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M. 106 Donnerstag den 9. September. 1886
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Saat und Ernte.
Roman von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
„Ich hätte die Versetzung dieses Mannes längst beantragen sollen!" sagte er. „Aber konnte ich denn eine Ahnung von diesem Haß und den niedrigen Gestnnungen dieses Mannes haben? Ec wird nun versetzt werden, und was mich betrifft, so bleibe ich wohl auch nicht lange mehr im Amte; ich fühle, daß ich alt geworden bin, und mit meinen lahmen Knochen richte ich auch nichts mehr aus. Da heißt es denn in den sauren Apfel beißen und zum Rückzug blasen."
„Und bei Ihrer Tochter werden Sie sicher ein trauliches Asyl finden, es sind herzensgute Leute —"
„Ja, ja, ich weiß", nickte der alte Herr, ,,ich darf immerhin dem Himmel dankbar dafür sein, daß ich dieses Asyl habe, aber im Forsthause möchte ich doch lieber bleiben. Ich werde den Wald und das lustige Gezwitscher der Vögel schmerzlich entbehren — aber was nicht ist, das ist nicht, und in das Unabänderliche muß man sich fügen können!"
„Sorgen Sie nur, daß Hellmuth hier nicht • Oberförster wird!"
„Daran ist nicht zu denken. Das Forstamt j weiß, daß er in dieser Gegend nicht bleiben darf." \
„Und wie ist es mit Hans?" fragte der Oberst i nach einer kurzen Pause. „Seine Schwester sagte i mir, er habe sich entschloffen mich zu begleiten —" -
„Er hat diesen Entschluß allerdings gefaßt", ; unterbrach der Oberförster ihn, „aber ich hege doch \ noch manches Bedenken. Sie kennen ihn nicht so genau, wie ich ihn kenne; er neigt zum Leichtsinn, und ich sürchte, daß Sie in Ihren Erwartungen und Hoffnungen sich getäuscht sehen werden."
„Läge für mich ein Grund zu dieser Befürchtung vor, dann würde ich ihm nicht das Anerbieten gemacht haben", erwiderte der Oberst ruhig. „Die Stellung, die ich ihm biete, entspricht seinen Neig» ungen und seinen Wünschen; ich bin überzeugt, sie ; wird aus ihm einen anderen Menschen machen. ! Und ich glaube nicht an seinen Leichtsinn, lieber Freund, er trinkt wohl nur deshalb mitunter ein Glas zu viel, weil er sich unglücklich fühlt. Das aber wird von selbst aufhören, wenn er seine ganze Zeit der Arbeit widmen muß. Und an Arbeit soll es ihm nicht fehlen; wer drüben vorwärts kommen will, der muß die Arme rühren."
„Er hat keine Kenntniffe!"
,Wenn er lernen will — und an seinem guten Willen zweifle ich nicht — dann werde ich ihn binnen kurzer Zeit so weit gebracht haben, daß er seinen Posten ausfüllen kann. Vertrauen Sie auf mein Wort, ich habe den jungen Mann geprüft und weiß, daß ein guter Kern in ihm steckt."
Der alte Herr blickte sinnend vor sich hin — ein dunkler Schatten umwölkte flüchtig seine Stirne.
„Es war mein s-hnlichster Wunsch, daß er einst mein Nachfolger werden möge", fügte er, mit der Hand langsam über seine Augen fahrend; „ich sehe nun wohl ein, daß ich auf die Erfüllung dieses Wunsches verzichten muß. Er findet keine Freude an der Schönheit der Natur —"
„Verzeihen Sie! Der Wirkungskreis, den Sie ihm anweisen wollen, ist ihm eng; er zählt nicht zu ben genügsamen Naturen, die auch in einem engen Kreise sich wohl und zufrieden fühlen und dem einförmigen Alltagsleben täglich eine neue Seite abgewinnen können. Lasten Sie ihn ziehen, ihn selbst schmerzt es tief, den alten Vater verlasten zu muffen."
„Hat er Ihnen das gesagt?"
„Und wenn er es mir nicht gesagt hätte, würden Sie daran zweifeln?"
„Nein, denn er hat mir nie Veranlassung gegeben, an seiner Liebe zu zweifeln. Ich werde ihn nicht wiedersehen, lieber Herr, ich bin ein alter Mann —"
„Aber noch immer rüstig", unterbrach der Oberst ihn. „Sie können noch lange leben, und nach vier oder fünf Jahren schicke ich Ihnen den Sohn herüber."
„Vier oder fünf Jahre sind für den Greis ein langer, langer Zeitraum. Wenn Sie mir nur versprechen wollen, daß er recht oft mir schreibt —"
„Nicht er allein, auch ich werde es thun!"
„Und Sie werden mir stets die Wahrheit berichten ?"
„Das gelobe ich Ihnen", nickte der Oberst, „und ich glaube Ihnen schon jetzt die Versicherung geben zu dürfen, daß Sie nur Erfreuliches hören werden."
„Das gebe Gott!" sagte der alte Herr. „Wie aber soll ich Ihnen danken —"
„Nichts davon, wenn Sie nicht ernstlich mich erzürnen wollen! Hat er sein Abschiedsgesuch schon eingereicht?"
„Es soll heute noch geschehen. Wann muß er bereit sein?"
„Ich werde Ihnen schreiben; es ist möglich, daß


