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Mädchen und' eine weiße sehr zahme Henne. Ersterer, Tommaso geheißen, war sein Faktotum, arbeitete im Garten und Küche und sang in der Messe; groß und kräftig, lärmte er zwar gern auf der Gasse und raufte zuweilen, weil er kraft seiner Würde als Sakristan sich von den Dorfburschen nicht als ihres Gleichen behandeln lassen wollte, war aber sonst eine brave biedere Haut. Er liebte Mattea, des Vaters Augapfel von ganzem Herzen und hatte auch allen Grund dazu, denn ein reizenderes Geschöpf, als dies Mädchen, mit seinen tief dunkeln, sprechenden Augen, dem schlanken Wuchs und der ganzen Grazie des Südens, konnte es nicht geben. Sie war der Stolz des Dorfes, zu dem die männliche Nachbarschaft allsonntäglich herbeiströmte, der schönen Mattea wegen, und doppelt war sie des Pfarrers Stolz und Sorge, der sie getauft und unterrichtet und hatte groß werden sehen. Ohne Unterlaß dachte der gute, alte Buonaparte an des Mädchens künftiges Glück und Wohlergehen, das ihm in seiner schlichten Weife nur gesichert schien, wenn Tommaso, der andere Liebling seines Herzens, sie zur Gattin nehme- Dieser wollte, wie schon gesagt, des Greises Wunsch auch recht gern erfüllen, aber Mattea zeigte sich gegen ihn stets so kalt und zurückhaltend, daß der arme Bursche nicht die kleinste Hoffnung fassen konnte. Manchmal warf er ihr ihre Grausamkeit vor und dann wollte er die ihm bestimmte Braut umarmen, aber lachend entfloh sie immer wieder und Tommaso war keinen Schritt vorwärts gekommen.
So standen die Dinge im Herbste 1807, als eines Tages plötzlich etwas ganz Ungewöhnliches die Bewohnerschaft in Aufregung brachte. Aus der staubigen Gasse ertönte Pferdegetrappel, eine Menge prächtiger Rosse und Wagen rasselten heran und hielten vor dem Pfarrhause, dessen Hof sich in wenigen Augenblicken mit einer Anzahl von Officieren in goldblinkenden Uniformen füllte. Erschrocken eilte der Pfarrer herbei, an allen Gliedern zitternd und kaum fähig, einige fragende Worte hervorzu- stoßeri. Ein französischer General, an den Abzeichen seiner goldstrotzenden Uniform kenntlich, den Hut mit weißen Federn geschmückt, trat aus ihn zu und, dem Greise eine tiefe Verbeugung machend, stellte er sich als Flügel-Adjutanten Sr. Majestät des Kaisers Napoleon vor und sagte:
„Beruhigen Sie sich, ehrwürdiger Herr! Sie heißen Buonaparte und sie sind ein Großoheim meines erhabenen Souverains, nicht wahr?"
„Allerdings, mein Herr", flüsterte der Priester beklommen. In ungefähren Umrissen kannte er das Glück seines Großneffen und wußte auch, daß dessen Brüder jetzt lauter Könige und Prinzen waren, aber das Alles schien ihm eine so fern liegende Sache, als wenn sie an der andern Seite der Erde vorgegangen wäre.
„Der Kaiser hat von seiner erhabenen Mutter" — „Ach ja, von der Lätitia", siel der Pfarrer ein
— „über Sie vernommen", fuhr der General fort, ein leises Lächeln ob der einfachen Natürlichkeit des Greises unterdrückend.
„Nun und was macht denn der kleine Napoleon?" fragte letzterer so naiv freundlich und herzgewinnend, daß die anwesende Gesellschaft erstaunt dieses ehrwürdige Antlitz betrachtete und doch nicht zu lachen wagte, nicht etwa aus schuldiger Achtung für den Kaiser, sondern weil das treue Andenken, das dem großen -Kanne im Herzen des alten Mannes geblieben, sie wirklich rührte.
„Se. Majestät befinden Sich wohl und freuen Sich, von einem so nahen Verwandten zu vernehmen, aber es däucht dem Kaiser nicht schicklich, daß ein Mann wie Sie in einer entlegenen Dorfgemeinde verbleibe, während sich vor feinen nächsten Verwandten ganz Europa beugt. Der Name Buonaparte erfüllt die Welt und so sendet mich der Kaiser und König zu Ihnen. Fordern Sie was Sie wollen, Sie erhalten es; reizt ein Bisthum Ihre Wünsche, in Frankreich ober Italien? Wollen Sie die einfache Soutane gegen den Purpur des Kardinals vertauschen? Der Kaiser bewilligt Alle«, der Papst muß „Ja" sagen, denn Se. Majestät wollen Ihren Oheim geehrt wissen."
Der gute alte Pfarrer, — die vornehmste Person, die er je gesehen, war der Bischof, der jährlich einmal aus Fresole zur Firmung ins Dorf kam und dann jedesmal den alten Buonaparte wie geblendet von dem Glanze der Mitra, des goldgestickten Chorhemdes und des Ringes mit der Reliquie verließ. Jetzt sollte er selbst ein Bischof werden; nein, noch viel mehr, ein Fürst der Kirche, ein Kardinal sollte er werden im heiligen Rom und des heiligen Vaters, den er nie gesehen, persönlicher Rathgeber und Umgang. Durfte er es wagen? War's Denn wirklich möglich, daß der kleine Sohn der Lätitia, dem er so oft ein paar Feigen gebracht daheim in Corsiea, daß derselbe Großneffe solche Dinge bieten konnte, und daß der oberste Hohepriester der Kirche sich feinem Willen sollte fügen müssen?
Wie mochte das nur zugegangen fein? Es war doch ganz sonderbar und ihm schien's trotz der an« wesenden Generäle und Officiere seines kleinen Napoleons noch nicht so ganz sicher. Er zögerte mit der Antwort und erklärte endlich schüchtern, das müsse er noch erst überlegen.
(Schluß folgt.)
Vermischtes.
JP,L- (Chinesische Vergnüg ungs reisest Eine in Shanghai erscheinende chinesische Zeitung bringt die ofsicielle Mittheilung, daß der Statthalter der Insel Formosa auf Befehl der Regierung sich nach Peking begeben habe, um sich daselbst — köpfen zu lassen.
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei Gr. «hr. Pietsch) in Gießen.


