sitzt hätte.
„Ja, wenn Vera den jungen Makler Reimann nicht mag", bemerkte Frau Henning noch einmal nachdenklich. , , ..
„Dann wird sie ihn natürlich auch nrcht nehmen", sprach Frau Möller energisch.
„Hat sie denn vielleicht einen Andern, den sie gerne mag", forschte die alte Freundin vorsichtig. Frau Möller schüttelte lächelnd den Kops mit der seinen Spitzenhaube.
Mann. , ...
„Gott, wir sind ja wie Verwandte mrt einander", fuhr Frau Möller fort, „die gute Natalie ist bet uns wie zu Haufe, — na, was ich eigentlich sagen wollte, - ja so, die Madame Borner ist natürlich auch mit nach Helgoland, — denn anders geht das nicht, liebe Frau Möller! sagte der Banquier zu mir, sonst müßten Sie als Vorstandrdame mit den Kindern, — wahrhaftig, so sagte er zu mir, — ich danke meinem Schöpfer, daß die gute Bomer, es ist eins so nette Person, bei den Kindern meine Stelle vertrat." t t , ,. - .
„Aber Fräulein Gotthard ist doch kein Kind mehr", wagte Frau Henning etwas schüchtern zu be- merkcn. , , .
„Na, Liebe, — Sie reden aber komisch, mit Kind mehr, aber doch ein junges, - wenn auch kein
„Na, schadet nichts", tröstete Frau Möller herab- s lassend, „wir bleiben doch die Alten, trinken Sie man fix zu, ich mache mehr von der Sorte. Was ich sagen wollte, — ja, richtig, — unsere Vera, sie ist doch ein wahrer Engel, nicht wahr?"
„Ja, das ist sie", nickte Frau Henning, „war schon als Kind ein Engel, - aber jetzt, — na, man weiß keinen Ausdruck dafür. — Wird auch bald Einen finden, wie?" t .
,Einen? — Sie bat ein Dutzend Freier an jedem Finger!" rief Frau Möller wegwerfend, „aber Sie wissen, wer die Wahl, hat die Oual! — Na, wir machen uns nichts daraus, sie ist ja noch so jung, wollen ihr gar keinen Zwang anthun. Heinrich hat große Meinung Mr den jungen Reimann, Sie kennen ihn doch?"
„Der Sohn von dem reichen Schiffsmakler?
„Denselbigen, — es ist ein hübscher Mensch, das muß man sagen, flott und gewandt, einziger Sohn, erbt Alles und ist schon Compagnon des Alten." , ~ .
„Eine gute Parthie!" bemerkte Frau Henning mit einem unterdrückten Seufzer, weil ihre Töchter durchweg kein Glück in der Ehe gefunden.
„Ja", nickte Frau Möller, gedankenvoll über den kleinen Vorgarten hinweg nach der Landstraße blickend, „es wäre wirklich eine gute Parthie und Karl Reimann ist wie närrisch in unsere Vera ver- liebt, reine weg ist er. — Aber, wenn Möller es auch tausendmal wünscht und ich nicht- dagegen habe, — sie mag ihn doch nicht."
„Vera mag ihn nicht?" fragte Frau Henmng ungläubig.
„Rein, ich hab' sie gefragt, was hflft das lange auf'm Busch klopfen, - Heinrich wollt'» selber thun, - aber der ist ein „Fall in den Brei!" und ,wurde die a-me Derrn consus machen. J4 versteh' mich darauf und weiß es fein anzufangen. Ehe sie mit Fräulein Gotthard nach Helgoland fuhr, - na, die Beiden sind ja wie Schwestern, eine sehr vornehme Bikanntschast, wie Sie wiffen, liebe Henningen
Diese nickte ehrfurchtsvoll, — der Banquier Gotthard war steinreich und ein hochangesehener
ganz junges Mädchen und so fein und vornehm erzogen, - es schickt sich nicht dafür, allein ohne Vorstandsdame zu reisen, — es wäre da» nicht fein gewesen und der Doctor hat es mir wegen meiner Vollblütigkeit verboten."
Frau Henning schüttelte den Kopf und zerbrach sich denselben mit dem Gedanken, was eine Vor- standsdame auf der Reise zu bedeuten habe, woraus ihr plötzlich eine Erleuchtung zu kommen schien, die sie indeß wohlweislich für sich behielt, da Frau Möller in diesem Punkte keinen Spaß verstand und eine solche Belehrung von ihr für eine große Beleidigung angesehen haben würde. Sie wußte jetzt, daß Madame Borner als Anstandsdame fungtrte, und beneidete auch diese Frau in ihrem Innern, weil dieselbe von dem seligen Notar so reich bedacht und dadurch unabhängig geworden war. Ein Handwerksmann ist niemals unabhängig, der Boden ist hohl und schwankend und seine Zukunft unsicher, nebelhaft, ihm fehlt die sichere Basis eines bestimmten Einkommens. Frau Henning wußte es, — ihr Ge- schäft, das früher so solide gewesen, war durch die Gewerbefreiheit unterminirt worden; — das Capital hatte sich auch des Hutmachergcschäfts bemächtigt und den Meister degradirt; die Concurrenz brachte den fleißigen Mann herunter, so daß er jetzt für d n Händler arbeiten mußte, — in solchem Alter!
Es war hart, aber die Menschen kümmern sich heute weniger darum als je, ob einer ihrer Mitmenschen zu Grunde geht. Meister Henning, bet solide, tüchtige Arbeiter, konnte mit dem allmächtigen Capital nicht concurriren, er konnte so billig nicht arbeiten und mußte folgerecht untergehen. Sem Sohn Heinrich, der „Murje Neugier", rote man ihn stets daheim genannt, welcher durch fein langes Verschweigen jenes Geheimnisses an der Bauplanke den Staäts anwalt Helmuth um den schönsten Triumph gebracht, hatte die Sachs klüger angefangen, sein Metier als solcher an den Nagel ge- hängt, sich eine wohlhabende Wittwe geheirathet und eine Handlung von Pelzwaaren, Hüten und dazu gehörigen Artikeln etablirt. Heinrich Henning begriff seine Zeit und benutzte sie zu seinem Vortheil, wie alle Kinder dieser Welt.
Daß die reiche Frau Möller trotz alledem ihre alte Freundschaft mit Hennings aufrecht erhielt und fortsetzte, gereichte ihrem Herzen zur Ehre, obwohl Heinrich Möller in diesem Punkte ein Mann von Wort und von der alten Schule war und im entgegengesetzten Falle sicherlich seinen Willen durchge-


