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„Sie wissen also?" fragte der Amtsrichter.
„Alles, mein guter Herr Schäfer", entgegnete sie mit einem verständnißvollen Augenblinzeln.
„Aber woher können Sie etwas erfahren haben?"
„Nun, die Wände haben nicht nur in der Wirthsstube, sondern auch auf dem Gerichte Ohren."
„Ist mir rein unerklärlich."
Ein überlegenes, verschmitztes Lächeln glitt über das Gesicht der Wirthin.
„Sie hatten ganz Recht, Herr Doctor, wenn Sie der hergelaufenen Vettel die Wahrheit ordentlich ins Gesicht gesagt haben. Leid thut es mir nur, daß Sie sich durch die Schauspielerin haben blenden lassen. . . ."
„So kennen Sie auch das Actenmaterial?"
Dieser Ausdruck war ihr fremd. Eben wollte sie eine diesbezügliche Frage an den Juristen stellen, als sich ihr instinctiv der Gedanke aufdrängte, daß in den Acren etwas die Kirchner Compromittirendes enthalten sein müsse.
„Theilweise ja — doch ist das durchaus kein Geheimniß. Eine Verwandte von mir hat viel in dem Hause in Berlin verkehrt, in dem die Kirchner gewohnt hat, ehe sie nach unserer Stadt kam. Unter uns gesagt, Herr Amtsrichter, gewundert habe ich mich, daß man dem Kirchner die Erlaubniß zur Verheiratung mit dieser — dieser — na, ich will es lieber nicht sagen — gegeben hat."
„Ich auch", bestätigte der Amtsrichter, — „wenn ich auch der Meinung bin, daß Kinder für ihre Eltern nichts können."
„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme."
„Das habe ich mir allerdings auch gesagt, aber man hat dem Alten damals nichts beweisen können, und so mußte er von dem Verdachte der Brandstiftung wegen mangelnder Beweise freigesprochen werden."
Die Hand der Wirthin zitterte vor Aufregung, als sie diese Worte hörte. Um ihre Aufregung mehr zu verbergen, nahm sie ihr Glas und entnahm demselben, nachdem sie mit verlockendem Blick ihren Gast angesehen, einen tüchtigen Schluck.
„Die Schlechtigkeit hat sich auf die Kinder vererbt."
„Leider."
„Es ist zur ganzen Familie nichts."
„Besonders an dem Brudsr."
„Ich denke, derselbe ist — ist —"
Frau Bester suchte nach Worten.
„Dersebe sitzt eben noch seine sechsjährige Zuchthausstrafe wegen Einbruchs und Diebstahl ab."
„Ich glaubte er sei wieder frei", warf Bester leicht hin.
Der Herr Amtsrichter schüttelte, während er den Rest seines Bieres austrank, den Kopf. Dann reichte er der Wirthin das Glas und diese beeilte sich das Glas von Neuem zu füllen. Mit einem vertraulichen „Wohl bekomm'« I" setzte sie ihrem Gast das Glas vor, wobei sie nicht unterließ, ihre
Hand vertraulich auf die Schulter des Amtsrichters zu legen, der wieder seinen verlangenden Blick über die Brillengläser weg nach ihr sandte und couragirt die Taille der Wirthin umfaßte, die nur leicht widerstrebend, ihrer Freude über das Gehörte keinen Zwang anthat und deshalb mit verklärtem Lächeln auf ihren Courmacher herabsah.
Amtsrichter Schäfer war kaum zum Fortbringen und die kleine Wirthin hatte Noth um zwölf Uhr, nachdem schon längst dir letzten Gäste ihre Heimstätte aufgesucht hatten, sich ihrer Gastes zu entledigen.
„Meine kleine reizende Wirthin schließt mir doch das Thor auf", schäkerte Dr. Schäfer, nachdem er sich mit Hilfe der Bester in seinen Ueberzieher gehüllt hatte und in den Flur getreten war.
„Warum auch nicht?" gab diese zurück-
Beide verschwanden in der dunkelen Einfahrt der Gasthofes. Mit geschäftiger Eile schloß sie das Thor auf. Das matte Licht der Gaslaterne strömte zwar sofort ein, allein trotzdem ließ sich Schäfer nicht abhalten, seinen „kleinen lieben Schatz", wie er der geschäftigen Frau leise in's Ohr flüsterte, an sich zu ziehen und ihr den'üppig geschnittenen Mund, der eben eine Erwiderung bringen wollte, mit einem Kusse zu schließen.
Schnell warf sie die schwere eichene Thür ins Schloß und sperrte dieselbe ab.
Kichernd uud händereibend gelangte sie nach der Wirthsstube, hier noch einige Anordnungen treffend und begab sich dann nach ihrem Schlafzimmer.
Noch lange schlossen sich ihre Augen nicht.
Endlich, endlich hatte sie die Mittel gefunden, sich an der verhaßten Nebenbuhlerin zu rächen. Hatte doch Kirchner seiner Zeit ihr den Hof gemacht, hatte sie doch nicht anders geglaubt, als daß sie von ihm heimgeführt würde. Mit der ganzen Gluth eines warmen, fühlenden Frauenherzens hatte sie sich an der Seite des geistig hochbegabten Menschen geträumt, bis diese — diese „Putzmachermamsell" gekommen war und diese den Triumph über sie davon getragen hatte.
Ein Weib vergiebt alles, nur nicht verschmähte Liebe. Als die Verbindung Kirchners mit Alice Herming bekannt worden war, hatte sie im ersten leidenschaftlichen Aufwallen geglaubt, das Leben überhaupt nicht mehr ertragen zu können und sie war nahe daran gewesen mehr aus Rache an Kirchner als aus Lebensüberdruß sich das Leben zu nehmen. Nach schweren Kämpfen hatte das leidenschaftliche Wesen endlich so viel Ruhe gewonnen, um sich in das Unvermeidliche zu fügen. Jetzt konnte sie Rache nehmen an ihm und ihr. Erst der anbrechende Morgen brachte die ersehnte Ruhe, denn die Phantasiegebilde und Pläne kreuzten sich in ihrem Kopfe und begannen jenen tollen Wirbeltanz, der in allen Köpfen leidenschaftlich erregter Menschen tobt, wenn sie glauben einem Ziele nahe zu sein.
(Fortsetzung folgt).
Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Ehr.Pietsch) in Gießen.


