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„Das müßte iH zu allererst wißen, meine Bche? — Ich sagte zu ihr vor ihrer Abreise mit Fräu- lein Gotthard, „Vera", sagte ich, „der junge Reimann ist wie närrisch in Dich verliebt und der Vater, auch der setnigte, was der reiche Makler mit der schönen „Fille" in Pösendorf ist, wie Du weißt, will'» gern, denn die Parthie ist brillant, — na sag', ist'» der Rechte?" — Da sah sie mich mit ihren blauen Augen ganz erschrocken an und rief ordentlich hastig: „Rein, Mama, ich denke ja gar nicht an's Heirathen, und den Reimann möchte ich um alle Schätze der Welt nicht, wollt Ihr mich denn so gern los sein?"
„Gott, liebe Henningen, mir kamen die Thränen in die Augen, und ich hatte Roth, sie zu beruhigen, hab'» Möller auch gleich gesagt und bei erster Gelegenheit auch dem jungen Reimann. — Ra, der bekam keinen schlechten Schreck, meinte aber dann, daß er noch warten könne und was glauben Sie wohl, wohin er jetzt ist?"
„Am Ende ihr nach?"
„Richtig, nach Helgoland, denn er kann's ja von wegen dem Moos, wie Möller immer sagt. — mich soll blos verlangen, was meine Vera für ein Gesicht gemacht hat, als sie auf einmal den Karl da sieht."
„Es wird sie vielleicht gerührt haben?"
„Ach was, dar ist doch kein Opfer nach Helgoland zu reisen und dort den Feinen zu spielen? — Da kennen Sie meine Vera schlecht, Frau Henning! Die macht sich nicht» aus ihm, sonst hätte sie's mir gesagt. Ich ließ gegen Fräulein Natalie auch so wegelängs in feiner Manier ein Wort darüber fallen, worauf sie meinte, ich sollte Vera mit solchen dummen Geschichten in Ruhe lasten, — dabei komme nur Unglück heraus, — was der Reimann sich einbilde, er wäre lange nicht hübsch und fein gebildet genug für unser Schneewittchen. Ra, darin mag sie wohl recht haben, denn sie ist schrecklich klug und gebildet und Vera hat ihr viel zu danken."
„Aber Ihnen doch tausendmal mehr, liebe Freundin!" sagte Frau Henning mit Nachdruck, „da» verlassene Kind hätte in keine besseren Hände kommen können, als in die Ihrigen, und ich hoffe, daß Fräulein Vera das niemals vergessen wird."
Frau Möller war gerührt und drückte der guten Henningen, wie sie dieselbe nach norddeutscher Art stets nannte, dankbar die Hand.
„Das Kind ist unser Stolz und unsere Freude, und wir danken dem Herrgott, daß er es uns damals schickte. Wir haben unsere Pflicht daran ge- than, aber auch eine dankbare Tochter an ihr, die uns einfachen Leute, was wir doch nun einmal sind, wie ihre rechten Eltern liebt."
„Weiß sie's denn wirklich nicht, daß sie ein angenommenes Kind ist?" fragte die Hutmachersfrau nachdenklich.
„Na, daß sie unsere leibliche Tochter eigentlich nicht ist, muß sie am Ende wissen", versetzte Frau Möller, „aber wie sie zu un» gekommen ist, dar, liebe Henningen, weiß sie nicht, und soll sie auch
durch uns ganz gewiß nicht erfahren. Auch Fräulein Natalie spricht nicht mit ihr davon, sie meinte auch, es wäre nicht gut und könnte ja zu gar nicht» helfen."
„Ob wohl ihr Vater noch lebt?"
Diese einfache Frage setzte die ehemalige Wirthln „Zur goldenen Traube" in eine unbeschreibliche Aufregung. Sie fuhr von ihrem Stuhl auf und stierte ihre Freundin bleich und entsetzt an, daß diese sich erschreckt erhob und ihre Hand beschwichtigend ergriff.
„Liebe Möllern —"
„Nee, hören Sie, Frau Henning! — so ’re Frage zu thunl" stöhnte sie endlich, erschöpft auf den Stuhl zurücksinkend, „wie hab' ich mich versehrt. — Vera's Vater! — na, das fehlte, wenn der Unhold noch lebte und fein Kind zurückforderte. — Oho, ich hab' so meine eigenen Gedanken darüber gehabt und würde nicht sauber mit ihm verfahren.', (Fortsetzung folgt)
Aus den Erinnerungen eines amerikanischen Aetective.
Von Dr. F. Müller.
Es mag jetzt etwa acht Jahre her sein, ich war damals gerade erst bei dem NewDorker Ermittelungs- Bureau meines Chefs Mr. Chester eingetreten, als ein dringende» Ersuchen von dem Bürgermeister eines mittleren Jnland-Städtchens eintraf, worin derselbe um Einsendung eines Beamten bat, der im Stande sei, die Thäter einer ganzen Reihe kurz nacheinander erfolgter und mit außerordentlich großem Raffinnement verübter, verwegener Einbrüche und Uebersälle zu entdecken. Es war beigefügt, daß die ganze Umgegend sich in Aufregung und Angst befinde, weil offenbar die Verbrecher, bereit mehrere sein müßten, von den sich bietenden Gelegenheiten vorher auf irgend eine Art und Weise unterrichtet sein mußten, doch sei er dem Schreiber der Briefe» nicht möglich, auch nur den Schatten eines Verdachtes gegen irgend Jemand im Orte zu richten.
Mein Herz jubelte innerlich auf, als Mr. Chester gerade mir diesen Brief zeigte und mich fragte, ob ich mich getraue, mir bei dieser Gelegenheit die Sporen zu verdienen. Er war human genug, mich auf dar Gefährliche de» Unternehmen» selbst aufmerksam zu machen und mir zur größten Behutsamkeit zu rathen. Schon am Abend de» folgenden Tages befand ich mich am Orte der Ereignisse und selbstverständlich galt mein erster Besuch dem würdigen Oberhaupte des Städtchens, welches mich mit sichtlich verstörten Zügen empfing. Denn erst vor einer halben Stunde war die Nachricht eingetroffen, daß kaum tausend Schritte vor der Stadt, in der Nähe eine» Steinbruchs abermals ein überaus frecher Ueberfall an einem der besten Freunde des Bürgermeister« verübt worden sei. Seit drei Wochen war diese» Treiben im Gange und jedesmal, so erfuhr


