„Tragen Sie keine Sorge, gnädige Frau, ich kann zwar boshaft, aber auch sehr liebenswürdig sein!" lachte Jener. „Aber noch Eins: Die Sache muß so schnell als möglich gefördert werden, ein langer Brautstand ist nicht nach meinem Sinn, in einigen Wochen muß die Hochzeit stattfinden."
„In einigen Wochen? Unmöglich!" rief die Dame, „bedenken Sie die Vorbereitungen, die Toiletten, die Einladungen--"
„Das Alles kann wegfallen, der überflüssige Prunk verursacht nur unnütze Ausgaben", unterbrach sie der Brautwerber. „Aber auch noch em anderer Grund veranlaßt mich, auf diesem Wunsche zu beharren, Frau Baronin. Es ist mir nicht entgangen, daß Herr von Sohr ein mehr als oberflächliches Interesse für Liesbeth zeigt, und daß ec meinen Plänen recht wohl hindernd in den Weg treten könnte. Wie ich heute erfahre, ist ihm, die Nacht auf der Rückkehr nach der Stadt ein kleiner Unfall zugestoßen, der ihn voraussichtlich längere Zeit ans Zimmer fesseln wird. Ich möchte ihm daher durch eine rasche Heirath die Lust benehmen, als Mitbewerber aufzutreten."
„Herr von Sohr ist verunglückt?" fragte die Frau vom Hause rasch, aber mit unverhohlener Theilnahme.
Jener zuckte gleichgiltig die Achseln.
„Es ist wohl kaum von großer Bedeutung, wahr- scheinlich ein Fall vom Bocke seines Labs, denn er mag wohl mit dem Herrn Baron ein wenig gezecht haben", versetzte er leichthin. „Also Sie finden meine Gründe gerechtfertigt, gnädige Frau, und billigen sie?"
„Und welche Garantieen geben Sie mir für Ihre Verschwiegenheit?" fragte die Dame zurück.
„Die Ehre, Ihr Schwiegersohn zu sein!" entgegnete Brehmer mit einer Verbeugung. „Sie begreifen, Frau Baronin, daß mir durchaus nichts daran gelegen sein kann, den Stammbaum meiner Gemahlin vor Mer Augen auszustellen, die Folgen davon würden mich härter treffen als Sie.
,, „Gut, Herr von Brehmer, wir sind sonach im Reinen", erklärte die Frau nach kurzer Pause; „noch heute spreche ich mit Liesbeth, und morgen können Sie Ihre Bewerbung persönlich wiederholen. Jetzt aber bitte ich Sie, mich allein zu lassen; ich bin in der That recht angegriffen und abgespannt, und bedarf der Ruhe."
Brehmer faßte seinen Hut, den er aus der Hand gelegt hatte, küßte der Baronin die Hand und verbeugte sich zum Abschiede. .
„Morgen auf Wiedersehen, gnädige Frau, und hoffentlich aus ein für beide Theile erfreuliches!" rief er im Gehen, dann verschwand er geräuschlos hinter der Thür.
VI.
Es war etwa zehn Tage später, als ein junger Mann in Begleitung eines schönen, in ein Helles,
leichtes Sommerkleid gehüllten Mädchens langsam sie sauberen Kieswege dahinschritt, welche den Garten )er Villa Eschenheim durchzogen. Die Morgensonne strahlte mild und freundlich vom östlichen Himmel hernieder und küßte die Thauperlen, welche an Gräsern und Blumen funkelten, hinweg; Bienen und Käfer, deren Panzer metallisch schimmerten, wie eine kostbare Rüstung, summten vergnügt in den frischen Morgen hinein; bunte Schmetterlinge wiegten sich über dem grünen Rasen, dann und wann sich zu einer Blume herabsenkend, als wollten sie derselben eine süße Schmeichelei ins Ohr flüstern, und in den Zweigen sang und zwitscherte es aus den Kehlen von hundert gefiederten Sängern, als könne die Herrlichkeit des glitzernden, goldenen Sommermorgens kein Ende nehmen.
„Lasten Sie mich ein wenig ruhen, das lange Stubensitzen hat mich doch recht schwach gemacht!" sagte der junge Mann, sich nicht ohne einige Anstrengung auf eine elegante Gartenbank, die am Wege stand, niederlastend.
„Die Landluft wird Ihnen die verlorenen Kräfte bald wieder ersetzen, Herr von Rauschendorff", tröstete das junge Mädchen. „Es kann nichts Stärkenderes und Erquickenderes geben, als den Aufenthalt in der Natur, und wenn ich darüber zu bestimmen hätte, würden wir nie mehr dauernd in die große, staubige Stadt zurückkehren."
(Fortsetzung folgt).
Literarisches-
Der vierzehnte Jahrgang der „Deutschen Aomanbiblio- thek" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt, vormals Eduard Hallberger) hat jüngst zu erscheinen begonnen und stellt bereits einen sehr erfreulichen Verlauf in Aussicht. Gleich zu Anfang führt uns A. von Suttner durch seinen Roman „Der Lattono" (so viel als „Herr" oder „Gebieter") in das mingrelische Hochland. Wenn aber Freiherr von Suttner eine seiner warmblütigen Erzählungen in diesen Gebieten spielen läßt, so darf man sich immer auf eine überaus packende, von leidenschaftlichem Leben übersprudelnde Schilderung gefaßt machen/ Nicht minder verspricht der zweite Roman, „Ein Feenschloß" von Detlev von Geyern, ein gestaltenreiches Gemälde anregendster Art zu entrollen. Von einer Reihe nahmhafter Autoren wird die „Deutsche Roman- bibliothek" im weiteren Verlauf des soeben begonnen Jahrgangs größere Werke veröffentlichen. In erster Linie steht da Fanny Lewald. Wir sind in der Lage, unseren Lesern verrathen zu dürfen, daß der hier zu erwartende jüngste Roman der gefeierten Verfasstrin zu Anfang dieses Jahrhunderts in Königsberg spielt. Was davon in vertrauten Kreisen bis jetzt bekannt worden ist, wird als überaus frisch und ansprechend geschildert. Auch das Feuilleton der „Deutschen Romanbibliothek" bietet wieder sehr anziehende Gaben und trägt zur angenehmen Unterhaltung der Leser das ©einige rede!ich bei; der Preis ist der bekannte, ungemein niedere, nämlich nur 9Ji. 2. — pro Quartal oder 35 Pfennig für das Heft.
Kiedaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. CH r. Pietsch) in Gießen.


