Ausgabe 
9.3.1886
 
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einer größeren Arbeit. Na, außer Dir, mein süßes Herz, weiß es ja nun auch Niemand, ich verdiene ganz hübsches Geld, finde aber keineswegs mehr Zeit zu etwas Anderem, etwas Besserem. So ist mein vielversprechendes Talent im literarischen Hand- werkerthum versandet. Hin und wieder liest man meinen Namen noch bei einem kleinen belletristischen Artikel, und so habe ich mit Rücksicht darauf und auf mein gutes Herkommen noch Zutritt zu einigen vornehmen Häusern. Man nennt mich Schriftsteller; aber wie wenig ich diesen vielsagenden Namen verdiene, weiß ich am allerbesten."

O, nicht doch, Wilhelm", sprach ermuthigend das junge Mädchen,so mußt Du nicht denken. Wenn Du das von Dir selber sagst, was sollen denn Andere von Dir sagen? Kennst Du nicht die Fabel von den beiden Männern, deren Einer immer sagte, er habe mehr, als er in Wirklichkeit besaß er wurde reich, der Andere sagte dagegen stets, er habe weniger und der verarmte. Talent und An­maßung gehen ja wohl niemals Hand in Hand; aber ich finde, Du bist etwas zu bescheiden, Du rühmst Dich nicht mit Deinen Connexionen, wie Andere es thun, und machst Dich überhaupt nicht genug geltend. Ist es denn wirklich gar nicht mög­lich, daß Du einen Roman schreibst?"

Der Assessor lauschte nur noch mit halbem Ohr. Das Gespräch war ihm wirklich sehr gleichgültig. Und in dem Maße, wie sein Interesse daran schwand, wuchs seine Ungeduld und seine Unruhe. Was konnte Reubert nur begegnet sein, daß er nicht kam!

, Nein, es ist nicht möglich, Ida", tönte sehr zum Aerger Soltmanns Wilhelms Stimme dazwischen. Dazu gehört vor allen Dingen Zeit; und Zeit, mein Kind, ist nicht nur Geld, nein, sie kostet auch Geld. Ich kann also die Zeit nicht bezahlen."

So, und findest Du denn unter allen denen, welche die Talente kennen und schätzen, Niemanden, der Dir auf einen zu schreibenden Roman so viel vorschießt, daß Du mit Deiner Mama während der Zeit des Schreibens davon leben kannst?"

Der junge Mann lachte.

Aber Jdchen!" sagte er mit leisem Vorwurf. Jedes Aktienunternehmen kann übergezeichnet werden; aber der Mann soll noch geboren werden, der der Ausschachtung einer geistigen Mine auch nur einen Deut widmet. Gleichviel. Wenn ich mir die Zeit auch stehlen und meinen Schlaf verkümmern wollte, um ein solches Unternehmen ins Werk zu setzen, so fehlt mir doch noch immer die Idee, welche allein mir zu einem ersten Erfolge verhelfen könnte. Romane sind wohlfeil, und es vergeht wohl kein Tag, den Gott hat werden lassen, an dem nicht irgendwo im deutschen Reich ein Schriftsteller die Feder ausspritzt und zu seinem Roman sagt:Gehe hin!" Was sage ich, keinen Tag? Keine Stunde sollte ich sagen; nun, und was fruchtete es mir, wenn ich die Menge dieser Romanfabrikanten nur um einen vermehrte? Mn, das ist nichts, Wenn heute Etwas auffallen

und gefallen soll ach Du lieber Gott! Dazu ge­hört schon ganz etwas Außerordentliches, etwas"

Das recht natürlich ist, eine Erzählung aus dem Leben, lieber Wilhelm, ja ja", fiel dem Er­regten das junge Mädchen hier ins Wort.Siehst Du, darüber sind wir uns schon in der Pension einig gewesen, wo doch gewiß viele Romane gelesen werden. Und auf diesem Gebiete findest Du gar nicht so viele Conkurrenten wie Du glaubst, im Gegentheil. Die Einen wollen um jeden Preis historisch" sein und schreiben in der Sprache der Todten für die Todten, die Anderen meinen, ein Roman müsse recht märchenhaft sein, und die schreiben für die Kinder. Aber ein Roman aus dem Volke sür's Volk geschrieben, das ist es, was ich meine. Den schreibe, und Du sollst sehen, daß Dein Name mit einem Mal bekannt und Dir der Erfolg wird, welchen Dein Talent und Dein Be­mühen verdient."

Ach rede nicht von diesen", sagte Wilhelm niedergeschlagen.Es haben Andere gleichviel Talent gehabt, und gleich sehr gerungen; aber wenn ich ihnen heute auf der Straße begegne und frage: Nun?" Dann winken sie mir Schweigen zu. Sie wissen schon, was ich sagen will, und offen gesagt, ich weiß Alles, was sie mir sagen könnten. Sie haben den besten Theil ihres Lebens mit Tretmühlen­arbeit verbracht, und der Rest genügt nicht, um ihnen einen Namen zu machen oder ihnen auch nur eine sichere Existenz zu schaffen."

Du siehst zu schwarz für einen so jungen Mann und" dies sagte sie schmollendmit einer so jungen Braut. Aber ich weiß, was Dich mit neuerem Lebensmuth erfüllen und Deiner Phan­tasie einen höheren Flug geben könnte: und das wäre"

Ein Blick aus Deinen schönen Augen voll Glück und Sonnenschein."

Nein, aber eine hübsche, spannende Nomanidee."

Wohl, wohl. Aber wo die hernehmen, wenn die Verhältnisse "

Ach, laß doch die dummen Verhältnisse, und höre mir zu. Ich habe eine Nomanidee."

Du?"

Ich-"

Selbst erfunden?"

Nein, aber gefunden, eine Blume am Wege, die das Pflücken lohnt."

Na, da bin ich aber gespannt."

O, das darfst Du auch sein, die Idee ist auch spannend, und was das Beste, die Geschichte ist buchstäblich wahr."

Nun denn erzähle."

Kennst Du den Kommerzienrath Etwold?"

Ach Gott, auf die Geschichte willst Du hinaus", entgegnete der junge Mann enttäuscht.Da spare nur jedes Wort, denn ich weiß mehr davon, als Du mir erzählen kannst."

Vielleicht auch nicht, und vielleicht giebt meine Darstellung der Sache dann doch noch ein anderes