Kießener Jamilienbtätler.

Seiletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger.

ÜjT 79 " Donnerstag den 8. Juli. 1886

Saat und Ernte.

Roman von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Er kannte Vera, er wußte, daß sie zu stolz war, ein Geheimniß mit ihrer Dienerin zu theilen.

Nach einigen Minuten trat die Zofe ein; sicht­bare Bestürzung spiegelte sich in ihrem hübschen Antlitz, als sie die Erregung ihres Herrn bemerkte.

5Die gnädige Frau hat gestern oder heute ein kleines Päckchen empfangen", sagte er;wer brachte es?"

Ein junger Herr", antwortete das Mädchen. Wenn ich nicht irre, war er schon vor einiger Zeit einmal hier; ich glaube, er ist im Geschäft des Banquiers Morgenroth."

Ein junger Herr mit blondem Knebelbart?"

Jawohl, er spricht so drollig."

Der Landrath schüttelte den Kopf was hatte nur der Buchhalter des Banquiers mit dieser Sache zu schaffen?

Wann war er hier?" fragte er.

Heute Morgen."

Uebergab er der gnädigen Frau persönlich das Päckchen?"

Nein, es war noch zu früh am Tsge; er sprach auch den Wunsch nicht aus, angemeldet zu werden."

Sagte er Ihnen nicht, wer ihn beauftragt habe, das Päckchen zu überbringen?"

Die Zofe zögerte, sie schien Bedenken zu tragen, diese verfängliche Frage zu beantworten.

Ackermann holte seine Börse heraus und zeigte ihr mit bedeutungsvollem Blick ein Goldstück.

Besinnen Sie sich!" sagte er.

Ja, er nannte einen Namen"

Nun heraus damit!"

Hauptmann von Görlitz."

Der Landrath warf das Goldstück auf den Tisch und befahl der Zofe mit einem gebieterischen Wink, sich zu entfernen.

Wieder er!" sagte er keuchend.Hat mein böses Geschick ihn dazu ausersehen, mir immer wieder in den Weg zu treten? Ich muß ein Ende machen, wenn ich Ruhe haben will, er oder ich! Er ist zu tief in meine Geheimnisse eingeweiht, und fein glühender Haß gegen mich könnte ihn verleiten, diese Geheimniffe zu verrathen."

Herr Banquier Morgenroth!" meldete der Diener in diesem Augenblick.

Ackermann zog die Brauen noch finsterer zu­sammen. Er schien eine ablehnende Antwort geben zu wollen, aber der korpulente Herr, der dem Diener gefolgt war, stand bereits auf der Schwelle des Zimmers.

Verzeihen Sie, wenn ich störe", sagte er, näher tretend,die Angelegenheit, die mich zu Ihnen führt, ist wichtig und dringend, und ich glaube sie nicht länger verschieben zu dürfen."

Nehmen Sie Platz", erwiderte der Landrath in einem Tone, der Nichts weniger als ermuthigend klang;ich hoffe, die Sache wird sich rasch erledigen laffen."

Wenn Sie es wünschen, gewiß!" nickte der Banquier, nachdem er sich in den Seffel niederge- laffen hatte.Ich hatte gestern. Abend noch Ge­legenheit, mit einigen Geschäftsfreunden über unser Projekt zu sprechen; die Herren sind geneigt, ein Consortium mit mir zu bilden und Ihre Güter zu übernehmen."

Aber hat denn das so große Eile?"

Verzeihen Sie, der günstige Augenblick muß wahrgenommen werden. Es schweben augenblicklich viele Projekte in der Luft da heißt es, allen Uebrigen zuvorzukommen; der Erste schöpft das Fett von der Suppe, die Letzten muffen sich mit den Knochen begnügen."

Sie würden also eine Aktiengesellschaft bilden "

Jawohl, Herr Landrath; darüber, was mit dem Gut geschehen soll, bin ich in diesem Moment selbst noch nicht klar; ich muß es zuvor besichtigen, das Uebrige wird sich dann schon finden."

Nun wohl, das steht Ihnen frei", sagte der Landrath ungeduldig;mein Verwalter kann Ihnen jede gewünschte Auskunft geben."

Sehr wohl, aber das Consortium muß heute noch gebildet werden, und das kann nur geschehen, wenn ich eine Vollmacht von Ihnen in Händen habe."

Eine Vollmacht? Zu welchem Zweck?"

Damit ich meinen Geschäftsfreunden schwarz auf weiß beweisen kann, daß Sie mich beauftragt haben, das Gut für eine bestimmte Summe zu ver­kaufen. Wie hoch taxiren Sie es?"

Hundertundfünfzigtausend Thaler."

Schuldenfrei?"

Es lastet kein Pfennig darauf."

Ich biete Ihnen zweimalhunderttausend Thaler."

Ackermann blickte den Banquier, deffen Lippen ein selbstbewußtes Lächeln umspielte, befremdet an.

iSie bieten mehr als ich fordere?" fragte er.