Ausgabe 
8.4.1886
 
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So wirst Du mir am ehesten Nachricht geben können. Und wie wirst Du das mit der Hand be­mänteln ?"

Ausgeglitten gefallen" sagte Duprat gleichgültig.Bei dieser Witterung sehr erklärlich und zu keiner unbequemen Frage Veranlassung gebend. Nun das Couvert vernichtet ist, hege ich überhaupt keine Furcht mehr."

__ Die Wundersalbe Ristons hatte wirklich jeden Schmerz aus der Hand vertrieben; mit einem viel leichteren Verbände angethan, ging Duprat in das Büreau.

Sie kommen spät", sagte der Kommerzienrath mit leichtem Stirnrunzeln, als er dort eintrat.

Selbstverständlich war der Prokurist hier wieder ganz Demuth und Ergebenheit.

,Um Verzeihung, Herr Kommerzienrath meine Hand!" flüsterte er, diese vorweisend.Ich hatte das Unglück, auszugleiten und mir die Hand im Fallen zu verstauchen. Ich ging zum nächsten Bandagisten, der sie mir wieder einrenkte und mir wegen mehrerer Hautabschürfungen diesen Verband anlegte. Daher die Verzögerung."

Der Kommerzienrath sprach sein Bedauern aus. Das ist allerdings Entschuldigung", sagte er.Sie sind ja auch sonst ein Muster von Ordnung und Pünktlichkeit."

Duprat verneigte sich.Das wohl nur, Herr Kommerzienrath", erwiderte er,weil ich immer be­strebt war und bin, der würdige Vertreter meines Chefs zu sein."

Etwold nickte beifällig.

Nichts Neues von Eduard?" fragte er nach kurzem Schweigen.

Von Ihrem Herrn Sohn nein", entgegnete Duprat bescheiden.Soll ich anfragen?"

Nein, nein. Ich bin froh, Nichts zu hören. Denn bis jetzt konnten Sie mir nur Schlechtes melden."

Duprat zuckte bedauernd die Achseln.Ich hielt mich verpflichtet, Ihnen die Wahrheit zu saaen", sprach er.

Mehr verlange ich auch nicht", entgegnete Etwold etwas schroff.

Und Ihre Fräulein Tochter? Sie befindet sich"

Schlecht sehr schlecht, mein lieber Duprat. Der Sanitätsrath läßt mir wenig Hoffnung."

O, wie beklagenswerth", sprach der im Rücken seines Chefs stehende Prokurist im Tone lebhaften Bedauerns, während aus seinen Augen eine boshafte Freude leuchtete. Wenn sie jetzt starb und Dryden durch das Gespenst der verfolgenden Polizei ver­scheucht wurde, war er Herr der Situation. An Riston dachte, er in diesem Augenblick nicht.

Ja, weiß es Gott", sagte der Kommerzienrath; es ist, als ob ich an meinen Kindern keine Freude mehr erleben sollts. Sonst mein Stolz und meine Hoffnung, bin ich nun verdammt, nur Klagen von ihnen zu hören." Und. halb für sich fügte er hinzu:

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Ich möchte wohl wissen, womit ich eine so schwere Strafe verdient habe?"

Duprat hätte das auch gerne gewußt; aber der Respekt verbot ihm, diesen delikaten Punkt noch weiter zu erörtern. Der Kommerzienrath ging auch schon zu einem anderen Gegenstands über.

Leisten Sie mir nur noch ein wenig Gesell­schaft", sagte er bann; sie brauchen ja nicht zu arbeiten. Legen Sie die Feder hin. Erzählen Sie mir Etwas von Ihrer Vergangenheit, wenn Sie wollen. Nur sprechen Sie, damit ich eine Stimme höre und weiß, daß ein theilnehmender Mensch in meiner Nähe ist. Es wird so einsam um mich her, und gerade heute liegt es mir wie eine dunkle Ahnung auf der Seele. Mir erscheint Alles wie in einen undurchdringlichen Nebel gehüllt. Wenn ich Das nur abschütteln könnte!"

Duprat lauschte aufmerksam.

Keine so seltsame Stimmung", sagte er,wenn man das Wetter in Betracht zieht, dessen Einfluß ; sich ja wohl kein Mensch entziehen kann."

Er blickte nach dem Fenster, in dessen Rahmen sich ein wolkenschwerer Himmel und die Welt in Nebel malte.

Erzählen Sie doch", begann Etwold wieder. Sie wissen ja, ich interessire mich sür Alles, was i Sie angeht; und es könnte vielleicht bald der Tag kommen, wo ich Ihr ganzes Vertrauen werde fordern müssen."

Wenn noch Etwas Sie bedrückt, HerrKommer- i zienrath", wagte Duprat schüchtern zu bemerken,so zögern Sie nicht, es mir mitzutheilen. Kein treueres i Herz schlägt Ihnen wärmer zu. Ich empfinde für Sie wie der Sohn für seinen Vater. Und wenn es auch wie eine Anmaßung klingt, Das auszu- l sprechen, so ist es doch der Ausdruck meiner wahren Gesinnungen."

Ich kann mich lebhaft hineindenken in Ihren Lebensgang", entgegnete Etwold,und darum auch das Gefühl verstehen, welches Sie in aufrichtiger Zuneigung an mich fesselt. Die Eltern früh ver­loren, und unter der Aufsicht Fremder ohne Rücksicht auf irgend welches zartere Gefühl zu einem Berufe ausgebildet, welcher kalte, kluge Berechnung in allen Dingen voraussetzt, berührte Sie ein liebevolles Entgegenkommen wie das meine zuerst fremdartig und dann so anmuthend, daß Sie glaubten, es nie mehr entbehren zu können. Darum Ihre ganze volle Hingabe an Ihren Beruf und an meine Person, welche Ihnen, wie Sie selber sagen, diesen ver­körpert."

Und zwar dessen edelste Verkörperung!" fiel Duprat ein.

Etwold war nicht über die Schmeichelei erhaben. Welcher Mensch ist es! Er lächelte selbstgefällig.

Sie sehen, daß ich Ihren Jdeengang verstehe", sagte er.Es ist Das ja auch so natürlich. Nur möchte ich gern noch Etwas mehr wissen. Das sind nur Umrisse und die weitesten Grenzen Ihres Lebensganges. Können Sie denn nicht so viel Ver-