Ausgabe 
7.1.1886
 
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Mit diesen Worten schritt er an den Beiden vorbei und trat in's Haus. Das höhnische Gelächter, das ihm folgte, kümmerte ihn weiter nicht.

Er würde wohl nicht so leicht darüber hinweg­gegangen sein, wenn er gewußt hätte, daß diese alte Frau die Haushälterin eines Geheimbeamten der Criminalpolizei sei.

In seiner Wohnung angelangt, hatte er kaum Hut und Paletot abgelegt, als der Banquier Reichert eintrat.

Sonnenberg empfing ihn in der freundschaft­lichsten Weise, er schüttelte ihm die Hand, rollte einen Sessel für ihn an den Tifch und bot ihm eine Cigarre an. Und diese Freundschaftlichkeit er- muthigte Reichert, jeder Forderung energischen Wider­stand entgegenzusetzen.

Er hatte noch einmal, bevor er die Villa ver­ließ, eine sehr ernste Unterredung mit seiner Frau gehabt und ihre Lehren und Warnungen seinem Ge­dächtnisse eingeprägt; er war nun entschlossen, diese Lehren zu befolgen.

Die Cigarren brannten, Sonnenberg lehnte sich in seinen Sessel zurück und blickte eine geraume Weile sinnend den blauen Rauchwölkchen nach, die mit ihrem aromatischen Duft ihn umschwebten.

Wenn meine Hoffnung erfüllt und Dora Winkler meine Gattin geworden wäre, so würde ich mich um Ihre Angelegenheit nicht gekümmert haben", brach er endlich das Schweigen, während er mit der Hand langsam über den schwarzen Bart fuhr und den Blick mit einem lauernden Ausdruck auf dem hageren Gesicht des Banquiers ruhen ließ. Sie hätten unbehelligt abreisen und jenseits des Canals das Leben genießen können, und das Schick­sal Dornberg's würde mir auch weiter keinen Kummer bereitet haben. Nun aber haben die Dinge sich leider anders gestaltet. Unsere Voraussetzungen waren falsch, Vererthester, Ihre Frau Gemahlin ist unzweifelhaft eine sehr kluge Frau, aber diesmal hat sie sich geirrt und die üblen Folgen habe ich tragen muffen."

Es kann ja noch anders kommen"', warf Reichert ein,die Launen einer jungen Frau sind unberechen­bar, und daß Dora mit solchen Launen sehr reich gesegnet ist"

Bitte, hier handelt es sich nicht um eine Laune, sondern um einen reichlich überlegten Entschluß, dem ich mich fügen muß", fuhr Sonnenberg mit einer ablehnenden Handbewegung fort, cs wäre kindische Thorheit, wollte ich nach dieser Niederlage noch an meinen Hoffnungen festhalten. Es war überhaupt Thorheit, daß ich auf die Pläne Ihrer Frau Ge- mahlin einging, und dies umsomehr, weil andere Mitglieder Ihrer Familie diesen Plänen entgegen wirkten!"

Das kann ich nicht glauben!"

Es ist wahr, der Herr Stadtrath hat mich so­gar bei seiner Schwester einen Abenteurer ge­nannt"

Vielleicht absichtlich, weil er weiß, daß Lor stets seinem Rath entgegen handelt."

In diesem Falle hätte er sich wohl eines anderen Ausdrucks bedient, er konnte mir damit, daß er mich einen Abenteurer nannte, nur einen schlimmen Dienst leisten. Wie gesagt, mit diesen Plänen und Hoffnungen ist es nun zu Ende, und welche weiteren Wege Ihre Frau auch uoch ersinnen mag, ich werde sie nicht betreten. Sie werden auch begreifen, daß ich in dieser Stadt nicht länger bleiben kann, denn es ist vorauszusehen, daß meine Nieder­lage ruchbar wird, und daß ich dann für verletzenden Spott nicht zu sorgen brauche, unterliegt wohl keinem Zweifel. Mein Entschluß steht fest, ich werde morgen, spätestens übermorgen abreisen, vorher aber gedenke ich mir die Reisekosten von Ihnen auszu­bitten."

Von einem Manne, der selbst nichts hat?" versuchte Reichert zu scherzen.Sie wissen ja, daß ich Alles, was ich besaß, meinen Gläubigern hinge­geben habe, ich bin nun selbst von der Gnade meiner Kinder abhängig."

So glaubt allerdings Jedermann, nur ich weiß es besser", sagte Sonnenberg achselzuckend.Ich muß Sie wieder an jenen Abend erinnern, an dem Ihre Casse angeblich beraubt wurde. Sie wiffen, ich war im Garten, ich wollte in der kühlen Nacht­luft die heiße Stirn baden. Plötzlich sah ich hinter dem Fenster Ihres Cassenzimmers Licht, ich sah, wie dieses Fenster leise geöffnet wurde, ein Gegen­stand, den ich nicht erkennen konnte, flog dicht an mir vorbei. Ich sah Sie ganz deutlich, die Hast in Ihren Bewegungen, in Allem, was Sie thaten, mußte mir auffallen, mich gewissermaßen zur Beob­achtung Ihres Thuns zwingen. Sie traten an den eisernen Schrank, er war offen, Sie blickten hinein und lehnten die Thüre an, dann gingen Sie in Ihr Cabinet und int nächsten Augenblick hörte ich den schrillen Klang einer Glocke, Ihre Absichten waren mir anfangs noch unklar, aber kaum hatten Sie den Raub berichtet, da wußte ich auch schon, wo der Thäter gesucht werden mußte. Es war mir sehr interessant, Sie zu beobachten, als der unter­suchende Beamte seine Fragen an Sie richtete, ein einziges Wort von mir hätte allen diesen Fragen ein Ende gemacht und Niemand würde daran ge­dacht haben, Gustav Dornberg zu verfolgen. Mög- lich, daß Alles anders und beffer gekommen wäre, wenn ich es gethan hätte! Die Ehrenhaftigkeit, die sich in dieser rücksichtslosen Offenbarung documen- tirte und der Bruch mit Ihnen und Ihrer Familie hätten mir vielleicht die Gunst und das Vertrauen Dora's im Fluge erworben. Dornberg war abge­reist, über die Kluft zwischen ihm und Dora führte keine Brücke mehr hinüber, Dora würde sich nicht mehr mit ihm beschäftigt haben. Leider wußte ich von dieser Abreise nichts; als ich am nächsten Tage Kenntniß von ihr erhielt, schien es mir zweckmäßiger, den Verdacht auf ihm ruhen zu kaffen, ich konnte i ja nicht voraussehen, daß Dora sich von seiner