Ausgabe 
9.2.1886
 
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ebender Stimme.Ich habe Dich wieder, Dich, meine Welt und mein Leben?"

Und mit mir Deine Ehre und Deine Freiheit", erwiderte sie.Uns soll nun nichts mehr trennen, Geliebter, kein Schatten soll noch einmal auf das süße Glück unserer Liebe fallen."

Ich kann es noch immer nicht fassen", sagte er, und seine thränenumflorten Augen hefteten sich mit einem fragenden Blick auf Fränzchen und den Doctor, die nun auch eintraten.

Sie dürfen sich getrost Ihrer Freude hingeben", erwiderte der Rechtsanwalt, ihm die Hand reichend, während nun auch Fränzchen den Bruder umschlang. Reichert ist der Schuldige, er hat bereits bekannt und auch das Geld ist bereits gefunden. Aber wir reden darüber wohl besser an einem anderen Orte. Kommen Sie, ich begleite Sie in's Bureau, es sind noch einige Formalitäten zu erledigen, die Damen mögen draußen im Wagen unsere Rückkehr erwarten."

Gegen diesen Vorschlag fand Niemand etwas einzuwenden, war es doch der Wunsch Aller, das Gefängniß so rasch als möglich zu verlassen; trotzdem währte es noch eine Stunde, bis dieser Wunsch er­füllt wurde.

Und nun folgten Tage ungetrübten Glückes für die liebenden Paare.

Mit den Angehörigen ihres Bruders war Dora für immer verfallen, sie vergaben ihr es nicht, daß sie in dem Bestreben, den schuldlosen Geliebten zu befreien, Reichert ins Gefängniß gebracht hatte.

Dafür fand sie auf dem Ulmenhofe neue Freunde, die sie und den Doktor Kirchner mit Vergnügen in ihren Kreis aufnahmen.

Gleichwohl waren die Beziehungen zum Bruder so peinlicher Natur, daß Dora sehnlichst wünschte, die Stadt bald für längere Zeit verlassen zu können, und in diesem Wunsche stimnlte Gustav mit ihr überein, der mit dem großen Vermögen seiner Braut in einer Provinzialstadt ein Bankgeschäft zu gründen gedachte.

Indessen mußte mit der Erfüllung dieses Wunsches gewartet werden, bis Reichert verurtheilt und Gustav in einer neuen Schwurgerichtssitzung freigesprochen war, wie das Gesetz es verlangte.

Alle Bemühungen des Stadtraths, den Schwieger­vater aus der Untersuchungshaft zu befreien, waren vergeblich geblieben; das Anerbieten einer Caution wurde vom Gericht mit Entschiedenheit zurückge­wiesen, es war ja vorauszusehen, daß die Familie diese Caution opfern würde, um den Schuldbeladenen vor entehrender Strafe zu schützen.

War doch Madame Reichert bereits am Tage nach der Verhaftung ihres Gatten nach London ab­gereist, offenbar deshalb so rasch, um sich dem Ver­dacht der Mitschuld zu entziehen, die ihr, da Reichert selbst sie leugnete, nicht bewiesen werden konnte.

Und wenn auch die Gläubiger nun den größten Theil ihrer Forderungen erhielten, wenn auch der Freiherr von Busse die ganze Summe unverkürzt

zurück empfing, so war die Erbitterung gegen Reichert so groß, daß die Geschworenen ihm keine mildernden Umstände bewilligen wollten.

Oscar Reichert wurde zu mehrjähriger Zucht­hausstrafe verurtheilt, Gustav Dornberg in ehrender Weise von jeder Schuld freigesprochen.

Bald nach diesem Ehrentage Gustav's wurde im Hause Dora's ihre und Fränzchen's Hochzeit gefeiert, der nach wenigen Wochen die Hochzeit auf dem Ulmenhofe folgte, und bei keinem dieser Feste durfte Peter Michel fehlen. Der heitere alte Herr war und blieb der treue, immer gern gesehene Gast in den Kreisen dieser Familien.

Leider aber sollte er die Hoffnungen nicht er­füllt sehen, die er auf die Verhaftung Sonnenbergs gesetzt hatte.

Anfangs hatte Sonnenberg Alles geleugnet, aber schon im zweiten Verhöre, gab er mit Ausnahme des Mordes Alles zu.

Er bestätigte, daß Mrs. Mary Brighton seine Gattin gewesen sei, bestätigte, daß er diese Gattin verlassen und sie ihn aufgesucht hatte; er gab zu, sie am Abend vor ihrem Tode in seine Wohnung geführt zu haben, um mit ihr über die Scheidung zu sprechen.

Er wollte sie auch auf dem Rückwege zum Hotel begleitet haben. Auf diesem Wege hätte sie nach einem leidenschaftlichen Zornesausbruche ihn verlassen und er war nun, wüthend üher ihren Eigensinn und ihre ihn tiesbeleidigenden Schmähungen, nach Hause gegangen.

Was dann weiter mit ihr geschehen war, wußte er nicht; er hatte am anderen Tage ihren Tod er­fahren und natürlich keine Veranlassung gefunden, feine Beziehungen zu ihr in die Oeffentlichkeit zu bringen.

Bei dieser Erklärung blieb er; die geschicktesten Fragen des Untersuchungsrichters konnten ihn nicht in Widersprüche verwickeln. Da nun auch der Mord selbst nicht mehr festzustellen war, so mußte man endlich die Anklage fallen lassen, das dunkle Räthsel sollte ungelöst bleiben.

Ernestine hätte schon früher aus der Haft ent­lassen werden müssen; gegen sie lag nichts weiter vor als die Verabredung mit dem Bruder, Dora ihre» Vermögens zu berauben. Dieser Raub aber war gar nicht zur Ausführung gekommen und Dora wollte auch keine Bestrafung beantragen.

Das edle Geschwisterpaar verschwand aus der Stadt; Ernestine begleitete ihren Bruder nach Newyork; sie war bereits verschollen, als Peter Michel eines Tages aufgefordert wurde, über Theo Sonnenberg einen schriftlichen Bericht zu erstatten.

Die Behörde einer amerikanischen Stadt hatte um diesen Bericht gebeten. Sonnenberg saß dort, des falschen Spiels beschuldigt, im Gefängniß, und es mußten noch andere Anklagen gegen ihn vorge­legen haben, denn nicht lange darauf berichtete jene Behörde zurück, daß er sein Leben am Galgen be­endet habe.