Ausgabe 
8.7.1886
 
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dergleichen ab. So gab die Gräfin Dönhof dem König zu deffen Geburtstag am 12. Mai, ein Fest in ihrem Garten, wobei alle Damen als Schäferinnen in weißen, blumengeschmückten Kleidern erschienen, um dem König bei der Tafel aufzuwarten. Französische Comödie und Illumination verschönten das Fest, welches aber zuletzt, trotz der feinen Sitten des sächsischen Hofs, in ein wüstes Trinkgelage ausartete, in welchem die polnischen Magnaten den ihnen stark zusetzenden deutschen Edelleuten unterlagen, und sich die Rohheit beider, nachdem der Wein die Köpfe über Gebühr erhitzte, in durchaus nicht hoffähigen Handlungen offenbarte.

Der Feldmarschall Graf von Flemming wollte gleichfalls seinem König eine besondere Freude er­weisen, darum veranstaltete er zwei Monate später ein militärisches Lustfest, welches in der Form unserer heutigen Manöver angeordnet war und in der Nähe Dresdens stattfand. Sechs Regimenter, darunter die ganze königliche Leibwache zu Pferde, rückten au», die Höhen wurden besetzt, kurz das Fest ahmte ein wirkliches Treffen nach. Der König und die Gräfin Dönhof, sowie die berüchtigtelihtauische Feldherrin Potzky", letztere beide als Amazonen ge­kleidet, wohnten dem Scheingefechte zu Pferde bei; die anderen Damen des Hofes fuhren in sechs­spännigen Kutschen zum Schauplatze. Eine reiche Festtafel folgte dem Gefechte. Später ward das übrig gebliebeneEßwerk" den hnngerigen Soldaten preisgegeben, die zur Belustigung des Hofes unter dem Schlachtruf der Trompeten auf die Tische förm­lich Sturm laufen mußten, so daß die Krieger zu­weilen zu Hunderten über einen Haufen fielen. An solcher Bestialität fand man damals Gefallen. Auch Gott Bachus empfing bei diesem Feste zahlreiche Huldigungen und weder der König noch der Fest­geber, noch endlich die Hofherrn blieben nüchtern. Der Feldmarschall vergaß fich sogar soweit, seinen Monarchen zu umarmen und zu duzen, und wollte selbst der Gräfin Dönhof, die er mit derben Titeln beehrte, auf ähnliche Weise seine Freundschaft ver­sichern. Die Gräfin, an Flemmings sich nach großen Trinkgelagen äußernden Freimuth gewöhnt, verübelte ihm seine rohen Scherze ebensowenig, wie der König. Letzterer liebte es sogar seine Räthe zuweilen be­rauscht zu sehen, da dieselben ihm dann oft ihre ge­heimsten Absichten und Gesinnungen ungezwungen verriethen.

Ein drittes Fest verlief nicht minder glänzend. Der König veranstaltete dasselbe zu Moritzburg, einem vier Stunden von Dresden belegenen Jagd­schlösse. Am großen Reiche ward eine besondere Lustschanze" aufgeworfen; auf derselben wurden verschiedene Säle undKabinette", die mit Gallerten, zusammenhingen, aufgeschlagen. Zweihundert mas- kirte Männer, in vier Haufen getheilt, und die vier verschiedenen Völker der vier Welttheile vorstellend, erschienen und legten dem König die Schätze und Erzeugnisse ihrer Länder huldigend zu Füßen. Hieran

schloß sich eine Gondelfahrt und ein Schifferstechen, welches Graf Moritz von Sachsen, des Königs natür­licher Sohn, anführte. Eine Entenjagd auf durch rothe Federn, welche auf den Kämmen befestigt waren, gezeichnete Schwimmvögel, ging der Abend­mahlzeit voran. Sie ward in dem Festbau auf der Lustschanze eingenommen, während eines der schönsten und prächtigsten Feuerwerke gleichzeitig zu Wasser und zu Land abgebrannt, den ersten Festtag abschloß.

Die beiden folgenden Tage waren den Jagd­freuden eingeräumt; man jagte Hirsche und Rehe und hauptsächlich wilde Schweine, deren über hundert geschlagen wurden. Loön rühmt hierbei die Fertig­keit des Königs und noch mehr jene seines Sohnes, des Graf n Moritz. Eine Parforcejagd am Seeufer, ein Nachtschießen, bei dem jeder Treffer durch eine Rakete angezeigt wurde und große mit theatralischen Ausführungen verbundene Gallatafeln, bei welchen der raffinirte Luxus und Reichthum des ver­schwenderischen Hofes in seinem vollsten Glanze ent­faltet ward, schlossen das Fest.

Am volkstümlichsten Feste, dem Carneval, be- theiligte sich außer dem Hofe auch die gesammte Dresdener Einwohnerschaft. Alle Abende fanden in einem eigens erbauten Saale sogenannteRedutten" oder öffentliche Tänze statt. Jede Maske mar hier zugelassen; nur mußten die in den für den Hof ab­gesonderten Raum Einlaß Begehrenden die Maske abnehmen und falls sie nicht bekannt waren, ihren Namen dem Hauptmann der königlichen Leibwache nennen. Das Volk erschien auf diesen Redouten meist costumirt, die Hofleute aber in Domino oder im CostumeNoble Venitien." Die Unmarkirten nahmen auf einer besonderen Gallerte Platz, in deren Mitte das Orchester saß. Uebrigens herrschte zu August's des Starken Zeit in Dresden im Carneval fast unbegrenzte Maskenfreiheit. Man ging verlarvt in die Häuser, setzte sich dort an die Abendtafeln und gab sich nur in den seltensten Fällen zu er­kennen. Daß sich auchfeine Künstler und Taschen­spieler", so nennt Loön die Taschendiebe, den allge­meinen Zutritt zu den Faschingsvergnügen bei Hofe zu Nutze zu machen verstanden, stellt der alten guten Zeit gerade kein glänzendes Zeugniß betreffs der Ehrlichkeit aus. Wurde ein solcher Spitzbube er­tappt, so mußte er, zum Hohne der Gassenbuben, den nächsten Tag in seinenMaskeradenkleidern den Esel zieren." Caroussels und Ringelrennen, sowie Jahrmarkt auf dem großen Platz und ein glänzendes Maskenfesteine Wirthschaft bei Hof" bildeten den Schluß der Festlichkeiten des Carnevals zu Dresden. Dessenungeachtet nahmen während des Canevals, trotz täglicher und nächtlicher Vergnügungen, an denen sich alle Einwohner beteiligten, alle Geschäfte ihren ununterbrochenen Fortgang. Loön schließt seine Betrachtung über diesen glänzenden Hofstaat und die sächsische Hauptstadt mit der richtigen An­merkung:Hier spielet Alles, man siehet zu, man spielet mit und man wird selbst gespielet."

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