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„Ich denke, der Anfang vom Ende ist gemacht", erwiderte Rommel, an seiner Brille rückend. „Die nächsten Tage müssen uns Klarheit bringen. Madame Ackermann wird sich von ihrem Gatten trennen, das unterliegt für mich keinem Zweifel; nur fragt es sich, wo sie ein Asyl suchen soll."
„Wo?" fragte die alte Dame ruhig. „In diesem Hause kann sie es finden, und sie wird sich unserer erinnern, wenn sie das Haus ihres Mannes ver- lassen muß."
„Aber daß sie nicht sofort nach ihrem Besuch bei Herrn von Görlitz zu uns gekommen istl" nahm Ludmilla wieder das Wort. „An unserer Theilnahme konnte sie doch nicht zweifeln, und wir nehmen ja auch Jnteresie an der Lösung jenes Räthsel»."
„Herr von Görlitz wird ihr verboten haben, uns jetzt schon Mittheilung zu machen", entgegnete der Referendar. „Er hütet ja das Geheimniß noch immer mit Argusaugen, und was sie durch ihn erfuhr, das kann auch nur ein Zufall ihr verrathen haben."
„Und so bleiben wir in der Unruhe und Aufregung", sagte Tante Lina ärgerlich. „Run kommen andere Sorgen hinzu; die Flucht Morgenroth's wird auch nicht so spurlos an uns vorüber gehen."
„Ich habe Karl bereits beruhigt", erwiderte er. „Es ist nicht so schlimm, wie es den Anschein hat; er soll die Bücher dem Gericht übergeben und nun ernstlich mit der Gründung seines eigenen Geschäfts beginnen. Darauf, was die Leute schwatzen und behaupten werden, darf man kein Gewicht legen, noch weniger aber sich dadurch bestimmen lassen, von der einmal betretenen Bahn abzuweichen oder muthlos stehen zu bleiben."
Der Bursche des Hauptmanns unterbrach das Gespräch. Herr von Görlitz ließ den Referendar bitten, sich zu ihm zu bemühen. Rommel fand die beiden Herren in sehr bewegter Stimmung. Der Hauptmann wanderte, in Nachdenken versunken, langsam auf und nieder, und der Oberförster hielt das weiße Haupt auf den Arm gestützt und blickte sinnend vor sich hin.
„Wir sind zu einem Entschluß gekommen", sagte Herr von Görlitz. „Oberst Johnson wird wohl Nichts gegen ihn einzuwenden finden. In seiner Gegenwart sollen Sie morgen Alles erfahren; bis dahin müssen wir noch schweigen und auch auf Ihre Verschwiegenheit vertrauen."
„Das Verhör soll ja erst übermorgen statt- finden!" wandte der Oberförster sich zu dem jungen Mann.
„Jawohl! Aber wenn Sie wünschen, daß es schon morgen —"
„Nein, nein! Ich hoffe sogar, daß es ganz überflüssig sein wird. Durch unsere Mittheilungen werden Sie auch über die Aussagen Keller's volle Klarheit erhalten. Wann soll ich Ihnen den Holzhauer zuschicken? Er kann schon morgen zu jeder Ihnen beliebigen Stunde sich jn Ihrem Bureau zum Verhör melden."
„Ich werde darüber mit dem Herrn Ünter suchungsrichter Rücksprache nehmen und Ihnen dann das Nähere mittheilen. Ist der Mann ein durchaus unbescholtener und glaubwürdiger Zeuge?"
„Jn jeder Beziehung!"
„Dann könnte also nur noch die Klage wegen Beraubung einer Leiche gegen Keller aufrecht erhalten werden."
„Vielleicht auch diese nicht!" antwortete der Hauptmann. „Auch Sie könnten es wünschenswerth finden, die Untersuchung niederzuschlagen."
„Was sollte mich dazu veranlaffen könnnen?" „Rücksichten, die Sie Ihrer Braut schulden!" „Wird mir gestattet werden, meine Braut und deren Tante in das Geheimniß einzuweihen?"
„Vielleicht", erwiderte Herr von Görlitz ausweichend. „Diese Frage kann erst morgen beantwortet werden. Der Herr Oberförster wünscht noch heute Abend den Oberst Johnson zu besuchen. Können Sie ihm zur Erfüllung dieses Wunsches be- hülflich sein?"
„Mit Vergnügen."
„Sie wissen also, wo der Oberst zu finden ist?" fragte der Hauptmann. „Davon haben Sie mir kein Wort gesagt!"
„Ich meine doch, Ihnen mitgetheilt zu haben, daß ich ihm vor einigen Abenden im Theater begegnet bin."
„So? Na, dann habe ich's wieder vergessen. Also bitte, führen Sie den Herrn Oberförster hin und gedulden sich bis morgen."
„Noch eine Frage", sagte der Referendar zögernd, während der alte Herr sich schon zum Abschied rüstete. „Vor einer Stunde etwa begegnete mir Madame Ackermann in diesem Hause. Sie behauptete, Alles erfahren zu haben. Ich kann das nicht wohl glauben."
„Und doch ist es Wahrheit", erwiderte Görlitz. „Sie verdankt's dem Zufall, daß das Geheimniß enthüllt wurde."
„Und der Landrath? Haben Sie auf Ihr Billet noch keine Antwort von ihm erhalten?"
„Er war hier; und während ich mit ihm sprach, befand seine Frau sich im Nebenzimmer."
„Und wie soll die Angelegenheit geordnet Werden?"
„Ich überlasse das dem Ehrenrath. Fragen Sie jetzt nicht weiter. Morgen muß Manches, vielleicht Alles, sich entscheiden!"
„So gehen wir denn", wandte Rommel sich zu dem alten Herrn. „Ich sehe'wohl ein, daß ich mich gedulden muß."
Der Oberförster nickte zustimmend und nahm mit herzlichem Handdruck von dem Hauptmann Abschied; dann folgte er dem jungen Mann, der schm vorausgegangen war, um seinen Hut zu holen.
22. Capitel.
Wie die Saat, so die Ernte.
Vera hatte das Haus der Frau Schirmer mit dem festen Entschluß verlassen, bei ihrer Heimkunft


