Ausgabe 
9.1.1886
 
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Sind Sie verrückt?" fuhr der Banquier auf, auf dessen Stirne die Adern anschwollen.

Bitte, ich war nie vernünftiger, als in diesem Augenblick."

Sie verlangen das Geld wohl sofort?'

Ihr Hohn wird mich nicht irre machen, fo wenig, wie die Rolle es gethan hat, die Sie als gelehriger Comödiant vorhin gespielt haben. Ich wäre allerdings berechtigt, sofortige Zahlung zu fordern, Sie in Ihre Wohnung zu begleiten und Ihnen nicht von der Seite zu weichen, bis ich das Geld hätte. Aber die aufregenden Auseinander­setzungen mit Ihrer Frau sind für mich zu wenig verlockend, als daß ich mich ihnen aussetzen möchte, ich will sie Ihnen allein überlassen, und ich denke, bis morgen Abend können Sie meinen Vorschlag hinreichend geprüft und sich über ihn schlüssig ge­macht haben. Bis morgen Abend, Herr Reichert! So lange gedenke ich auch noch hier zu bleiben, und Sie sollen mir nicht den Vorwurf machen, daß ich Ihnen den Daumen auf die Kehle gesetzt habe. Also überlegen Sie mit Ihrer Frau die Geschichte, sagen Sie ihr, daß ich von meiner Forderung nicht abgehe und daß die ganze Summe mir morgen Abend hier in meiner Wohnung gezahlt werden muß, wenn man meinen Besuch bei der Staatsan­waltschaft nicht wünscht."

Reichert hatte seine Fassung wieder gefunden, es blieb ihm nun wenigstens Zeit, mit seiner Frau weiter zu berathen, das war für ihn ein Trost, ob­gleich er voraus wußte, daß sie diese Forderung nicht bewilligen würde.

Fortsetzung folgt.

Wach Hohem Ziel.

Novelle von Moritz Lilie.

(Fortsetzung.)

Glauben Sie mir, das Mädel ist nicht nur schön, sondern auch gut und wirthschaftlich", fuhr er fort,und außerdem ein Goldfischchen, wie sie nicht zu häufig unter den heiratsfähigen Töchtern der Hauptstadt umherschwimmen, denn sie ist das einzige Kind. Ich weiß das aus bester Quelle, meine Herren, denn Sie müssen wissen, ich bin bürgerlicher Tapezierermeister und habe das Palais des Barons von Grund aus neu .errichten müssen, als er hierher übersiedelte."

Da kamen Sie wohl öfter mit dem Freiherrn und seiner Tochter in Berührung?" forschte Victor, den die Mittheilsamkeit des alten Herrn belustigte.

Das können Sie sich denken", betheuerte der Handwerker mit wichtiger Miene,es war ein schönes Stück Arbeit, bei welchem noch etwas ver­dient wurde. Die theuersten Tapeten, die schwersten Portiörenstoffe wurden verwendet, und überall war

der Herr Baron und seine Liesbeth bei der Hand, um anzuordnen, Wünsche auszusprechen oder irgend eine kleine Abänderung zu veranlassen. Und das Alles in ruhigem und freundlichem Tone, nicht grob und befehlend, wie man sich das jetzt häufig in großen Häusern gefallen lassen muß."

Liesbeth heißt das reizende Wesen?" warf der Blonde fragend ein.

Der Handwerkmeister nickte veiahend.

Sie ist der Abgott ihres Vaters und der Lreb- ling der zahlreichen Bekannten des Barons, bie dessen Gastfreundschaft benutzend, in feinem Hause ein- und ansgehen", erzählte er weiter..Uno, meine Herren, es geht mitunter recht lustig zu tu dem Palais des Barons, das können Sie glauben. Der Baron liebt Gesellschaften und führt einen ausgezeichneten Keller und vortreffliche Küche; kein Wunder, daß er viele gute Freunde hat, die sich mit an seinen Tisch setzen und nebenbei der rochier des Hauses ihre Huldigungen zu Füßen legen."

Und die Mutter des Mädchens, rst die noch am Leben?" forschte Victor, den die Mittherlungen des Tapezierers lebhaft interessirten, während der Legationssekretair sich vornehme Zurückhaltung auj- erlegte. ... ,

Gewiß, die Baronin lebt noch, aber sie t|t eme sehr stolze Dame, welche mit uns Handwerkern nte direkt verkehrt", berichtete der Gefragte.Nur em- mal sah ich sie, als ich meine Arbeiten in dem großen Salon beendet hatte und der Hausherr nut seinen Angehörigen kam, um den neuen, mrt aller nur erdenklichen Eleganz ausgestatteten Raum zu besichtigen. Während der Baron und feiiw pochier sich über den Gesammteindruck sehr vefrtedrgt äußerten, hatte sie kein Wort der Anerkennung; mit der Lorgnette vor den Augen ließ sie rhre Blicke flüchtig über die Dekorationen hmg^etten, dann wandte sie sich an den Hausmeister, welcher mit einem Diener beschäftigt war, die Möbel rn dem Salon zu ordnen, mit den Worten: Sagen Sie dem Manne, daß ich auch in meinem Boudorr einige Veränderungen wünsche, ich werde Ihnen die nöthigen Anweisungen darüber geben. Und damit rauschte sie aus dem Zimmer, gefolgt von dem Hausmeister, welcher mir ihre Befehle übermitteln mußte. Nun, meine Herren, die Dame wäre sicher­lich die Baronin von Eschenheim geblieben, wenn sie mir ihre Wünsche direkt nutgetheilt hätte."

Es lag in den letzten Worten der unverkennbare Ausdruck gekränkten Selbstbemußtseins, verletzten Bürgerstolzes.

Wie ganz anders zeigt sich doch dagegen chr Gemahl und das Fräulein", fuhr der Me.ster fort, da ist nichts von Dünkel und hochfahrendem Aristo­kratenwesen zu bemerken. Ja, im Gegentheil und unter uns gesagt", fügte er leise und vertraulich hinzu,kommt es mir manchmal vor, als ob die siebenzinkige Freiherrnkrone gar nicht so recht auf den ziemlich großen Kopf des Barons passen wollte."

Dem Namen nach ist der Mann ein Deutscher,