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„Bei Sott, ich hatte keine Ahnung davon."
„Daran könnte ich zweifeln, aber ich will Ihnen Glauben schenken. Frau Ackermann hätte sich und mir das ersparen können; Nichts, auch nicht die Bitte einer schönen Frau darf mich bewegen, ein gegebenes Wort zu brechen. Auch Ihnen sage ich: lassen Sie die Todten ruhen und achten Sie ein Geheimniß, dessen Enthüllung weder Ihnen noch anderen Leuten Bortheil bringen kann. Thorheit ist es, daß Sie hier ein Verbrechen wittern wollen; wenn ich reden dürfte, so würden Sie ohne Bedenken darauf verzichten, diese Angelegenheit noch weiter zu verfolgen."
„Es sind nun schon so viele Beweise gefunden —"
„Beweise? Wofür?"
„Uhr und Ring des Todten, wie sollten sie anders als durch ein Verbrechen in die Hände dieses Vagabunden gekommen sein?"
Der Oberst wiegte mit ernster, mißbilligender Miene das Haupt.
„Es ist schlimm genug, daß sie bei ihm gesunden wurden", sagte er; „dann aber brauchen Sie doch nicht auf die Verdächtigungen dieses Mannes zu hören. Und am besten wäre es, man nähme gar keine Notiz von dieser Entdeckung —"
„Der Richter muß das, Herr Oberst! Weshalb fürchten sie denn so sehr —"
„Ich fürchte Nichts, durchaus Nichts; aber es ärgert mich, daß mein unglücklicher Freund auch nicht im Grabe Ruhe finden soll. Die Zeitungen werden sich bald dieses intereffanten Stoffes bemächtigen, das Unglück meines Freundes wird dann noch einmal der Oeffentlichkeit preisgegeben, die lebhafte Phantasie erfindungsreicher Zeitungsschreiber wird das damals Vorgefallene ausschmücken und dabei um Gründe nicht verlegen sein; man weiß ja, wie mannigfach ein solcher Sensationsstoff behandelt werden kann."
„Nun, das können wir verhüten!"
„Wir können es nicht, bester Freund!"
„Wenn strenge Diskretion beobachtet wird —" „Diskretion," wenn es sich um die Anklage eines Vagabunden handelt? Der Gensdarm, der ihn transportirt, der Aktuar, der das Protokoll führt, der Schließer, deffen Obhut er anvertraut ist, sie Alle werden darüber reden, und muß die Sache nicht später in öffentlicher Gerichtssitzung verhandelt werden? Sie hätten doch auch ein persönliches In- tereffe, das Alles zu verhüten; Sie lieben die Schwester Salberg's —"
„Sie ist bereits meine Braut."
„Seit wann?" fragte der Oberst überrascht.
„Heute Morgen nahm ich die Gelegenheit wahr; ich hab' gethan, was ich nicht lassen konnte, und es war leichter, als ich mir's gedacht hatte."
„Und nun wollen Sie Ihrer Braut diesen Kummer bereiten?"
Der Referendar rückte verlegen an der goldenen Brille und zuckt« mit den Achseln,
„Ich werde die Untersuchung so geheim wie möglich zu halten suchen", sagte er „im Nebrigen wünscht auch meine Braut das dunkle Rärhsel gelöst zu sehen. Sie will die Gründe kennen, die ihren Bruder zu dem verzweifelten Schritt getrieben Haden und in diesem Verlangen wird sie unterstützt von ihrer Tante und der Frau Landrath Ackermann. Und was die Damen einmal sich vorgenommen haben, das setzen sie auch durch; ihr stiller Geist ist jahrelang geschäftig. Sie könnten uns Allen über diesen Rubieon hinüberhelfen, wenn Sie nur das räthselhafte Schweigen brechen wollten. , Wir würden uns gewiß gerne zur strengsten Verschwiegenheit verpflichten, und ich wüßte alsdann, wie ich mich dem Vagabunden gegenüber zu verhalten hätte."
(Fortsetzung folgt.)
Die Araucaner.
Während die nordamerikanischen Jndianerstämme ersichtlich auf dem Aussterbe-Etat stehen und nur noch in den Reiterhorden der Commanchen und Apachen, welche die weiten Grenzgebiets zwischen Mexico und den Vereinigten Staaten durchstreifen, einigermaßen ihre Unabhängigkeit und dis ihre Rasse charakteristrenden Eigenthümlichkeiten bewahrt haben, ist dies mit den Rothhäuten Südamerika's etwas anderes. Wenigstens diejenigen Stämme, welche das ungeheure Gebiet von den Ufern des Rio Sa- lado und Rio Dulce bis südwärts weit in die un- wirthlichen Ebenen Patagoniens hinein und westwärts bis zur Riesenkette der Cordilleren bevölkern, sind vor der Cultur der Weißen nur wenig zurück- gewichen, und wenngleich sie sich von derselben Manches angeeignet haben, so durchschweifen sie doch auch heute, wie vor hundert Jahren noch auf flüchtigen Rossen die weiten Pampas, kaum die Autorität ihrer eigenen Häuptlinge nothdürftig anerkennend und trotzig alle Unterdrückungsversuche der Weißen zurüäweisend. Die eigenartige Natur des Landes begünstigt diese wilden Reiter- und Jägervölker offenbar hierbei besonders; schier unermeßlich strecken sich die Pampas, fast nur mit Gras und hohen Kräutern bewachsen und nur selten einmal Gruppen von Sträuchern und Bäumen anfweisend, ans, und sind eben schon durch ihre ungeheure Ausdehnung für die in ihnen hausenden Jndiauerhorden ein natürlicher Schutz gegen feindliche Angriffe. Allerdings wurden sowohl von Westen, also von chilenischer Seite her, als auch von Osten her, von der Regierung der argentinischen Republik, schon öfters Eroberungszüge in die Pampas unternommen, aber sie sind alle resultatlos verlaufen, denn die Indianer wichen einfach in das Innere dieser endlosen Grasebenen zurück und die Heere der Weißen mußten wieder umkehren, wenn sie nicht in den Pampas, welche wohl dis Bedürfnisse der Indianer befriedigen,


