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aber selbst schwachen militärischen Abtheilungen keinen genügenden Unterhalt darbieten, umkommen wollten.
Unter allen Jndianervölkern Südamerikas sind nun unstreitig die Araucaner, das tapferste und in geistiger Beziehung wie in physischer Entwickelung das vorgeschrittenste. Unzweifelhaft bilden sie mit den eigentlichen Pampasindianern und mit den patagonischen Jndianerstämmen ein und dieselbe Völkerfamilie, obschon in sprachlicher Hinsicht wie auch theilweise im Körperbau anscheinend große Verschiedenheiten zwischen dem Araucanerstamm und den Puelchen, Tehuelchen, Mocobi, Abtponen und wie alle die zwischen dem La Plata und dem Feuerland hausenden indianischen Nationen heißen mögen, bestehen. Die Araucaner bewohnen das zwischen den beiden chilenischen Provinzen Concepcion und Valdivia gelegene Gebiet, das sich von den Cor- dilleren bis zur Küste des Stillen Oceans herniederzieht und etwa einen Flächenraum von 600 bis 800 Quadratmeilen umfaßt, das von einer Bevölkerung von 60,000 bis 70,000 Seelen bewohnt wird. Genau lasten sich eben die Grenzen des eigentlichen Araucaniens nicht ziehen, die Bewohner des Landes streiten sich hierüber mit den Chilenen hin und her und nur das Eine kann man mit Gewißheit sagen, daß die Grenzen des araucanischen Gebietes gegen früher doch enger geworden sind.
Diese Indianer sind niemals bezwungen worden; schon die alten JncaS versuchten vergeblich, sich die Araucaner zu unterwerfen und das nämliche Mißgeschick hatten die Eroberer Südamerikas, die Spanier, welche sich Jahrhunderte lang mit diesem tapferen Völklein herumschlugen, doch ohne wesentliche Vortheile über dastelbe davonzutragen. Auch die Chilenen unternahmen es lange ohne merklichen Erfolg, die Araucaner, wenn nicht in den chilenischen Staat ein» zufügen, so doch mehr und mehr gegen die Cordilleren hinzudrängen, und wiederholt wurden die Chilenen aus den araucanischen Grenzen mit blutigen Köpfen heimgefchickt. Aber in der Folge drangen Civilisation und Colonisation immer weiter gegen das Araucaner- land vor, die Bewohner ließen sich öfters in die ja auch in Chile, wie in allen südamerikanischen Republiken, so häufigen Bürgerkriege hineinziehen und hierdurch wurden die Araucaner geschwächt, sie konnten dem Ansturm der Weißen nicht mehr so energisch Stand halten und mußten sich eine allmähliche Beschränkung ihres Landes gefallen lasten. Aber alle Versuche, sie gänzlich der chilenischen Herrschaft zu unterwerfen, scheiterten an dem alten kriegerischen Sinn, der wilden Tapferkeit des Volkes und schon seit Jahren existirt zwischen Chilenen und Araucanern eine Art stillschweigenden Waffenstillstandes. — Eine eigen« thümliche Episode in der neueren araucanischen Geschichte bildete das Austreten eines französischen Abenteurers, Namens Tonnens, der Ende der fünfziger Jahre nach Chile einwanderte, hier aber wegen verschiedener Schwindeleien wieder flüchten mußte, worauf er sich in das Gebiet der unabhängigen Araucaner begab. Unter denselben wußte sich der
Abenteurer bald ein solches Ansehen zu erwerben, daß sie ihn sogar zu ihrem Großtoqui oder oberstem Häuptling wählten, als welcher sich Tonnens schließlich unter dem Namen Orelio Antonio I. zum König der Araucaner ausrufen liefe. Durch List den Chilenen in die Hände gefallen, lieferten ihn dieselben an Frankreich aus, von wo aus er einen fulminanten Protest an die europäischen Mächte gegen seine „Thronentsetzung" erließ. Im Anfang des Jahres 1870 erschien „König Orelio" plötzlich an der Spitze einer Bande von Abenteurern wieder in Araucanien und suchte abermals sein Reich einzurichten, wobei er sich zugleich in einen hoffnungslosen Krieg gegen die Chilenen stürzte. Der ungünstige Verlauf desselben für die Araucaner bewog Tonnens, wiederum nach Frankreich zurückzukehren, wo er Napoleon III. für seine Pläne zu gewinnen suchte, die aber der gerade aurbrechende deutsch-französische Krieg vergessen machte. Tonnens versuchte dann noch wiederholt, für sein araucanisches Königrthum Propaganda zu machen; doch scheint er seit einer Reihe von Jahren verschollen zu sein, wenn er überhaupt noch unter den Lebenden weilt.
Die Araucaner haben sich dadurch in bemerkens» weither Weise namentlich von den Indianern Nordamerikas unterschieden, daß sie schon srüh von der Cultur der Weißen dasjenige sich aneigneten, was ihnen nützlich erschien, dagegen alles, was den Trägern der fremden Cultur irgendwie einen Ein- flufe auf die araucanische Lebensweise gestatten konnte, möglichst fernhielten. Ein drastisches Beispiel hiervon giebt die Art und Weise, wie die Araucaner die zu ihrer Bekehrung von den Spaniern und dann auch von den Chilenen abgesandten Mönche empfingen. Willig ließen sich die Indianer taufen und ebenso mit der einen oder der anderen ihrer bisherigen Gattinnen trauen, da die frommen Väter ihnen das Unstatthafte der Vielweiberei vorstellten. Aber ebenderselbe Araucaner liefe sich vielleicht zum zweiten, zum dritten Male taufen und auch zu wiederholten Malen mit feinen Weibern „trauen", aus lauter Gefälligkeit gegen die Missionare I Und als ein spanischer Mönch den Araucanern den Vorschlag machte, mit Werkleuten kommen zu wollen und eine Kirche zu bauen, zeigten sie sich sehr er- freut über den beabsichtigten Bau, verwahrten sich jedoch eben so entschieden gegen die in Aussicht gestellten Werkleute. Infolge deffen entfernte sich der Mönch, lernte das Ziegelbrennen und das Mauern, kehrte nach Jahresfrist zurück und unterrichtete die Indianer in den Künsten, welche er soeben gelernt hatte. Auf diese Weise lernten die Araucaner regelrecht bauen, was ihre Absicht war; als nun aber die Kirche fertig war, fanden sich kaum ein paar vereinzelte, nothdürftig bekehrte Indianer in ihr zusammen und nach ein paar Jahren stürzte sie bei einem Erdbeben zusammen, ohne daß Jemand daran dachte, die Kirche wieder aufzubauen.
(Schluß folgt).
Redaktion: Ä. Schcyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


