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haften Erfolgen des Advokatensohnes aus Ajaccio, der in Erfurt beim Fürstenkongreffe mit stillem Behagen wiederholt selber von seinen Erlebnissen m3 Artillerie-Lieutenant erzählte, um so noch tiefer die Fürsten um sich her zu demüthigen, die sich zu seinem Ruhme, seiner Vergötterung fast versammelt hatten. „ _ ,,
Kein Dors im ganzen civilisirten Europa mocyte cs geben, das nicht von dem französischen Imperator gehört, den selbst die Araber am fernen Nil bewunderten und el Kebir, des Feuers Bringer, nannten, den der heilige Vater in Notre Dame zu Paris selber gekrönt und um dessen Lächeln Könige buhlten. Millionen jubelten ihm zu und Millionen fluchten ihm, und dennoch gab es zur selben Zelt einen Mann in einem einsamen italienischen Dors- lein, wohl dreißig Meilen einwärts von Florenz m den Bergen, der dem großen Kriegssürsten persönlich sehr nahe stand und doch nichts weiter von ihm wußte, als daß eben der kleine Napoleon, seiner Nichte Lätitia Sohn, jetzt ein wirklicher Potentat geworden, der machen könne was er wolle, und der sogar noch über den Herren Präfekten stehe. Es war der Pfarrer des stillen einsamen Bergdörflems, ein Greis schon, schlicht und einfach, nur fernen Pfarrkindern, den Dorfbewohnern, und seinem Hauswesen lebend, in seinem löcherigen, fadenscheinigen Kleide und den oft geflickten Schuhen auch nicht int Mindesten daran erinnernd, daß die Kaiserin Mutter Lätitia seine, in der früheren Jugendzeit auf Corsica von ihm verhätschelte, zärtlich geliebte Nichte sei, die, seit ihr Sohn ein berühmter Feldherr und dann der Nachfolger der französischen Könige geworden, bei ihrem alten Oheim, dem Pfarrer Buonaparte auch gar nichts mehr hatte hören lassen. Den Greis kränkte es nicht, er lebte, ihrer freundlich gedenkend, weiter und meinte, die kleine Lätitia haoe wohl keine Zeit mehr, seit sie immer so auf dem throne sitzen müsse. Vom Kaiser selbst hatte er gar kenw rechte Vorstellung; er dachte ihn sich immer noch so, wie er ihn vor vielen, vielen Jahren in des Monarchen Knabenzeit zuletzt gesehen, als er ihm manchmal ein Zuckerbrod gebracht und sein krauses Haar gestreichelt hatte. Einfach, fernab vom Weltgetriebe und dem Kriegslärm, den Napoleon als König von Italien auch in die Apenninen reichen machte, so lebten auch die Pfarrkinder des alten Priesters; auch sie betrachteten zuweilen nachdenklich eine der neuen Münzen des Königreichs Italien mit dem Bildnisse des berühmten Großneffen ihres Seelsorgers, der doch so friedlich und stille bei ihnen blieb und auch unter ihnen im stillen Dörflern auf dem Friedhöfe ruhen wollte; sie halfen ihm fern Anwesen bewirthschaften, seine Blumen züchten und seinen Fischfang betreiben, erschienen pünktlich des Freitags und Sonntags in der Meffe und Predigt und ließen im Uebrigen Gott und Kaiser machen, was sie wollten. t v ,
Für drei Wesen hatte der Pfarrer doch eine be- , sondere Vorliebe; für einen jungen Burschen, em
Wapoleon's I. Hroßorcket.
Von Dr. F. Müller.
(Nachdruck verboten.)
Es war im Jahre 1807, der Siegesstern deS französischen Casars stand im Zenith; er und'seine Familie beherrschten Europa direkt oder durch ihre Verbindungen; geblendet standen selbst die Abkömmlinge der alten Königsgeschlechter vor dem Glanze, den der Thron des Corsen von Paris aus über die Welt strahlte und vergessen fast war die dunkle Abstammung des neuen Herrscherhauses über den pesen-
Gepräge. Du weißt, Papa ist Hausarzt bei Etrvoldt's."
Ssltmann war auf einmal sehr aufmerksam geworden.
„Die Tochter des Sanitätsrath Edler", murmelte er. "Jetzt wird die Begegnung interessant.
„Nun und wenn, mein Kind", sagte Wilhelm ablehnend. „Ich habe mich an diesem Gegenstand schon müde geschrieben, und was Du mir noch mehr sagen kannst, darf ich für die Zeitung nicht ver- werthen. Der Kommerzienrath tönnie' nch beleidigt fühlen und die Quelle ermitteln, aus der allein ich schöpfen konnte. Was dann folgte, brauche ich wohl nicht erst zu bemerken." ,
„Für die Zeitung sollst Du auch nichts ver- werthen", beharrte Ida, „aber für den Roman, den ich mir denke."
Wilhelm schüttelte den Kopf.
„Es gäbe ja einen ganz guten Anfang für einen Kriminalroman, der geheimnißvolle Mord in der Schwedengasse", sagte er, „aber da hört denn auch gleich die'Wahrheit auf, und die Phantasie tritt in in Tätigkeit. Wo bleibt da Dein Roman aus dem ßcbcn ?"
„Geduld, mein Freund!" lachte die ein ganz klein wenig angeheiterte Ida. „Du schreibst doch den Roman nicht auf einmal und die Geschichte wird sich noch weiter entwickeln."
„Aber wann! Mit dem Verschwinden des rothen Mathies sind die Recherchen zu einem Stillstand gekommen. So lange er nicht aus seinem nassen Grabe aufsteht und sagt, wer seine Mitverschworene gewesen, wird ein Mensch es nie erfahren; die Schuldige müßte sich denn selber stellen, was sie nach aller menschlicher Berechnung und Erfahrung hübsch bleiben lassen wird." L . , „
„Aber muß denn der rothe Matyies tobt sein? Es kann ja nur so eine List von ihm sein — das umgestürzte Boot; um so mehr Hoffnung durfte er hegen, seinen Verfolgern zu entkommen."
(Fortsetzung folgt.)


