Ausgabe 
7.10.1886
 
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Kirchner hatte seine Frau nie schöner gesehen, als in diesem Zustande. Das aufgelöste starke schwarze Haar bildete zu dem von dem Fieber gerötheien Gestcht einen paffenden Hintergrund. Der dankbare Blick aus ihren Augen, wenn ste sah, wie er sich willig jeder Verrichtung und Arbeit, die der Arzt angeordnet, unterzog, sowie die besänftigenden Worte, die ab und zu über ihre Lippen glitten, wenn er mit theilnehmenden Blicken an ihr hing, löste in dem Manne jene weiche Stimme los, die gewöhnlich dann entsteht, wenn man sich mit dem Gedanken vertraut macht, daß einem ein Liebes durch den Tod entriffen werden könnte. Er beugte sich über sie, wenn sie zu schlafen schien und lauschte mit ge­spanntester Aufmerksamkeit den Athemzügen der Kranken ein schönes Bild jenes innigen Bandes, welches die gegenseitige Achtung aus den Ueberresten der ersten feurigen Liebe gewoben.

Wohlthuend war es für Kirchner ferner, wenn er sah, wie sich die Handwerker und Kaufleute be­eilten, ihm die nothwendigsten Existenzbedürfniffe so schnell als es nur anging, zu liefern, um ihm ein neues Heim an Stelle des verlorenen zu setzen. Kirchner war allgemein geachtet und hieraus ent­sprang die Bereitwilligkeit der Lieferanten dem Manne zu dienen. Seine Hauswirthsleute suchten sich geradezu zu überbieten und kamen ihm ebenfalls in jeder Weise entgegen. Die erschienene Feuerver- sicherungrcommission hatte auf das gute Lob der Familie hin keinerlei Anstand genommen, die Ver­sicherungssumme anzuweisen.

Die gesunde Constitution der Frau Kirchner, die aufopfernde, ihr zu Theil werdende Pflege seitens ihres Gatten und das energische Einschreiten des Arztes hatten zu Folge, daß die Frau sich rasch er­holte und der Anfall keinerlei nachtheilige Folgen zeigte.

Die Anklagekammer des Herzogthums hatte auf die Einreichung der Acten hin sich nicht für competent erachtet, auf die etwas gesuchten Judicien die Kirchner'schen Eheleute in Untersuchung zu nehmen. Für den Amtsrichter Schäfer lag der Fall freilich anders. Er wußte, daß man ihm persönlich nicht wohl wolle und auf Rechnung dieses UebelwollenS setzte er die Ablehnung einer Untersuchung.

Mürrisch und empfindlich schloß er an dem Tage, an dem das Antwortschreiben der Anklagekammer eingelaufen war, sein Bureau. Für derartige Stimmungen besitzen Aerzte und Apotheker keinerlei Mittel. Das schien der Herr Amtsrichter auch zu wiffen, denn nach der am Markte gelegenen Apotheke warf er nur einen flüchtigen Blick, dann suchten seine Augen das Gasthaus zumGoldenen Ring", dessen Wirthin von einem Wirthe sprach man nicht bekanntlich ein so vorzügliches Bayrisch schenkte, wie nirgends. Bei dem fünften oder sechsten Glase waren gewöhnlich alle Bedenken, Skrupel und Mißstimmungen verschwunden. Wenn dann der

Herr Amtsrichter irgend eine kleine Angelegenheit in der Küche zu besorgen hatte, so war die kleine stämmige Wirthin auch stets so freundlich und auf­merksam, daß sie ihn jedesmal durch den dunklen Küchengang bis nach dem Hausflur geleitete. Manch­mal faßte ste ihn sogar bei der Hand an, damit er sich nicht etwa an etwas stoße.

Warum sollte man denn einer hübschen Wirthin nicht einmal die Hand drücken dürfen? Was konnte er dafür, wenn sie stolperte und dem Herrn Amts­richter in den schützenden Arm fiel? Solche kleine Cavalierdienste hatte er der Frau Bester schon öfters geleistet. Ueberlegte er sich nach solchen Augenblicken, daß er bereis das sechsundvierzigste Lebensjahr hinter sich habe und noch nicht verheirathet sei, so überkam ihn jedesmal eine weiche Stimmung und er würde in solchen Momenten sicherlich einer präsentirten Braut keinen Korb gegeben haben. Das war es aber eben: es wurde ihm keine präsentirt und er? er war zu eckig, zu unbeholfen, um bei Gelegen­heit um die Hand irgend einer begehrenswerthen Schönen anzuhalten. Amtsrichter Schäfer befaß ein schönes Gehalt, hatte eine stattliche Figur, einen hübschen Vollbart und eine fuchsrothe Perrücke. Ursprünglich mochte dieselbe in den tieferen Tinten des Braun gefärbt worden sein, mit der Zeit aber waren die Farbstoffe entwichen und das tobte Haar, das irgend einem Zuchthäusler vielleicht vor feiner Ueberführung abgeschnitten worden war, prangte jetzt in natürlichen Farben auf seinem, einem frisch- polirten Billardball gleichendem Schädel. Die An­fänge derPlatte" hatte er bereits beim Verlassen der Universität als juristisch unanfechtbare Quitttung überJugendsorgen" empfangen und sie mit in Amt und Würden genommen, um sie bei seiner Beförde­rung nach seinem jetzigen Domicil mit einer kunst­gerecht gearbeiteten PerrückeToups" sagte er zu bedecken.

Heute saß sie etwas schief, als er in das reser- üirte Zimmer, in dem die Honorationen der Provinzial­stadt verkehrten, trat und fein Haupt entblößte. Lugte auch etwas weiße Kopfhaut hindurch, man sah es nicht; wenigstens thaten die bereits An­wesenden so. Wußten Sie doch, daß der Herr Amts­richter in diesem Punkte sehr empfindlich und etwas eitel war. Er bildete sich nämlich ein, daß die Wenigsten der mit ihm Verkehrenden Kenntniß von dem Dasein dieser Haarknüpferei haben.

Die ersten Gläser waren schnell in den Tiefen seines Innern verschwunden. Wohlthuende Wärme muß ein echtes, gutes, bairisches Bier verbreiten, wenn es auf seine Güte stolz sein will. Das heute von dem Herrn Amtsrichter genoffene mußte diese E.iaen- schaft in erhöhtem Maße besitzen, denn seine War.A.n färbten sich während der Unterhaltung immer röther und er bedauerte es daher lebhaft, daß man heute nach seiner Ansicht ungewöhnlich bald aufbrach.

(Fortsetzung folgt).

Redaktion: A. Schcyda. Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Ehr, Pietsch) in Gießen.