Ausgabe 
9.1.1886
 
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ebenfalls deutscher Abkunft," sagte Victor sinnend, als suche er in seinem Gedächtniß, ob ihm nicht dieser Name schon irgend einmal vorgekommen sei.

Ich habe darüber nichts zu erfahren vermocht, ein geheimnißvolles Dunkel scheint über dem Ur­sprünge der Familie zu lagern", versicherte der Tapezierer.Vor ^roei Jahren sind sie hierher ge­kommen, haben eine Zeitlang in einem vornehmen Hotel gewohnt und dann das große Haus gekauft, welches noch heute ihr Eigenthum ist. Im Hotel haben sie erst die Dienstleute engagirt, denn sie brachten auffälligerweise keinen einzigen Domestiken mit. Der Hausmeister, mit welchem ich bekannt bin, vermuthete, daß der Baron aus Rumänien oder Siebenbürgen gekommen sei, er wollte das an der Betonung in seiner Sprache erkannt haben."

Begleitest Du mich Victor, ich möchte noch ein wenig lustwandeln?" fragte der Legationssekretär, dem es unangenehm zu sein schien, daß über eine ihm bekannte Familie in einem öffentlichen Lokale in dieser ungenirten Weise gesprochen wurde.

Die beiden jungen Männer erhoben sich, und während sich Alfred mit einem kaum bemerkbaren Kopfnicken verabschiedete, reichte sein Freund dem alten Herrn die Hand und sagte ihm einige ver­bindliche Worte.

Es ist zu bedauern, daß Du kein gekröntes Haupt bist", sagte der angehende Diplomat mit einem leisen Anflug von Ironie zu seinem Begleiter, Du haft unverkennbare Anlage, Ditz populär zu machen. Ich gestehe, daß es mir schwer werden würde, mit Leuten aus dem Bürgerstande, die ich nie vorher gesehen, mich so schnell bekannt zu machen, um mit ihnen über so intime Angelegenheiten zu sprechen, wie das soeben geschehen ist."

Das glaube ich wohl", versetzte Victor, ohne über die eben gehörten Worte Empfindlichkeit zu zeigen.Deine Lebenssphäre führt Dich in andere Bahnen als mich die meinige. Das Parquet der Fürstenschlösser und Ministerhotels ist der Boden, auf welchem Du Dich zu bewegen haben wirst, während ich, nachdem ich meine landwirthaftlichen Studien beendet habe, in mein Heimathland zurück­kehre, um die vom Vater ererbten Besitzungen zu übernehmen. Sieh, Alfred, wollte ich mich in meiner ländlichen Abgeschiedenheit vornehm ab­schließen, so würde ich sehr bald einsam und ver- laffen sein und vorzeitig zum Grillenfänger und Misanthropen werden."

Du würdest in ebenbürtigen Gutsnachbarn un­schwer passenden Umgang finden", warf Jener ein.

Victor schüttelte heftig das Haupt.

Viele dieser Landjunker kennen keine andere Unterhaltung als über Pferde und Hunde und keine andere Zerstreuung als Kartenspiel oder Trinkgelage", lief der junge Landwirth eifrig.Ich dagegen ziehe es vor, mich mit gebildeten Leuten aus dem Volke zu beschäftigen, ihren gesunden Menschenverstand,

ihr treffendes Urtheil kennen zu lernen und mir ihre Einsicht, ihre Erfahrung zu Nutze zu machen."

Jeder nach seinem Geschmack, der Deinige scheint aber noch außerdem auf die kleine Baronesse Eschenheim gerichtet zu sein, denn Du hast Dich mit mehr als gewöhnlichem Jntereffe um die Familie bekümmert!" meinte der Legationssekretär, dem Freunde einen forschenden Blick zuwerfend.

Ich leugne nicht, daß das Mädchen Eindruck auf mich gemacht hat, obgleich ich sie nur einmal aus der Entfernung sah", versicherte Victor.Es giebt Menschen, die eine unwiderstehliche Anziehungs­kraft ausüben, die, wie mit magischer Zauberkraft uns an sich feffeln. Fast möchte ich glauben, die Tochter des Barons gehöre zu diesen bevorzugten Wesen, denn ihr Anblick weckte in mir Empfindungen, die ich bis dahin nicht kannte, immer und immer wieder mußte ich dem herrlichen Mädchen die Blicke zuwenden, und als die Oper zu Ende war, und ich mich allein auf der Straße wieder fand, da beschlich mich ein unnennbares Gefühl von Leere und Ein­samkeit, eine so brennende Sehnsucht, das holde Wesen wieder zu sehen, daß ich beschloß, meine Ab­reise in die Heimath noch um eine kurze Zeit zu verschieben, in der Hoffnung, ihr noch einmal zu begegnen."

Und diese Hoffnung erfüllte sich?"

Seiber bis jetzt noch nicht!" versetzte Victor mit traurigem Kopfschütteln.Jeden Abend be­suchte ich das Opernhaus um ihretwillen, aber ich sah nur fremde Gesichter in der Loge; täglich, so weit es ohne Aufsehen geschehen konnte, promenirte ich unzählige Male die Straße entlang und warf verstohlene Blicke nach ihren Fenstern, vergebens, der heißersehnte Anblick ihres lieben, sanften Ge­sichtes, ihres blauen Vergißmeinnichtauges blieb mir versagt. Mit jeder Stunde schwindet die Hoffnung, meinen Herzenswunsch erfüllt zu sehen, mehr; nur noch wenige Tage ist es mir vergönnt, in der Hauptstadt zu verweilen, dann ruft mich die Pflicht zu neuer Thätigkeit, und der schöne, kurze Traum zerrinnt in fein trauriges Nichts."

Der junge Legationssekretär schaute den Freund verwundert an; fein klarer Blick erkannte die un­aufhaltsam aufkeimende Neigung, die, Jenem fast noch unbewußt, bereits tiefe Wurzeln geschlagen hatte.

Wie aber, wenn Liesbeth Deine Liebe nicht er­widert?" fragte Alfred.

Liebe?" rief der Gefährte des Diplomaten, und in dem Tone seiner Stimme lag der unver- bare Ausdruck des Erstaunens,Liebe, Alfred, wer spricht von Liebe? Und doch " fügte er leise und wie im Selbstgespräche hinzu,und doch ist es vielleicht nichts Anderes als Liebe, dieses schmerzliche Wonnegefühl, dieses Sehnen, Hoffen und Ver­zweifeln!"

(Fortsetzung folgt).

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.