Ausgabe 
7.1.1886
 
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Hiehener Jamitienblätter.

Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeigs?.

Z Donnerstag den 7. Januar. 1886.

Gin Spiet des Zufalls.

Roman in drei Bänden von Ewald August König.

(Fortsetzung).

So, meinst Du, ich solle nicht hingehen?" Hast Du es versprochen?"

Ich konnte nicht anders."

So wirst Du auch hingehen müssen. Immer­hin ist es gut, wenn wir erfahren, was wir zu er­warten haben. Im schlimmsten Falle reise ich vor­aus und nehme den schwarzen Koffer mit, Du kannst ja einige Tage später nachkommen. Und selbst wenn das Schlimmste eintreten und mein Gepäck revidirt werden sollte, das Geheimniß des Doppel­bodens entdeckt Niemand."

Das glaube ich ebenfalls nicht, aber"

Ach was, sei keine Memme! Das Glück hat uns bisher begünstigt, ich glaube, wir dürfen auch ferner auf seine Beständigkeit vertrauen, wenn wir nur Allem, was da kommen mag, dreist die Stirn bieten. Rückt er Dir scharf zu Leibe, so bedinge Dir eine Bedenkzeit aus, damit ich Zeit gewinne. Bor übermorgen werde ich nicht abreisen können, ich muß vorher Abschied nehmen und meine Garde­robe einpacken, zudem darf meine Abreise nicht einer Flucht ähnlich sehen. Und nun wollen wir hinunter­gehen, Leonie wird mit dem Mittagessen schon auf uns warten."

Ich möchte lieber hier oben speisen," sagte er zögernd.

Sei kein Kind!" grollte sie.Menzel kommt heute Mittag nicht, er speist mit einem Geschäfts­freunde im Hotel und Leonie ist nicht scharfsichtig genug um Deine Unruhe zu bemerken."

Mit Menzel habe ich nachher auch nod). ein Hühnchen zu pflücken."

Wegen dieser Billa? Bah, was liegt uns daran, wenn er sie Deinen Creditoren übergeben will. Den Schaden hat er allein zu tragen"

Und Leonie?" fiel er ihr ins Wort. ,,Sie ist die Eigentümerin dieses Hauses, sie soll fest­halten, was sie hat!

Du kennst ihren schwachen Charakter," erwiderte sie achselzuckend. Wir haben ohne dies Aerger genug; es wäre Thorheit, wenn wir uns auch noch um diese Angelegenheit bekümmern wollten!"

Ich gäbe etwas darum, wenn wir nun schon in London wären," seufzte Reichert, während er vor dem Sp iegel trat und mit der Hand langsam über

seine- Augen fuhr.Wir werden wohl eher keine frohe Stunde mehr haben."

Wir kommen auch dahin," sagte sie zuversichtlich, sei nur fest! Beweise können nicht gefunden werden, und sollte Sonnenberg dennoch glauben, zu Drohungen berechtigt zu sein, so will ich ihm den Standpunkt schon klar machen und ihn eines Anderen belehren."

Zwar schüttelte Reichert noch immer ungläubig das Haupt, aber die Zuversicht feiner Frau schien ihn doch ermuthigt zu haben, er folgte ihr jetzt die Treppe hinunter, um an der Tafel Leonies das Mittagsmahl einznnehinen.

Drittes Capitel.

D anmfch r anb en, und Fallen.

Theo Sonnenberg hatte in gewohnter Weise in einem Gasthause zu Mittag gespeist und er war an der Tafel heute ebenso gesprächig und heiter ge­wesen wie an früheren Tagen. Daß er kurz vor­her von der schönen Dame, mit der er oft geneckt worden war, in beleidigender Weise einen Korb er­halten hatte, würden seine Tischgenossen schwerlich geglaubt haben, es befremdete sie nur, daß er heute gleich nach dem Dessert so hastig aufbrach, während er sonst noch ein Stündchen sitzen zu bleiben pflegte, um beim gemüthlichen Geplauder oder einer Parthie Piquet seine Cigarre zu rauchen und eine Tasse Caffee zu trinken. Auf diesen Genuß verzichtete er heute; er schlug den nächsten Weg zu seiner Wohnung ein, um die Zusammenkunft mit Reichert nicht zu versäumen. Als er das Haus erreichte, in dem er wohnte, sah er das Dienstmädchen mit einer schon bejahrten, hägeren Fran vor der Thür stehen.

Die Beiden plauderten sehr eifrig mit einander, und Sonnenberg fühlte sich unangenehm berührt, als er in das Raubvogelgesicht der Alten schaute, die er mit einem neugierigen Blick vom Kopf bis zu den Füßen musterte.

Sie haben wohl fehr viel freie Zeit zu ver­kaufen ?" wandte er sich im spöttischen Tone zu dem Dienstmädchen.

Gönnen Sie ihr das bischen Erholung nicht?" fragte die Alte scharf.

Ich wohl, aber die Herrschaft dürfte es nicht fehen," antwortete er, ihr einen verächtlichen Blick zuschleudernd.Es giebt alte Weiber, die ein Ge­schäft daraus machen, den Dienstboten an allen Ecken aufzulauern, um sie gegen ihre Herrschaft aufzuhetzen."