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Bald fühlte ich mich wirklich leichter und nach und nach dämmerte in mir der Gedanke auf, wie gefährlich es doch eigentlich sei, auf diese Weise in einer Spielhölle zu übernachten, während mein Landsmann offenbar längst heimgewandert war.
Schwankend verriegelte ich die Thür und schob eine Kommode davor, untersuchte das Fenster und das Bett, versteckte mein Geld unter das Kopsktffen und dann legte ich mich nieder.
Ich war aber in einem unerklärlichen Zustande, wie ich ihn nie gekannt hatte; alle Nerven bebten in mir, von Schlaf war gar keine Rede; statt deffen stieg meine Aufregung immer mehr und ich sah bald die entsetzlichsten Schreckbilder vor meinen Augen. Ich richtete mich auf, kehrte mich nach der Wand zu, um den klaren Vollmondfchein draußen nicht zu sehen und endlich fing ich an, jedes einzelne Theilchen des Mobilars zu betrachten, bis auf das schwere Himmelbett, in dem ich lag und das sich über mir wölbte, plump und massiv, wie aus der Großvaterzeit, mit dichten Vorhängen, die ich jedoch gleich zurückgeschlagen hatte. Sodann studirte ich das Bild über der Kommode, welches einen alten Schweizer Landsknecht mit Federhut und Hellebarde darstellte; dann weilten meine Gedanken wieder in der fernen Heimath, wo im Elternhause ein ähnliches Bild hing.
Eine Viertelstunde verbrachte ich in Träumereien, dann blickte ich wieder einmal nach dem Landsknecht hin, aber — was war denn das? Träumte ich immer noch? — Der Krieger halte den federgeschmückten Hut tief über den Kopf gezogen! Ich sah es ganz deutlich, das Bild hing ziemlich hoch und war hellbeleuchtet, aber auf dem Haupte fehlten jetzt die großen Federn des Hutes, — nein der ganze Hut fehlte, ja die gesammte Fläche des Gesichtes war jetzt durch irgend einen dunklen Gegenstand zu- gedeckt. Wieder und wieder blickte ich hin, und jetzt begann auch der breite weiße Halskragen auf dem Bilde zu verschwinden.
Was ging denn vor? Ich blickte zufällig über mir in die Höhe, aber träumte ich denn noch oder bewegte sich wirklich der Betthimmel über mir?!
Ganz langsam, geräuschlos, regelmäßig kam er tiefer und tiefer herab, und die Fransen an dem äußeren Rande waren es, die für mich das Bild des Landsknechtes verhüllten.
War denn das möglich? Einen Augenblick erfaßte es mich wie eiskalte Lähmung.
Noch einmal blickte ich nach dem Bilde, das jetzt schon bis an den Leibgurt verdeckt wurde. Vor einer furchtbaren Todesgefahr lag ich regungslos da und immer tiefer senkte sich die Decke. Einen Augenblick noch, einen letzten, — dann vermochte ich mich wieder aufzuraffen und an dem Rand der Decke, die schon meinen Kopf streifte, glitt ich vorbei und fiel geräuschlos auf den Teppich vor dem Bett.
Aufzustehen war ich nicht im Stande, aber ich
i starrte bebend das Schauspiel an, das sich da vor mir entwick-lie.
Der Betthimmel bestand aus einer schweren Matratze, die sich jetzt fest auf mein Lager gepreßt hatte und welche an einer langen, hölzeren Schraub e durch die Zimmerdecke hindurch bewegt wurde.
Nach und nach wich das Entsetzen von mir und s ich begriff nun, warum vorhin das Stichwort Kaffee s die ganze Spielgesellschaft so rasch entfernt hatte und - weshalb mein Landsmann mitgenommen worden war. Ich sollte nicht aOzuviel Champagner trinken, um nachher nicht den präparirten Kaffe mit erbrechen zu müssen und mein würdiger Führer war ein gemeiner Mörder.
Eine Viertelstunde etwa blieb die Matratze liegen, dann hob sie sich langsam wieder, aber nun begriff ich, daß es die höchste Zeit zur Flucht sei. Nur durch's Fenster konnte ich diese bewerkstelligen und ohne Geräusch öffnete ich dasselbe, nahm das Geld an mich und entdeckte eben, als ich den gefahrvollen Sprung in die Tiefe wagen wollte, eins Dachrinne, an der ich in wenigen Secunden auf dis Straße hinabglitt.
Eine Viertelstunde nachher befand ich mich im Büreau de« Polizsipräfecten, wo ich einem der Commissare mit fliegenden Worten meine Erlebniffe erzählte.
Der Mann schien Anfangs geneigt, an meinem Verstände zu zweifeln, als ich aber mit großer Bestimmtheit die Adresse nannte und mich selbst zum Führer erbot, da entschloß er sich doch, mit seiner Mannschaft das Haus zu untersuchen.
Was soll ich noch weiter berichten?
Es erwies sich, daß der alte „Krieger Napoleons" ein ost bestrafter Verbrecher und der eigentliche In- Haber des Spielhauses war, während die Wirthin und der Croupier zu seiner Familie gehörten.
Man fand die Maschinerie des Bettes, welches der würdige Veteran selbst construirt hatte, genau so, wie ich sie beschrieben hatte.
Eine Woche lang sprach man in Paris von nichts Anderem als von meinem Abenteuer und ein Theaterdirector gedachte allen Ernstes, eine Nachahmung des Mordwerkzeuge» auf der Bühne darzubringen, was indessen die Regierung aus guten Gründen verbot.
Die Uebelthäter traf eine vieljährige Kerkerstrafe, auf mich aber blieb der Eindruck meines Erlebnisses ein so nachhaltiger, daß ich seitdem nie wieder Karten gespielt habe.
Redaktion; A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Gießen.


