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tonung. „Der Landrath Ackermann sitzt auch mit seinem ganzen Vermögen in der Masse."
„Gütiger Himmel I" rief der Referendar erschreckt.
„Ach, war! — Es ist seine eigens Schuld I Weshalb verkaufte er sein Gut, und wer zwang ihn, das ganze Vermögen diesem Manne anzuvertrauen? Er war ein reicher Mann; aber je mehr ec hat, je mehr er will, nie schweigen seine Klagen still; er wollte im Handumdrehen sein Vermögen verdoppeln."
„Und nun bleibt ihm Nichts mehr?"
„Es wird nicht der Rede werth sein."
„Das wäre ein furchtbarer Sturz von der Höhe, und seiner Frau wegen thut mir'- leid. Haben Sie ihn schon davon benachrichtigt?"
„Ich hatte heute keine Zeit, daran zu denken", sagte der Buchhalter; „er wird's morgen erfahren. Noch vor wenig Tagen war er bei uns, um sein Kapital zurückzufordern; aber die Vollmacht, die er dem Banquier gegeben hatte, ließ sich so rasch nicht wieder umstoßen und jetzt darf er sich auf das Hohngelächter der Hölle gefaßt machen."
„Theilnahme wird er schwerlich finden", erwiderte Rommel gedankenvoll; „er ist nicht beliebt. Wer Wind säet, wird Sturm ernten; nun kommt die Reue zu spät!"
„Nicht für ihn allein, sondern für Manchen. Ihrer sind Viele, die diesem dunklen Ehrenmann volles Vertrauen geschenkt haben."
„Ich würde an Ihrer Stelle dem Gericht heute schon Anzeige gemacht haben. Er liegt doch in Ihrem eigenen Interesse, daß sobald wie möglich die Siegel angelegt werden."
„Hm, da» ist wahr! Aber kann ich beweisen, daß er durchgebrannt ist? Wenn er nun wirklich morgen oder übermorgen zurückkehrte?"
„Vorhin bestritten Sie diese Möglichkeit!"
(Fortsetzung folgt.)
Die Brandstifterin.
Criminal-Novelle von Andrt Hug».
(Fortsetzung), in.
Amtstehrimnisse.
„Wie gesagt, ich begreife Sie nicht, Herr Nachbar, diese Menschen in Ihr Haus aufzunehmen", sagte Frau Bester, die Wirthin zum „Goldenen Ring", zu einem ihrer Gäste am Tage nach dem Verhör der Kirchner'schen Eheleute.
„Und ich begreife Sie nicht, Frau Bester, daß Sie sich darüber so ereifern können", entgegnete dieser. „Kirchner« bezahlen Ihre Miethe prompt, sind überhaupt ruhige Leute, war will ich als Ver- miether mehr?"
Der Böltchermeister Eichhart sah, nachdem er diese Worte entgegnet hatte, seinem Gegenüber fragend in's Antlitz,
„Dann wissen Sie wohl gar nicht, was sich gestern auf dem Gericht abgespielt hat?"
„Nein — Sie machen mich neugierig."
„Nun, der Herr Amtsrichter mag der Berliner Putzmamsell wahrscheinlich etwa« derb in» Gewissen von wegen des Feuers geredet haben und stehe da — da ist die „Frau Schulmeisterin" zusammenge- brachen und .... und .. . ."
Frau Bester stockte.
„Sie machen mich noch neugieriger, bitte erzählen Sie doch!"
„Ja, man munkelt da viele», was eine rechtschaffene Wirthin wohl hören, aber nicht weiter sprechen darf. Hoffentlich wird sich das Räthsel sehr bald lösen. Er sollte mir leid thun, wenn es dann hieße: Die und Die wohnen beim Böttchermeister Eichhart. Doch lassen wir das! Ich selbst hatte auf die Wohnung speculirt. Eine Freundin von mir, deren Mann nach hier versetzt wird, schrieb erst vorgestern an mich, wegen Besorgung einer Wohnung und ich hatte schon an diesem Tage die Absicht zu Ihnen zu kommen und Ihnen das leerstehende Logis abzunehmen, allein mein Mann war nicht da, die ganzen Wirthschaftsforgen lagen auf meiner Achsel und verschob ich meinen Ausgang bi» auf gestern. Das leidige Feuer kam dazwischen und so ist nichts daraus geworden. Was zahlen Ihnen die Kirchners?"
„Achtzig Thaker haben wir ausgemacht. Es ist eigentlich mehr werth, indessen Kirchner ist ein hübscher Mann, er dirigirt unseren Gesangverein und da habe ich es nicht so genau genommen."
„Ich würde Ihnen neunzig Thaler gut und gern geben, wenn Sie die Einmiethung rückgängig machen wollten. Es wäre mir zu lieb, wenn ich meine Freundin so in unmittelbarer Nähe hätte."
Böttchermeister Eichhart zauderte nur einen Augenblick mit seiner Antwort, dann sagte er in ruhigem, festem Tone: „Nein, Frau Bester, mein gegebenes Wort breche ich nicht, der Kirchner bleibt wohnen."
Frau Bester biß sich ärgerlich auf die Lippen. Sie stand auf, wischte den Tisch etwa» ab und sagte dann nur: Wie Sie wollen, Herr Eichhart; ich habe es gut gemeint. Mögen Sie es nie bereuen!"
Meister Eichhart sah der hastig Davoneilenden kopfschüttelnd nach und spülte den auskeimenden Un- muth mit einem kräftigen Schluck hinab; ,/sist besser so", murmelte er vor sich hin. „Wegen zehn Thalern bricht Meister Eichhart sein Wort nicht und überhaupt thut er so etwas nicht." Aergerlich über das ihm gestellte Ansinnen von Seiten der Wirthin, stülpte er seins Arbeitsmütze auf, ließ sogar einen kleinen Rest Bier im Glase stehen und ging fort.
Kirchner wich nicht von dem Krankenbette seiner Frau. Auf diesel be hatten die verschiedenen Momente der letzten Tage einen nachhaltigen Eindruck hinter- lassen. Der rasch herbeigerufene Arzt konstatirte die Symptome ei ner beginnenden Nervenkrankheit.


