, als nach solchen Sachen herumzustöbern ich wollt' auch nichts davon wissen, denn was tobt ist, das ist einmal tobt unb braucht so'n armes Kinb nicht weiter zu peinigen, sie war ja gottlob klein genug, um bie Mutter balb zu vergessen unb mich basür zu nehmen."

Wo ist bas Mebaillon benn geblieben?"

Fräulein Gottharb hat's bekommen, bie kluge unb verstänbige Dame wirb sich hüten, es unserer Vera zu zeigen da man boch auch nicht wissen kann, ob's ihre Mutter ist. So, liebe Henningen, nun wollen wir von anberen Sachen schnacken es hat mich orbentlich aufgeregt. Trinken Sie, wenn bei Kaffee schmeckt, gut ist er, Sie wissen, baß ich mich barauf verstehe."

Frau Henning nickte verstänbnißvoll unb trank mit innigem Behagen ihre sechste Tasse.

5. Capitel.

Das Felsen-Ellanb Helgolanb, jene seltsame Klippe, welche sich einsam, einem Dreieck gleich, aus ben Fluthen ber Norbsee erhebt, beren Anprall sie unmerklich, aber stetig ihren Tribut zollen muß, bis sie enblich zerbröckelt in ber Tiefe verschwinden wirb, ist burch bie Babe-Saison zu einem weltbekannten Ort geworben. Wer hätte sich in jener Welt, wo König Mammon regiert, unb welche nach Heine allein bas Recht besitzt, zu leben, wohl jemals um Liefe öbe, traurige Insel bekümmert, wo roeber Baum noch Aehre gebeiht, wo ber mächtige Stürmwinb keinen Busch über bie Höhe der Gartenzäune empor­

wachsen läßt unb nur armselige Fischer ein kärgliches Dasein führten, bis bie Sp culation sich be-3 Eilandes erbarmte und bis Mode dasselbe fürfashionable erklärte.

Freilich ist die durchsichtige Seeluft hier wunder­bar kräftigend und ber belebende Wellenschlag bes Meeres, bas hier unabhängig ist von Ebbe und Fluth, so fern vom Festlande, dessen Grenzen man nicht mehr sieht, ein Bad ber Wiebergeburt, das heißt nur für bie Gesegneten dieser Erde, welche den nervus rerum, den goldenen Zauberstab, die Wünschelruthe des Glückes besitzen.

Diese und ähnliche Gedanken entwickelte ein Badegast, der an einem prächtigen Morgen die breite Treppe, welche das Oberland mit dem Unterland verbindet, an ber Seite eines anberen Herrn hinab­stieg, um auf ber sogenannten Düne, welche in einiger Entfernung von ber Insel liegt unb früher einen Theil berselben bitbete, sein Bab zu nehmen.

Wahr ist's boch", sagte er eifrig,wenn ein Ding Mobe wirb, steigt Alles im Preise, um hier einige Wochen zu bleiben, muß man ein großes Portemonnaie haben, wie Sie zum Beispiel, Herr Reimann I"

Dieser, ein hübscher junger Mann, lachte lustig aus unb ermiberte bann gutmüthig:Ich benfe boch, baß Ihr Geschäft eine kleine Babereife wohl ertaubt, Herr Henning!"

Na, bas wohl", brummte unser alter Bekannte, berMusje Neugier",aber leib thut's mir boch, baß ich nicht ein billiges Ostseebad ausgesucht habe. Davon wollte mein Doetor nun nichts wissen: bei Ihrem Selben, ich leibe nämlich an Nerven­schmerz unb Magenkrampf, sagte er, müssen Sie nothwenbig nach einem Nordseebab, hätte ich doch Norderney ober Wyk auf ber Insel Föhr gewählt."

Ebenso thener, mein Bester!" lächelte Reimann, sich eine Cigarre anzünbenb,Sie wären nur vom Regen in bie Traufe gekommen."

Schmähliches Geld!" brummte ber Hutmacher, habe es meinen Eltern gar nicht sagen mögen, schäme mich vor ihnen, mein alter Vater muß sich einschränken, unb ich lebe hier zwischen Fürsten unb Grafen, es ist eine Schanbe! Aber wahr ist's Herr Reimann, wer einen Hausarzt hat, steht so zu sagen unter Curatel."

Ja, ba haben Sie recht, Herr Henning! ein Hausarzt kann leicht unser Tyrann werden, obwohl ber Ihrige nicht so schlimm zu sein scheint, ba er \ Sie inS Bab schickt. Wehe, wenn Ihre Frau sich ' barauf eaprieirt hätte! Wollte Sie nicht mit?"