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berg's an meinem Verdacht irre geworden sei, der nun aber durch Ihre beabsichtigte Reise auf Nimmer- wiedersehen bestätigt werde. Und glauben Sie mir, Sie werden keine Freunde finden, die Sie in Schutz nehmen, denn durch Ihren Bankerott und die Geringfügigkeit Ihrer Activa wird die Stimmung gegen Sie von Tag zu Tag erbitterter, und hebe ich das gebührend hervor, so trägt der Staatsanwalt sicher kein Bedenken, Sie und Ihre Frau unverzüglich verhaften zu lassen."
„Wenn das geschähe, würde ich augenblicklich auch Ihre Verhaftung fordern", erwiderte Reichert, und die Unsicherheit seiner Stimme ließ vermuthen, daß er auf diese energische und entschlossene Drohung doch nicht gefaßt gewesen war.
„Sehr wohl, ich würde mich dieser Verhaftung in keiner Weise widersetzen, ich dürste ja mit Zuversicht darauf rechnen, daß die Schuldbeweise in Ihrer Wohnung gefunden werden müssen. Vernichtet sind die Banknoten nicht, sie werden sich entweder in der Garderobe ober in den Gepäckstücken vorfinden. Daß Sie das Geld schon nach London vorausgeschickt haben sollen, glaube ich nicht, Sie werden nicht so unvorsichtig gewesen sein, einer dritten Person den Besitz dieser großen Summe verrathen zu haben. Also wie gesagt, dieses Geld wird sich nach der Verhaftung finden, die Freunde Dornberg's gönnen sich keine Ruhe —"
„Sie verschwenden eine Menge von Worten, die auf mich nicht den mindesten Eindruck machen", unterbrach Reichert ihn, der noch einmal den Muth fand, die Vorschriften feiner Frau zu befolgen. „Alle diese Worte laufen darauf hinaus, eine Summe Geldes von mir zu erpressen, Sie können diesen Zweck schon deshalb nicht erreichen, weil ich selbst nichts habe."
„3ft das Ihr letztes Wort?" sagte Sonnenberg gelassen.
„Was sollte ich noch hinzufügen?"
„Nichts, wenn Sie Ihrer Sache völlig sicher zu sein glauben! Aber machen Sie mir später keine Vorwürfe, wenn Sie auf der Anklagebank sitzen, ich habe Ihnen ja die Rettung aus dieser Gefahr angeboten. Wir wollen nun auch keine Worte verschwenden", fuhr Sonnenberg, sich erhebend, fort, „ich gehe jetzt zum Doktor Kirchner und zum Staatsanwalt."
Die entschlossene Ruhe, mit der er diese Absicht ausgesprochen hatte, schien alle guten Vorsätze, mit denen Reichert gekommen war, wieder über den Haufen zu werfen.
„Wollen Sie denn sich selbst unglücklich machen?" fragte er mit gepreßter Stimme. „Sie denken vielleicht, Sie hätten nichts zu verlieren, aber Freiheit und Ehre müssen doch auch für Sie kostbare Güter fein!"
„Gewiß, aber ich wüßte nicht, wie sie gefährdet werden könnten, wenn ich für Dornberg gegen Sie in die Schranke trete. JH könnte ja Dora Winkler fragen, was sie mir für die Enthüllungen zahlen
wolle, aber ich unterlasse es, um durchaus Uneigen nützig zu erscheinen."
„Sie denken wohl nicht daran, daß die Behörde sich daun auch mit Ihrer Person beschäftigen wird?"
„Was glauben Sie, was sie alsdann entdecken wird?" spottete Sonnenberg.
„Daß Sie in der Thal der Abenteurer sind, als den mein Schwiegersohn Sie bezeichnete! Die Geschichte mit dem abgelegten Adel, die Aussicht auf die Beerbung des reichen Onkels in Schlesien, das Alles wird sich als Schwindel Herausstellen."
„Schön, und was weiter? Ist dieser Schwindel, wie Sie es zu nennen belieben, vor dem Gesetz strafbar? Hat irgend Jemand Nachtheil ober Schaben dadurch gehabt? Man mag nach so eifrig suchen, man wird nichts entdecken, woraus mir der leiseste Vorwurf gemacht werden könnte?"
„So behaupten Sie", erwiderte Reichert, während er in fieberhafter Erregung seine Cigarre im Aschenbecher zerstieß. „Ich will jetzt nicht untersuchen, ob diese Behauptung auf Wahrheit beruht, Ihr Erpressungsversuch beweist mir zur Genüge, daß Sie zu den Leuten gehören, die nichts sind und nichts haben und das Glück benutzen, wo und wie es sich ihnen bietet. Und unter diesen Leuten siebt es wohl Keinen, auf dessen Vergangenheit nicht ein dunkler Flecken ruht, Sie werden den Ihrigen ja auch kennen. Und nachdem mir hierüber die Augen geöffnet sind, begreife ich auch, daß Sie auf diesen Versuch Ihre letzte Hoffnung bauten. Ich begreife, daß Sie nach der erlittenen Niederlage abzureisen wünschen, und daß Ihnen die Mittel zur Bestreitung der Reisekosten fehlen. Sie haben vielleicht in der letzten Zeit kein Glück am grünen Tisch gehabt —"
„Ich möchte Sie bitten, mich mit Ihren Ver- muthnngen zu verschonen!"
„Wenn Ihnen dieselben unangenehm sind, so mögen Sie bedenken, baß Sie mir mit derselben Münze gezahlt haben", fuhr der Banquier achselzuckend fort. „Nun wohl, aus alter Freundschaft will ich Ihnen aus der Verlegenheit helfen, es soll mir auf hundert Thaler nicht ankommen, wenn Sie heute ober morgen abreisen wollen."
„Wie großmüthig!" höhnte Sonnenberg, ber rastlos auf und nieder wanderte. „Aus alter Freundschaft! Wie theilnehmend das klingt! Und wie vergnügt werden Sie sich ins Fäustchen lachen, wenn ich mit diesem Buiterbrod mich abfinben ließe! Nein, Verehrtester, aus Freundschaft würden Sie mir keinen Groschen geben, bas weiß ich besser, und ein Almosen nehme ich von Niemanb an, von Ihnen aber am wenigsten. Sie haben bei bem Scherz zweimalhunderttausend Thaler gewonnen unb von mir allein hängt für Sie die Möglichkeit ab, diesen Raub in Sicherheit zu bringen. Gut, ich verlange den vierten Theil, nicht mehr und auch nicht weniger, Sie zahlen mir fünfzigtausend Thaler unb ich verpflichte mich, bas Geheimniß mit ins Grab zu nehmen."


