Ausgabe 
9.9.1886
 
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ich noch einige Wochen in Deutschland bleibe. Sie werden meinen Brief rechtzeitig erhalten und in ihn: den Ort bezeichnet finden, wo ich mit Hans zu­sammentreffen will. Er soll nur nicht viel Gepäck mitnehmen, ein zweiter Anzug und etwas Wäsche in einem kleinen Koffer, das genügt; alles Uebrigs, auch die Bestreitung der Reisekosten, müssen Sie unbedingt mir überlasten. Ich werde meinem Hause schreiben, daß ich den jungen Mann miibringe; er soll bei mir wohnen und an meinem Tisch speisen; ich habe ihn nicht nur stets unter Augen, sondern finde auch öfter Gelegenheit, ihm mit Allem, was für ihn wistenswerth ist, bekannt zu machen."

Sie sind so gütig!"

Ich bitte noch einmal, lasten wir das, Herr von Reizenstein; mir muß es ja nur Freude be­reiten, einen Menschen um mich zu haben, dem ich meine Freundschaft und Liebe schenken kann. So bleibt es also bei der Absprache, ich schreibe Ihnen, sobald ich meinen Entschluß gefaßt und den Tag meiner Abreise festgesetzt habe, und ich werde auch später mit Ihnen in hoffentlich lebhaftem Brief­wechsel bleiben. So leben Sie denn wohl, mein lieber, treuer Freund, bewahren Sie mir auch ferner ein freundliches Andenken."

Der alte Herr hielt die Hand des Obersten fest in der seinigen und blickte ihm, sichtbar tief bewegt, ins Antlitz.Leben Sie wohl", erwiderte er mit bebender Stimme,und Gott sei mit Ihnen I Wenn Sie in späteren Jahren noch einmal hierherkommen sollten, dann gehen Sie nicht an meinem Grabe vorbei"

Sicher nicht, ich werde Ihrer mit inniger Freundschaft gedenken, so lange ich lebe."

Und die Worte herber Reue, die Sie vor einigen Tagen aussprachen?'

Sie entsprangen nur einer augenblicklichen Stimmung, die heute vergesten ist und wohl niemals wiederkehren wird."

Sie werden erst dann von ihr geschützt sein, wenn Sie wieder drüben sind."

So denke ich auch. Aber was ich noch sagen wollte hat man niemals erfahren, ^toer damals" Nie!" erwiderte der Oberförster.Niemand hatte Veranlaffung, sich darum zu kümmern, und daß ich die Sache laufen ließ und der Behörde die Wahrheit verschwieg, werden Sie gewiß natürlich finden."

Der Oberst nickte gedankenvoll und drückte dem alten Herrn noch einmal die Hand, dann verließ er das Forsthaus.

Er war nur noch wenig Schritte von dem Aus­gang des Waldes entfernt, als er, um eine Ecke biegend, sich dem Förster Hellmuth und dem Referenda gegenübersah, die eifrig plaudernd bei­sammenstanden.

Nehmen Sie das nicht so leicht", sagte der Förster so laut, daß der Oberst es deutlich verstehen konnte;es mag Manches geflunkert sein, aber aus der Lust kann der rothe Fritz Has nicht greifen,

Wäre ich damals hier gewesen, dann könnten meine Aussagen vielleicht dazu beitragen, Licht in das Dunkel zu bringen"

Das wird auch ohnedies geschehen", unterbrach Rommel ihn, die Sache ist nun in guten Händen. Nebrigens muß ich Ihnen doch sagen, daß ich den Haß, mit dem Sie Ihren Vorgesetzten verfolgen, nicht billigen kann, selbst dann nicht, wenn er bester begründet wäre, als er es in Wirklichkeit ist."

Diesem Vorwurf kann ich nur beipflichten", sagte der Oberst, der hinter den Beiden stand, mit scharfer Betonung;der Herr Oberförster ist durch und durch ein Ehrenmann, und Sie sollten sich schämen, daß Sie sich so sehr bemühen, ihn zu ver­dächtigen. Wer andern eine Grube gräbt, fällt in der Regel selbst hinein; bedenken Sie das, bester Herr; Ihrem eigenen Charakter macht dieser Haß gegen den Vorgesetzten keine Ehre."

Ein tückischer Blick traf aus den halbgeschlostenen Augen des Försters die beiden Herren.

Ich berufe mich nur auf das, was Andere be­haupten", erwiderte er mit schneidendem Hohn; natürlich muß ich es dem Richter überlasten, was er aus diesen Behauptungen machen will. Wenn ich mir einmal einen derben, aber dennoch un­schuldigen Scherz erlaube, so droht man mir gleich mit der härtesten Strafe. Ich verlange gleiches Recht für Alle!"

Der Oberst gab dem Referendar einen Wink und schritt, ohne den Förster weiter zu beachten, von dannen; Rommel nahm mit kurzem Gruß Ab­schied und folgte ihm.

Sie sollten den Einflüsterungen dieses Mannes kein Gehör schenken", sagte der Oberst vorwurfsvoll; Sie misten ja selbst, welchen niedrigen Gesinnungen sie entspringen und welche Absichten ihnen zu Grunde liegen."

Ich kann ihm nicht Schweigen gebieten, wenn er mich höflich anredet", erwiderte der Referendar achselzuckend.Ich wollte Ihnen entgegengehen und traf dabei zufällig mit ihm zusammen; überdies läßt es sich nicht leugnen, daß die Aeuße- rungen des rothen Fritz zu mancherlei Vermuthungen Anlaß geben."

Der Oberförster ist ein Ehrenmann!"

Kennen Sie ihn so genau?"

Ich kenne ihn, und wenn ich es behaupte, so dürfen Sie an die Wahrheit dieser Behauptung glauben. Weshalb sind Sie nicht mit den Damen abgereist?"

Weshalb?" erwiderte Rommel verlegen.Weil ich meine Siebensachen noch nicht eingepackt hatte und so rasch nicht fertig sein konnte. Ich reise heute Nachmittag. Werden Sie noch hier bleiben?'

Ich begleite Sie."

Sehr angenehm. Das war eine heitere Ueberraschung gestern Abend, nicht wahr?"

Sollten Sie von der Rückkehr der Damen nichts gewußt haben? '