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Für den alten Herrn war das eine Genugthuung; er konnte nun endlich den noch immer zweifelnden Oberkellner im „Schwarzen Adler" überzeugen, daß sein Scharfblick damals bei der Verhaftung «Sonnen» berg's doch die richtige Fährte gefunden und verfolgt hatte.
Wach Hohem Ziek.
Novelle von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.)
Sie führte damals den Namen Natalie Coswig und war keineswegs die stolze, vornehme Dame, welche sie jetzt ist, denn sie hatte im Geschäfte ihres Vaters tüchtig mit zuzugreifen und verkehrte fast ausnahmslos mit armen Leuten; nur solche kauften gebrauchte Gegenstände. Der spätere Gatte des Mädchens wurde von benv Vater desselben als Geschäftsgehilfe engagirt und nach der Verheirathung der jungen Leute zum Theilhaber gemacht. Als der alte Herr Coswig das Zeitliche segnete, gab Herr Berthold den Handel auf, da fein Sohn nach Höherem strebte; er half zunächst armen Bedrängten mit kleinen Vorschüffen aus, aber einige Conflicte mit dem Wuchergesetze machten es für ihn sehr wünschenswerth, seinen bisherigen Wohnsitz Krakau mit einem andern zu vertauschen. Jetzt freilich ist er ein angesehener Mann, führt einen Wappen an seinem Kutschenschlage und die Freiherrnkrone über dem Monogramm an den Pferdedecken, seine Bediensteten tragen die Livree des Hauses, erbsenfarbig mit Silber, und sein Haus gehört zu den elegantesten der modernen Residenz. Sie sehen, Madame, ich bin recht gut unterrichtet; jetzt rufen Sie Ihre Lakaien und lasten Sie mich hinauswerfen!"
Er stellte die Klingel wieder auf den Tisch, dicht vor die Baronin, die regungslos, als sei alles Leben von ihr gewichen, dasaß.
„Nun, gnädige Frau, waruin klingeln Sie nicht?" spottete Brehmer, und die dunklen Augen ruhten mit dem Ausdrucke befriedigter Rache auf der gebrochenen Frau. „Es wird freilich einiges Aufsehen unter Ihren Bekannten geben, und die aristokratischen Herren und Damen, welche bisher mit Ihnen verkehrten, werden sich mit kölnischem Wasser besprengen, wenn die kleine Geschichte, die ich Ihnen eben erzählte, bekannt wird; aber was thut das? Ihre Millionen haben Sie doch und in Paris oder London kennt kein Mensch Ihre Vergangenheit."
Er weidete stch an den Qualen der Frau, deren Stalz den empfindlichsten Schlag erhalten hatte, der fie überhaupt treffen konnte. Mit verschränkten Armen stand er vor ihr und schaute triumphirend auf sie herab.
Da schlug sie die Augen zu ihm empor und ein Blick tödtlichen Hasses streifte den Mann, der mit unerklärlicher Genauigkeit Alles wußte, was sie im innersten Schrein ihres Herzens begraben wähnte. Daß ihr Gatte nichts «errathen haben konnte, selbst nicht in der Weinlaune, wußte sie, denn er hatte noch niel mehr Ursache als sie selbst, den Schleier der Vergangenheit ungelüftet zu lasten. Um so unheimlicher erschien ihr Brehmer, dem es gelungen war, das unter steter Angst gehütete Geheimniß zu erforschen.
Plötzlich erhob sich die Frau in ihrer ganzen Länge; sie schien mit sich gekämpft und überlegt zu haben und nunmehr zu einem bestimmten Entschluß gelangt zu fein. Die Maske des Krankseins, der Nervosität, in welcher sie sich besonders gefiel, hatte sie von sich geworfen, mit Recht hielt sie eine Verstellung diesem Menschen gegenüber für überflüssig; vor dem brauchte sie feine Geheimniste zu haben.
,Jch will nicht fragen, auf welchem Wege Sie das Alles erfahren haben, Herr von Brehmer", nahm sie endlich mit fester Stimme das Wort, indem sie ihm gegenüber trat, „ich will auch nicht den Versuch machen, zu leugnen, daß sich Alles so verhält, denn Ihre Quellen scheinen sehr sichere zu sein. Aber ich will hören, unter welchen Bedingungen Sie schweigen würden, denn da» ist das einzige Mittel, einem Eklat der abscheulichsten Art vorzubeugen."
„Sehen Sie, gnädige Fran, daß Sie mir jetzt die Thür nicht mehr zeigen!" versetzte Jener, und die Baronin fühlte die Ironie, die in diesen Worten lag, deutlich heraus. „Sie wollen mit mir paktiren — gut, ich bin es zufrieden. Die einzige, aber unabänderliche Bedingung, unter welcher ich so verschwiegen bleiben werde, wie Sie selbst, ist die Ihnen bekannte: die Hand Ihrer Tochter."
Die Baronin nickte kaum bemerkbar mit dem Kopfe.
„Es war nicht anders zu erwarten!" flüsterte sie vor sich hin.
„Ihr Herr Gemahl erhebt sicherlich keine Einwendungen. und Fräulein Liesbeth werden Sie unschwer zu bestimmen vermögen, ihre Einwilligung zu geben", fuhr Brehmer fort. „Was sollte Sie auch an mir auszusetzen haben? Aber, gnädige Frau, vergessen Sie den Kardinalpunkt nicht: die Mitgift, ohne welche selbst die Hand eines so ■ reizenden Wesens, wie Ihre Tochter ist, für mich nur geringen Werth haben würde."
Der junge Manu gab sich nicht die geringste Mühe, das Cynische, welches in dieser Aenßerung lag, zu verbergen. Das Uebergewicht, welches er über diese sonst so hoHmüthige Frau erlangt hatte, ließ ihn jede Rücksichtnahme verschmähen.
„Nun wohl, Herr von Brehmer, ich werde mit meiner Tochter sprechen, und ich hoffe, nicht vergebens", erwiderte dir Baronin in bestimmtem Tone. „An Ihnen wird es nunmehr liegen, ihr den Schritt so viel als möglich zu erleichtern."


