Unverzüglich mit dem Gatten zu reden und noch in l derselben Stunde sich für immer von ihm zu trennen.
Sie fühlte kein Mitleid mit ihm. Jenes furchtbare Verbrechen ließ sich nicht entschuldigen; konnte er doch zu seiner Rechtfertigung nicht einmal anführen, daß die Liebe zu ihr ihn dazu verleitet habe.
Nie hatte er ihr innige und aufrichtige Liebe bewiesen; der Sinnesrausch war rasch verflogen und hatte kein tieferes Gefühl zurückgelassen. Und doch, trotz aller Kälte und Gleichgültigkeit war sie ihm stets eine treue Gattin gewesen; nie hatte er ihr einen Vorwurf machen können, während er selbst ihr oft genug Veranlasiung dazu gab.
Er hat sich nie darum bemüht, ihre Liebe zu gewinnen, also konnte er selbst auch keine Liebe für sie empfinden, und gerade dies erhöhte in ihren Augen seine Schuld.
Ihr graute vor diesem Manne, und doch wollte sie nicht von ihm scheiden, ohne ihm gesagt zu haben, daß sie sein Verbrechen kenne.
Glaubte er denn noch, sich vertheidigen zu können, so mochte er es thun; sie wollte hören, was er ihr zu sagen hatte, und ihm das Recht der Vertheidigung nicht entziehen.
Bei ihrer Heimkehr hörte sie, daß er noch nicht nach Hause gekommen war. Sie wartete bis Mitternacht auf ihn — er kam nicht, fo mußte sie ihre letzte Unterredung mit ihm bis zum nächsten Tage verschieben.
Nach dem Frühstück wollte sie sich bei dem Gatten anmelden lasien — er war noch nicht auf- gestanden. Eine Stunde später ließ er sich mit heftigem Kopfweh entschuldigen; so war es Mittag geworden, als sie endlich in seinem Cabinet ihm gegenüberstand.
„Ich möchte Dich bitten, mich heute zu entschuldigen", sagte er, und sie las dabei in seinen Zügen, ,wie schwer es ihm fiel, seine Erregung zu bezwingen. „Die Angelegenheit wird ja so wichtig nicht sein —"
„Ich werde mich kurz fasten", unterbrach sie ihn mit mühsam erzwungener Ruhe; „es ist nur wenig, was ich Dir zu sagen habe: Die Gründe, die Hermann von Salberg in den Tod getrieben haben, sind mir nun bekannt —"
„Verschone mich endlich mit diesen Kindereien I" fuhr er auf. „Was vor 10 Jahren geschehen ist, das sollte heute längst vergesten sein, und Thorheit ist es, über geschehene Dinge zu klagen und zu jammern, die ja doch nicht ungeschehen gemacht werden können!"
„Die ich aber ergründen mußte, wenn es in meinem Innern wieder ruhig werden sollte!" sagte Vera mit scharfer Betonung. „Du wolltest meine Frage nicht beantworten, und außer Dir konnte nur eine Person mir Antwort geben: Herr von Görlitz."
„Ich verbiete Dir, eine Frage an ihn w richten!" rief er in jäh aufwallendem Zorne. „Dieser Mann ist unser Feind; ihm sind alle Mittel recht, seinen Haß gegen mich zu befriedigen!"
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„Haßt er Dich, so mag dieser Haß ernsten Gründen entspringen — ich habe keinen Grund, den leisesten Zweifel in die Ehrenhaftigkeit des Herrn von Görlitz zu setzen. Der Wunsch, endlich Gewißheit zu erhalten, führte mich gestern zu ihm; ich befand mich bei ihm, als Dein Besuch ihm gemeldet wurde. Durch das Nebenzimmer wollte ich mich entfernen; ich fand die Thür zum Corridor ver- schlosten — so war ich gezwungen, Euerer Unterredung beizuwohnen, und kein Wort dieses inhaltschweren Gesprächs ist mir entgangen."
Ackermann griff nach der Lehne des Sessels, neben dem er stand, starr ruhte sein Blick auf dem bleichen Antlitz der schönen Frau; wäre ein Blitz aus wolkenloser Höhe vor ihm niedergefahren,, er hätte ihn nicht mehr erschrecken können, als diese Worte es thaten. (Fortsetzung folgt.)
Die Brandstifterin.
Criminal-Novelle von Andri Hugo.
(Fortsetzung).
Frau Bester ließ es sich nicht nehmen, die „Herren" zu bedienen, während ihr Gatte in der großen Wirthsstube den „Bürgern" das edle Naß credenzte. Als sie den Herrn Amtsrichter allein am Tische des „Herrenstübchens" sitzen sah, konnte sie doch nicht anders umhin, als ihm Gesellschaft zu leisten. Auch sie brachte sich ein Glas Bier mit und begann ein leichtes Tagesgespräch mit dem verbliebenen Gast. Mit der ihr eigenen Schlauheit wußte sie das Gespräch auf das Feuer und mithin auf die Kirchner'schen Eheleute zu lenken. Hierbei war sie dem Hagestolz näher und näher gerückt.
Amtsrichter Schäfer sah über die starke, goldene Brille mehr als einmal hinweg. Kam es ihm nur so vor oder lagerte heute über der kleinen, dicken Wirthin wirklich ein eigener Zauber? Es mußte das Letztere der Fall sein, denn sie trug wie gewöhnlich das am Halse enganschließende und dort mit einer kleinen weißen Krause verbrämte dunkele Oberkleid, dessen Schlußtheile mit einem einfachen, aus gediegenem Gold gearbeiteten Goldblatte zusammengehalten wurden. Das tiefnußbraune Haar war wie immer wellig gescheitelt und auch sonst zeigten sich keine besondere Merkmale an der Kleidung.
Daß sich der Herr Amtsrichter diese Fragen vorlegte, wußte Frau Bester nur zu gut, wenn sie ihren berechneten Augenaufschlag nach dem vor ihr Sitzenden gleiten und diesen in ihre verlangenden Augensterne blicken ließ.
Das ursprünglich laut geführte Gespräch näherte sich mehr und mehr dem Flüstertöne, als sie ihre weiche Hand vertraulich auf das Knie des Amtsrichters legte und sie mit zündendem Blick in dem begonnenen Gespräche fortfuhr:
„Allgemein wundert man sich nur darüber, daß die Untersuchung gegen die Kirchners eingestellt ist.'s


