Hiehener JamilienblLtter.
Belletristisches Beiblatt $um Gießener Anzeiger.
Nr. 4.
Samstag den 9. Januar.
SS
1886’
Gin Spiet des Zufalls.
Roman in drei Banden von Ewald August König.
(Fortsetzung).
„Wiederum eine haltlose Vermuthung, Verehrtester! Sie behaupten ferner, ich habe einen Gegenstand in den Garten hinausgeworfen, das ist der Haupttrumpf, den Sie ausspielen und auf dessen Erfindung Sie sicherlich sehr stolz sein werden. Dieser Gegenstand konnte ja nur der Schlüssel sein, der später im Garten gefunden wurde. Wie aber wollen Sie beweisen, daß ich ihn wirklich hinausge- worfen habe? Denken Sie denn, daß man Ihren Behauptungen ohne Weiteres Glauben schenken wird? Ebensogut könnte ich behaupten, Sie hätten an jenem Abend Ihr Nasenbluten vorgeschützt, um den Diebstahl zu begehen. Ich will einmal den Spieß umdrehen und die Anklage auf Sie zurückschleudern. Vielleicht wird hier in Ihrer Wohnung der Dietrich noch gefunden, den Sie an jenem Abend in der Tasche trugen. Sie waren zugegen, als ich nach der Tafel berichtete, daß in meiner Casse eine sehr große Geldsumme liege, und als ich im Verlauf meiner Mittheilungen den Ort bezeichnete, wo der dritte Cassenschlüssel gesunden werden könne. Vielleicht ließe es sich durch Zeugen noch feststellen, daß Sie mich durch Ihre Fragen zu diesen Miltheilungen veranlaßten. Ihr plötzliches Nasenbluten machte es Ihnen möglich, ohne Aufsehen die Gesellschaft zu verlassen. Sie verweilten dann einige Minuten im Gesindezimmer, wohl auch nur zu dem Zwecke, den günstigen Augenblick abzuwarten. Nachher, als ich mich nach Ihnen erkundigte, wußte Niemand, wo Sie waren, also hat auch Niemand gesehen, wie Sie in den Garten gingen. Nun wohl, ebensowenig wurden Sie beobachtet, als Sie mit dem Dietrich die Thür des Cassenzimmers öffneten, das später offen gefunden wurde. Und nachdem Sie Ihr Geschäft in diesem Zimmer verrichtet hatten, stiegen Sie durch das Fenster in den Garten. Ich frage Sie, wie wollen Sie diese Anklage widerlegen?"
„Genug der Dummheiten!" sagte Sonnenberg schroff. „Mit diesen Waffen schlagen Sie mich nicht! Sie waren schon vor dem Diebstahl bankerott, um so eher wird man meinen Behauptungen Glauben schenken. Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, daß Sie den Schlüssel hinauswarfen."
„Beweisen Sie das!"
„Was ist denn Ihrem Cassirer bewiesen worden? Nichts, und er wurde trotzdem verurtheilt."
„Er wird auch verurtheilt bleiben."
„Nicht, wenn ich rede", erwiderte Sonnenberg, deffen Stimmung durch den Spott Reicherts immer gereizter wurde. „Ich werde sofort Bundesgenossen finden, darauf dürfen Sie sich verlaffen. Dora, der Oberst, die Schwester Dornberg's, der Rechtsanwalt Kirchner, der Freiherr v. Buffe, ja, Ihre sämmtlichen Gläubiger werden augenblicklich auf meiner Seite stehen und Ihre Verhaftung fordern."
„Vorab aber wird man Sie fragen, weshalb Sie nicht früher geredet haben, und welche Gründe Sie jetzt so plötzlich dazu bewogen haben", höhnte Reichert, mit den Händen bald über sein kahles Haupt, bald durch den rothen Backenbart fahrend.
„So werde ich antworten, daß die Rücksichten auf Madame Winkler und deren Bruder mir bisher Schweigen aufgelegt hätten."
„Sie übersehen dabei nur, daß man Sie alsdann eines Meineids beschuldigen wird. Sie sind doch als Zeuge vor dem Schwurgericht vereidigt worden? Und mit diesem Eid haben Sie Ihre Aussagen gegen Dornberg bekräftigt! Hüten Sie sich mit Steinen zu werfen, so lange Sie selbst in einem Glashause wohnen!"
Sonnenberg hatte die Brauen finster zusammengezogen, er blickte eine Weile starr in die Gluth seiner Cigarre.
, Ich höre aus Alledem nur heraus, was Ihre Frau Ihnen eingetrichtert hat", sagte er, „ich würde klüger gehandelt haben, wenn ich Sie heute Mittag nicht aus den Inhalt dieser Unterredung vorbereitet hätte. Sie haben natürlich sofort mit Ihrer Frau darüber gesprochen, und nun spielen Sie, wie ich gestehen muß, mit vielem Geschick die einstudirte Rolle. Aber damit kommen Sie nicht durch, Verehrtester! Wenn wir uns in dieser Stunde nicht über gewisse Bedingungen einigen, so wird mich die nächste Stunde im Bureau des Staatsanwalts finden, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Es mag sein, daß man mir alsdann einen Meineid vorwerfen wird, indessen fürchte ich diese Anklage nicht, ich glaube beweisen zu können, daß meine damaligen Aussagen keine Unwahrheiten enthalten. Ich bin ja nur über die Sachlage im Augenblick der Entdeckung des Caffenraubes vernommen worden, und was ich darüber aussagte, das war die Wahr- i heit. Uebrigens kann ich mich auch hinter die Er- ! klärung verschanzen, daß ich durch die Flucht Dorn-


