818
durchtobten, eilte er in die Wohnung des Hauptmanns.
Herr von Görlitz war bei Tische. Er ließ durch seinen Burschen den Landrath ersuchen, sich einige Minuten zu gedulden.
Ackermann hätte diese Zeit benutzen können, um den Sturm in seinem Innern austoben zu lassen und die Schritte, die er thun wollte, reiflich zu überlegen; aber er dachte nicht daran, er dachte nur an die Genugthuung, die er für die erlittenen Demiithigungen fordern mußte.
Es wurde ihm unsagbar schwer, die mühsam errungene äußere Ruhe zu bewahren, als er dem Hauptmann gegenüberstand.
„Sie haben meiner Frau den Schmuck zurückgeschickt, den ich gestern der Sängerin Barlotti schenkte", sagte er. — „Welchen Zweck hatten Sie dabei im Auge? —
„Welchen Zweck verfolgten Sie, als Sie meiner Braut diesen Schmuck schenkten?" erwiderte der Hauptmann.
„In dem Augenblick, in dem ich ihn überreichen ließ, war sie Ihre Braut noch nicht."
„Gleichviel; Signora Barlotti mußte eine Beleidigung darin finden, daß der Gatte einer anderen Dame sich erkühnte, ihr ein so kostbares Geschenk anzubieten. Wenn ich daraufhin den Schmuck Ihrer Frau Gemahlin übersandte, so war das wohl der einzige richtige Weg —"
„Und Sie verfolgten dabei die Absicht, mich in den Augen meiner Frau verächtlich zu machen!" fuhr der Landrath auf. „Das war der alleinige Zweck, und Sie werden begreifen, daß ich dazu nicht schweigen kann."
Ernst und voll ruhte der Blick des Hauptmanns auf dem erregten Gegner.
„Wollte ich das allein, so ständen dazu andere und beffere Mittel mir zu Gebote", sagte er mit gehobener Stimme. „Ich brauchte ihr nur zu erzählen, welches Mittel Sie wählten, um einen gefährlichen Gegner zu beseitigen!"
Der Landrath hatte die Arme auf der Brust verschränkt; ein höhnischer Zug umspielte seine Mundwinkel, indeß die Gluth des Haffes aus feinen Augen loderte.
„Jenes Mittel wirft nicht den leisesten Flecken auf meine Ehre", erwiderte er mit bebender Stimme. — „Ueberdies haben Sie unter Verpfändung Ihres Ehrenwortes Verschwiegenheit gelobt."
„Und hätte ich damals sichere Beweise gefunden, so würde dieses Ehrenwort seine bindende Kraft verloren haben!"
„Beweise? Wofür?"
„Sie verstehen mich sehr wohl, ich brauche meine Andeutung nicht näher zu erörtern. Wie gesagt —"
„Ich verstehe Sie keineswegs!" unterbrach der Landrath ihn rauh. „Drücken Sie sich deutlicher aus, Herr von Görlitz. Ich muß diese dunkle Andeutung als eine beabsichtigte Beleidigung betrachten!"
„Richt die Absicht einer Beleidigung, sondern eine Anklage liegt in ihr", erwiderte der Hauptmann mit scharfer Betonung. „Ich bedaure nur, daß ich diese Anklage nicht beweisen kann."
(Fortsetzung folgt).
Deutsche Köfe und Kauptftädte zu Anfang des 18. Jahrhunderts.
(Schluß).
Eine weitere Merkwürdigkeit der Hauptstadt war das von der Gräfin Dönhof bewohnte türkische Haus, das eine natürliche Vorstellung von dem sogenannten „Seraglio" darbot. Alle diese Prachtbauten, unter denen die Prachtpaläste nicht die geringste Stelle einnahmen, wurden selbstverständlich von dem Glanze und dem Prunke der Hofhaltung, von der Reichhaltigkeit und Kostbarkeit der königlichen Sammlungen und Schatzkammern noch weit überstrahlt und übertroffen. Der dem Fremden zuweilen erlaubte Zutritt zum grünen Gewölbe erschloß den Anblick feenhafter Kleinodien, so daß es schien, als ob ein einziges Gewölbe Sachsens noch Reichthümer für ein ganzes Königreich bärge. Es fanden sich darin „ganze Garnituren von Brillanten, Amethysten, Rubinen, Saphiren und dergleichen Edelgesteinen zu Kleidern für den König, und allesammt von unschätz- licher Schönheit". Der neue Zwinger und der Schloßgarten, noch heute Dresdens erste Sehenswürdigkeiten, vervollständigten die Herrlichkeiten der Residenz.
Daß ein so glänzender Hof auch dem Theater die sorgfältigste und kostspieligste Pflege widmete, bedarf wohl kaum der Hervorhebung. Die außerordentlichen Summen, welche August der Starke für Schauspieler, Sänger und Musiker verausgabte, lockten die vortrefflichsten Meister nach der sächsischen Hauptstadt. Lotti war damas Hofkomponist. Die Opernbühne war zwar kleiner als die Wiener, doch war die Besetzung der Opern und die Ausstattung, „Auszierung", eine kostbarere, sogar eine „unvergleichliche". Die ausübenden Künstler waren nur Italiener und Franzosen, denn nach Loön's Ansicht, die auch August der Starke getheilt haben muß, „hatten es die Deutschen in dieser Kunst noch nicht soweit gebracht, daß sie verdienten, an einem Hofe, wo der feinste Geschmack herrschet, ihre Schauspiele aufzuführen." Besonders großartig war das Ballet, in welchem früher die berühmte Du Parc mitwirkte, die aber damals einer geringeren Tänzerin, welche jünger war, nachgesetzt wurde, trotzdem ober vielleicht weil sich die Du Parc ehemals der königlichen Gunst besonders erfreut hatte.
Mährend Loöns Anwesenheit fand eine Reihe der glänzendsten Hoffeste zu Dresden statt. Ritterspiele wechselten mit Kampfjagden, Thierhetzen, Schnepperschießen, Wirthschaften, (vermuthlich ländliche Feste), Schäferspielen, Tänzen, Musiken und


